Sein oder Nichtsein? – Das russische Paradoxon

Lilia Schewzowa
Lilia Schewzowa

Die renommierte Russland-Expertin Lilia Schewzowa entschlüsselt die russischen Paradoxien. Wie schafft es die russische Elite ihr Regime zu halten? Wie könnte Europa, auch in seinem ureigenen Interesse, Russland bei der Entwicklung hin zu einem Rechtsstaat helfen? Hilft dabei die Bahr‘sche Formel des „Wandels durch Annäherung“? Ein Interview von Felix Riefer in zwei Teilen, Teil I

Hier zu Teil II

Professorin Lilia Schewzowa arbeitet als Senior Associate bei der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden in Moskau und Washington. Diverse Lehraufträge führten sie unter anderem an das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen, die University of California at Berkeley, an die Cornell University sowie die Georgetown University. Sie ist Fellow am Woodrow Wilson International Center for Scholars.

/e-politik.de/: Frau Professorin Schewzowa, Sie prägten den Terminus das „russische Paradoxon“. Was ist darunter zu verstehen?

Lilia Schewzowa: Es gibt so viele Paradoxien im Kontext der russischen Entwicklung. Um diesen Terminus mit Inhalt zu füllen, würde ich am liebsten gleich mehrere Beispiele nennen. Das heißt nicht, dass diese Paradoxien nicht auch in anderen Ländern zu beobachten sind. Doch sind sie in Russland besonders deutlich und dramatisch ausgeprägt.

Nennen wir als erstes folgendes:

Die Regierung in Russland hat, um sich selbst zu erhalten, aus der russischen Politik eine wahre Sahara Wüste erschaffen. Durch das Implementieren einer repressiven Gesetzgebung zementierte sie das politische Handlungsfeld und liquidierte jede Möglichkeit zur Entwicklung von unabhängigen, starken politischen Kräften. Im Moment schlägt diese Regierung auf die Bürgergesellschaft ein und liquidiert damit die Möglichkeit, dass gesellschaftliche Interessen sich in einem öffentlichen Raum Platz schaffen. Doch wenn dieses Ventil zur Artikulation versperrt wird, vernichtet man damit die legale, legitime Möglichkeit seine Interessen zu äußern. Somit bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als der zerstörerische Weg, d.h. auf die Straße zu gehen und sich seine Interessen mit Gewalt zu erkämpfen. So ergibt sich das Paradoxon: Je starker die Repressionen, desto eher kommt es zur sozialen Explosion.

„Russland selbst stellt ein solches Paradoxon dar“

Als zweites Paradoxon nehmen wir schlicht Russland. Denn Russland selbst stellt ein solches Paradoxon dar, welches wir bisher so aus der Weltgeschichte nicht kennen. Zum einen ist Russland in gewissen Bereichen eine globale Weltmacht – keine regionale Macht – eine Weltmacht. Ich meine damit den ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat und im Sinne des Gleichgewichts des Schreckens der „mutually assured destruction“ – „wechselseitige zugesicherte Zerstörung“ kurz MAD. Zum anderen basiert die russische Wirtschaftsleistung nahezu vollständig auf dem Export von Rohstoffen und steht damit auf der Ebene der Ölexport Länder, der sogenannten Petro-states wie Venezuela oder Algerien. Diese Zusammensetzung von Supermacht und Petro-state ist hochgradig paradoxal, schließlich sind Petro-states in der Regel kaum entwickelt.

/e-politik.de/: Ich hatte noch ein von Ihnen beschriebenes Paradoxon gefunden: Die russische Elite möchte dem Westen zugehörig sein, den Westen aber gleichzeitig bekämpfen. Wie ist das zu verstehen?

Lilia Schewzowa: Dies würde ich sogar noch deutlicher sagen. Dieses Paradoxon geht über das Hamlet‘sche „to be or not to be“ – „Sein oder Nichtsein“  hinaus. Denn der Mechanismus des Überlebens der russischen Elite, des Regimes und des Systems bestand noch bis vor Kurzem aus der Formel „to be with the west, to be inside the west, and to be against the west“ – „Mit dem Westen sein, im Westens sein und gegen den Westen sein“.

/e-politik.de/: Konkret bedeutet das…

„Gegen den Westen sein“

Lilia Schewzowa: … folgendes:

„Mit dem Westen sein“ heißt mit dem Westen in den Sphären, die für einen von Nutzen sind, zu kooperieren, so zum Beispiel: in den Bereichen Handel, Energetik, Export von Technologien und so weiter.

„Im Westen sein“ bedeutet, jederzeit die Möglichkeit zu haben, eine westliche Staatsbürgerschaft zu erhalten, Konten im Westen zu haben, letztlich im Westen zu leben.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich für Freitag und Sonntag kein Ticket kaufen sollte, wenn ich nach London fliege, denn da sind die Flugzeuge voll mit den Vertretern der Elite, die ihre Familien besuchen oder wieder zurück zur Arbeit fliegen. Das heißt, diese Menschen sind im Westen völlig integriert und unterwerfen sich im Westen den westlichen Gesetzen, bei gleichzeitiger Missachtung dieser Normen in Russland.

Und „Gegen den Westen sein“ bedeutet, das Verschließen Russlands gegenüber jeglichem westlichen Einfluss. Organisationen, die aus dem Ausland finanziert werden, wird es erschwert – oder gar verboten – in Russland zu arbeiten. Neuerdings müssen sie sich sogar als Ausländische Agenten umregistrieren lassen. Auch zwei deutsche Fonds wurden in Petersburg und Moskau durchsucht.

/e-politik.de/: Die russische Elite genießt die Privilegien einer westlichen Gesellschaftsordnung und schließt gleichzeitig Russland von westlichen Einflüssen ab. Sie sagten es war bis vor Kurzem so. Was hat sich an diesem erweiterten Hamlet‘schen Paradoxon geändert?

„Die Gesellschaft ist vielmehr bereit, westliche Normen anzunehmen“

Lilia Schewzowa: Ja, diese Formel hat eine nicht unbedeutende Modifizierung erfahren. Welche? Nun, Putin sagt: „Wir wollen mit dem Westen sein“, das heißt mit dem Westen zusammenarbeiten, jedoch nur bei Fragen, die uns interessieren. „Wir wollen auch weiterhin im Westen sein, allerdings unter meiner Kontrolle“. Er nennt es die Nationalisierung der Eliten, was wiederum heißt, dass alle, die ausländische Konten haben, ihm diese Konten melden müssen und sie entsprechend öffnen bzw. schließen müssen. Die Möglichkeit, im Westen zu sein wird zwar noch ermöglicht, allerdings nur unter der Kontrolle der Zentralregierung. Was das Prinzip „Gegen den Westen sein“ angeht. Nun, dieser bleibt weiterhin der dominante Faktor in Bezug auf die Beziehungen des Kremls zum Westen. Genau diesen Punkt hat Putin in den letzten zwei Jahren besonders hervorgehoben, indem er vom Westen verlangt hat, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Russlands und die russischen Interessensphären im sogenannten Nahen Ausland einzumischen.

/e-politik.de/: Was sagen Sie zu der These ihres Kollegen Dmitri Trenin, dass die russische Gesellschaft sich im Grunde in eine positive Richtung entwickelt? Deckt sich diese Beobachtung auch mit ihrer?

Lilia Schewzowa: Ich gebe folgende Interpretation dessen, was mein Kollege gemeint haben könnte. Auch hier haben wir folgende paradoxe Situation. Die heutige russische Gesellschaft, die sich nach wie vor noch nicht vollends zu einer bürgerlichen entwickelt hat, gleichwohl jedoch aufzuwachen beginnt, ist zum ersten Mal in der Geschichte viel eher dazu bereit, die westlichen Normen anzunehmen als die russische Elite. Wen meine ich mit Elite? Ich meine natürlich die regierende Elite. Noch im 19. Jahrhundert war es genau umgekehrt.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Lilia Schewzowa:
Wandel durch Annäherung?


Das Interview wurde in der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden in Moskau in russischer Sprache geführt und anschließend vom Autor übersetzt.


Die Bildrechte liegen bei der Carnegie Endowment for International Peace (Porträt Lilia Schewzowa).


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