Rufmord durch falsche Bewertung

Ratingagenturen nehmen die Bonität ihrer Kunden unter die Lupe. Welchen Kriterien genau die Bewertung unterliegt, wird jedoch nicht veröffentlicht.

Die Europäische Union ringt mit Sparmaßnahmen und Rettungsschirmen um den Euro. Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s werten Spanien immer weiter ab. Experten analysieren die Glaubwürdigkeit und Auswirkungen dieser Einstufungen. Von Maike Hansen

Spaniens Kreditwürdigkeit wurde Mitte Oktober erneut herabgestuft. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) wertete diese von BBB+ auf BBB- ab. Zu Unrecht? Die Entscheidung basiere auf einem Missverständnis, das durch die Schaffung unrealistischer oder unzutreffender Erwartungen auf den Finanzmärkten geschürt worden sei, zitierte unter anderem die Financial Times Deutschland Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds am 12. Oktober 2012. Mit dieser Einstufung setzte S&P den Wert der spanischen Staatsanleihen jedoch beinahe auf Ramschniveau herab. Als Begründung wurden unter anderem die steigende Arbeitslosigkeit, die daraus resultierende Unzufriedenheit der Bevölkerung und die Einschränkung der Regierung bezüglich Reformen und Staatsausgaben genannt.

Standard & Poor’s droht zudem mit einer weiteren Herabstufung im Falle von schwindender politischer Unterstützung der spanischen Regierung und steigender Zinsen für spanische Staatsanleihen an den Kapitalmärkten. Mit der Bewertung BB+ wären spanische Staatsanleihen offiziell für Investoren als „nicht für Investments geeignet“ eingestuft.

Ratingagenturen: gewinnorientierte Unternehmen mit Aufsichtsfunktion

Die drei Ratingagenturen Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s dominieren mit einem Anteil von 95% der Ratingaufträge auf dem Weltmarkt. Als Ratingagenturen bestimmen sie die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten. Das Rating deckt die Spanne von AAA (sehr verlässlicher Schuldner, der Kredit zu niedrigen Zinssätzen erhält) bis zu D (Zahlungsausfall sehr wahrscheinlich) ab. Um eine Bewertung vollziehen zu können, stehen die Agenturen in ständigem Kontakt zu ihren Klienten und haben Einblick in deren Geschäftsbücher. Das genaue Verfahren der Benotung ist und bleibt jedoch ein Geheimnis.

Ein Geheimnis, das nach Veröffentlichung schreit. Denn viele Wirtschaftswissenschaftler bewerten die Aktivitäten der Agenturen als fragwürdig. Die drei marktbeherrschenden Ratingagenturen erfüllen nämlich eine Aufsichtsfunktion. Ihre Bewertung gilt als gesetzlicher Maßstab. So müssen laut Gesetz negativ eingestufte Investmentfonds zuvor erworbene Staatsanleihen verkaufen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die bewertete Firma zahlt selbst für das Rating.

Der französische Finanzminister Pierre Moscovici einer Debatte mit Wolfgang Schäuble. Der Bundesfinanzminister kritisierte die Abwertung der spanischen Staatsanleihen durch S&P Mitte Oktober.
Der französische Finanzminister Pierre Moscovici bei einer Debatte mit Wolfgang Schäuble. Der Bundesfinanzminister kritisierte die Abwertung der spanischen Staatsanleihen durch S&P Mitte Oktober.

Willkürliche Herabstufungen zwischen 2008 und 2011

Immer mehr Ökonomen teilen die Zweifel an den Bewertungen der Ratingagenturen. An der Universität St. Gallen (HSG) erschien diesen Sommer eine Studie, die einen großen Einfluss der Ratingagenturen auf den Verlauf der Eurokrise nahelegt. Manfred Gärtner und Björn Giesbach verglichen die Daten 25 verschiedener OECD-Staaten von 1998 bis 2011 unter anderem in Bezug auf Wirtschaftsleistung, Verschuldung und Inflation mit den Bonitätsstufen der Ratingagentur Fitch. So stellten Gärtner und Giesbach fest, dass Ländern wie Deutschland mit der Bestnote AAA zu Beginn der Krise eine Abstufung oder negative Aussichten keinen ökonomischen Schaden zufügten. Die Märkte bleiben stabil. Allerdings können laut der HSG-Studie „Länder mit einer Bewertung von A oder schlechter sehr schnell durch geringste Zins- oder Ratingsignale in den Insolvenzstrudel gestoßen werden.“ Die beiden Wissenschaftler gehen noch weiter, sie meinen: „Die Herabstufungen vieler europäischer Länder im Zeitraum 2008–2011 sind willkürlich.“ Seit 2008 hätte die Agentur Fitch ihre Bewertungsmaßstäbe für europäische Länder grundlegend geändert. Griechenland, Irland oder Spanien hätten nach dem „alten“ Bewertungssystem der Ratingagentur nicht derart drastisch herabgestuft werden müssen. Zumindest lässt sich dafür in der objektiven Betrachtung von Wirtschaftslage und Staatsfinanzen keine Begründung finden.

Ratingagenturen mit unbeschränkter Macht?

Trotz ihrer umstrittenen Position bestimmen Ratingagenturen weiterhin zu größten Teilen die wirtschaftspolitische Ausrichtung der Schuldenkrise. Die Bewertungen der Agenturen erfüllen sich von selbst, da ihrem Urteil auf den Finanzmärkten eine riesige Bedeutung beigemessen wird. „Die USA können ein Land mit ihren Bomben zerstören; Moody’s, indem es seine Anleihen herunterstuft“, erklärt Wirtschaftsjournalist Thomas Friedman die Macht des Unternehmens.

In der Schlussfolgerung der HSG-Studie betrachten Gärtner und Giesbach die Ratingagenturen „als zentrale Auslöser und Antreiber in der europäischen Schuldenkrise.“ Daraus lässt sich schließen, dass diese Krise nicht allein durch Konjunktur-, Spar- oder Rettungspakete zu lösen ist. Was Friedman bereits 1995 für den US-Markt feststellte, trifft derzeit auf die europäische Wirtschaft zu. Das Ausmaß dieser „Zerstörung“ beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Finanzmärkte. Falls die Anerkennung gewinnorientierter, mehrfach als unseriös und fraglich eingestufter Ratingagenturen Bestand haben sollte, droht der wahlberechtigten Bevölkerung der Europäischen Union die politische Entmündigung.

Aktionäre an den europäischen Märkten richten ihr Handeln nach den Bewertungen der Ratingagenturen.
Aktionäre an den europäischen Märkten richten ihr Handeln nach den Bewertungen der Ratingagenturen.

Warum wir wählen, ohne eine Wahl zu haben

Im September 2013 geben die deutschen Wähler ihre Stimme für eine neue Besetzung des Bundestages ab. Die gewählten Vertreterinnen und Vertreter entscheiden in den kommenden vier Jahren, ob und wie viele Steuergelder aus der deutschen Staatskasse in die Rettungsprogramme europäischer Staaten fließen. Doch haben wir im Grunde eine Wahl? Wie können Politiker Entscheidungen über finanzielle Unterstützung treffen, wenn die Basis dafür von Firmen gelegt wird, die ein enormes Eigeninteresse an den Auswirkungen ihrer Ratings haben?

Die Wirtschaftslage kriselnder Länder muss frei von der Aussicht auf eigenen Profit bewertet werden. Nur so können realistische Aussagen über Subventionen getroffen werden. Verschiedene unabhängige, von der Europäischen Zentralbank finanzierte und koordinierte Wirtschaftsforschungsinstitute sollten diese Aufgabe übernehmen. Selbstverständlich müssten die Bewertungsmaßstäbe der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen. Sollte sich die Gewichtung der Ratings der „großen drei“ durch die Finanzmärkte und die Politik nicht ändern, bedeutet dies für den wahlberechtigten Europäer vor allem eins: den Verlust seiner Stimme.

 


Die Bildrechte liegen bei Jurjen van Enter (EZB), der Europäischen Union (Schäuble, Moscovici) und Dieter Schütz (Lupe).


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