Sinn und Unsinn der Sonntagsfrage

Werden sich die Wähler am Sonntag an den Umfrageergebnissen orientieren?
Werden sich die Wähler am Sonntag an den Umfrageergebnissen der Sonntagsfrage orientieren?

Umfragen gehören zum Wahlkampf wie die Urne zum Stimmzettel. Aber was bringen sie, welchen Einfluss haben sie und wie sollte man sie interpretieren? Von Gilda Sahebi

„Welche Partei würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“ – Fragt man Politiker, was sie von Umfragen wie der Sonntagsfrage halten, hängt die Antwort davon ab, wo die eigene Partei gerade steht. Hat sie gute Umfragewerte, sind die Zahlen Bestätigung für die richtige Politik. Steht die Partei schlecht da, sind Umfragen sowieso nicht wichtig und schon gar keine Wahlergebnisse. Was auch immer die Politik von Umfragen hält – aus dem Wahlkampf sind sie nicht mehr wegzudenken. Denn auch die meisten Wähler wissen über die neuesten Umfragewerte genau Bescheid. Da stellt sich die Frage: Haben die vielen Umfragen einen Einfluss auf das Wahlergebnis?

Heute gibt es mehr Umfragen als früher und die Bürger nehmen sie stärker wahr: Bei der Bundestagswahl 2005 wussten 65 Prozent der Wähler über Umfrageergebnisse Bescheid, 1957 waren es gerade mal 17 Prozent. Das liegt auch daran, dass mehr über Umfragen berichtet wird. Zum Beispiel erwähnten die vier überregionalen Zeitungen Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und die Frankfurter Rundschau in ihrer Berichterstattung zur Bundestagswahl 2009 Umfragen zehnmal so oft wie 1980, fand Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim raus.

Mitleid, Taktik und Leihstimmen

Carsten Reinemann, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, ist sich sicher, dass Umfragen Einfluss auf das Wahlverhalten haben. „Es gibt starke Hinweise aus anderen Ländern, dass es bestimmte Effekte gibt“. Er räumt aber ein, dass es keine „harten Belege“ dafür gebe, wie groß diese Effekte in Deutschland seien. Es gebe Wähler, die aus Mitleid die in Umfragen schwächere Partei wählen. Andere würden auf der Gewinnerseite stehen wollen und geben ihre Stimme der Partei, die besser Umfragewerte hat. Rüdiger Schmitt-Beck, Direktor des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung, sieht darin aber keine „Rieseneffekte“, nur bei sehr knappem Wahlausgang könnte dieser Einfluss eine Rolle spielen.

2013 ist die Zweitstimme wichtiger denn je: nach dem neuen Wahlrecht gibt es neben Überhang- auch Ausgleichsmandate
2013 ist die Zweitstimme wichtiger denn je, weil es nach dem neuen Wahlrecht neben Überhang- auch Ausgleichsmandate gibt.

Sicher ist, dass es eine Wählergruppe gibt, die sich ganz bewusst an Umfrageergebnissen orientiert: Die sogenannten taktischen Wähler. Sie wählen zwar in der Regel nicht außerhalb ihres politischen Lagers. Aber sie überlegen sich anhand der Zahlen genau, wo sie ihr Kreuz machen. Diesen Effekt hat man im Januar deutlich bei der Wahl in Niedersachsen gesehen, wo einige CDU-Wähler ihre Stimme der FDP gaben, damit die schwarz-gelbe Koalition weiter geführt werden konnte. Die FDP kam dank dieser taktischen Wähler auf 9,9 Prozent der Zweitstimmen. Solche strategischen Überlegungen sind aber nichts Neues. Schon bei früheren Bundestagswahlen hat die FDP von Leihstimmen profitiert.

Eine Umfrage ist eine Umfrage, keine Prognose

Was den Einfluss von Umfragen auf Wähler angeht, so gebe es keine verallgermeinerbaren Gesetzmäßigkeiten, fasst der Politikwissenschaftler Thorsten Faas die Debatte zusammen. Letztendlich sind Umfragen für die Wähler nur eine weitere Art der Informationsbeschaffung. Deswegen findet Reinemann, dass man keine Diskussion darüber brauche, ob Wahlumfragen Einfluss haben, sondern ob solch ein Einfluss überhaupt schlecht sei. Die Hauptsache sei, sagt Brettschneider, dass Umfragen transparent durchgeführt und richtig interpretiert würden. Zu oft würden sie als Prognosen gewertet, was sie aber nicht seien. Übersetzt heißt das: Solange die Wähler die Bedeutung von Umfragen verstehen, sollen sie damit machen, was sie wollen. Dass ein NPD-Wähler wegen einer Umfrage plötzlich entdeckt, dass er Sympathien für die Grünen hat, ist denn auch eher unwahrscheinlich.

Wer es mit dem verstorbenen FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff hält, kann die vielen Umfragen auch einfach ignorieren. Über Umfragen sagte er: „Es kotzt mich langsam an, ständig mit Umfrageergebnissen zu hantieren.“


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