Realismus und Unmündigkeit

Mark Fisher möchte eine Alternative zur derzeitigen Ausformung des Kapitalismus aufzeigen.Ist der kapitalistische Realismus ohne Alternative?, fragt der Kulturwissenschaftler Mark Fisher und will damit unserem Vorstellungsvermögen auf die Sprünge helfen. Von Markus Rackow

Der Kulturwissenschaftler und Publizist Mark Fisher hat in kurzer und bündiger Form eine lesenswerte, ideologiekritische Flugschrift gegen den pragmatistischen Zeitgeist vorgelegt. Dabei ist sein Büchlein Kapitalistischer Realimus ohne Alternative? alles andere als die gefürchtete und vermeintlich staubtrockene Theoriearbeit, sondern bietet in Teilen auch philosophisch Unkundigen eine bereichernde Lektüre.

Dies gelingt dem Autor etwa durch Anspielungen auf Hollywood-Filme, die ihm unter anderem als Beleg für seine These gelten, dass die Kultur in gewisser Weise erschöpft ist, dass wir alle imstande sind uns„eher das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“. Diese Erstarrung der Imagination bezeichnet er als „kapitalistischen Realismus“, der symptomatisch für den Spätkapitalismus sei. Im Anschluss an den Drill der Fabrik im Industrialismus seien in das kapitalistische Regime Forderungen nach Flexibilität aufgenommen und so ein vermeintlich post-ideologisches Klima geschaffen worden, in dem jeder Widerstand gegen den Kapitalismus von ihm quasi absorbiert wird.

„Marktstalinismus“ als Resultat des Neoliberalismus

Diese fatalistische Sicht wird anhand Fishers eigener Erfahrungen als Lehrender einer britischen Oberschule empirisch greifbar gemacht. Nach dem Regierungsantritt von Tony Blairs New Labour 1997 prägte eine Mischung aus einerseits kafkaeskem Bürokratismus und andererseits Effizienz- und Marktzwängen den Lehralltag. Fisher bringt diese paradoxe Kombination auf den Begriff „Marktstalinismus“, unter dessen Regime das Symbol für Leistung statt der Leistung selbst aufgewertet werde. Dieses Korsett aus Zwangsliberalisierung und der Produktion von hübschen Statistiken sieht er als Teil eines Klassenkampfes von oben, der zur Passivität weiter Bevölkerungsteile geführt habe, vor allem der Unter- und Mittelschicht sowie der Jugend.

Unter Schülern schlage sich das quasi bipolare, manisch-depressive Moment des Kapitalismus und seiner neoliberalen Spielart besonders nieder: Dem unkontrollierbaren Auf und Ab von Boom und Rezession entsprechen Depressionen, aber auch Leseschwächen, Konzentrationsunfähigkeit und damit einhergehend eine starke Gegenwartsfixierung. All diese psychischen Störungen und Krankheiten seien sozial verursacht, betont Fisher gegen populäre, rein individuelle genetische oder neurologische Erklärungsansätze. Allerdings unterschlägt er die Rolle psychischer Erkrankungen als Wirtschaftszweig der Pharmaindustrie, oder die jüngste Kritik am Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM).

Politik statt Konsum als Lösung

Der Philosoph Mark Fisher
Der Philosoph Mark Fisher

Die Widersprüche des herrschenden Kapitalismus manifestieren sich laut Fisher vor allem in den Familien. Diese würden einerseits hoch gehalten als Kern der Gesellschaft, an den Erziehungsaufgaben delegiert werden. Gleichwohl seien die real existierenden Familien zunehmend überfordert durch steigende Arbeitszeit, Berufstätigkeit beider Erziehungsberechtigter und das damit einhergehende Management von Kindertagesplätzen, die Förderung des Nachwuchses und dem gleichzeitigen Anspruch, dass die Familie einen Rückzugsort zur Erholung bieten soll. Statt aber diese Widersprüche zu erkennen, suchten die Subjekte die Lösung in Produkten statt in der Politik. Sie litten an der politisch erzeugten Innerlichkeit und Individualität und an der als eigenes Versagen wahrgenommen Unmöglichkeit, diverse Ansprüche zu vereinen.

Daraus folgt für Fisher, die Unzufriedenheit auf das Kapital zu lenken. Allerdings spricht er sich auch für eine neue linke Theorie aus. Nach der „Stunde Null“ der Finanzkrise dürfe die Linke nicht mehr der Sehnsucht nach dem Staat nachgeben, vielmehr gelte es wieder eine politische Öffentlichkeit zu erzeugen und langsam, strategisch die Hegemonie und die Parlamente zu erobern. Der Neoliberalismus, obwohl diskreditiert, lebe noch als „Zombie“ fort, und damit sei der kapitalistische Realismus derzeit verhärteter denn je.

Wie der Kapitalismus, aber besser

Trotz der diagnostizierten geistigen Leere unserer Zeit gleitet Fisher nicht in den allerorten gepflegten Zynismus ab, dem er vorwirft, die Wirksamkeit von Symbolen in pseudo-aufklärerischer Manier zu verkennen. Vielmehr wendet er sich insbesondere im vier Jahre nach dem englischen Original verfassten Nachwort zur deutschen Übersetzung gegen affektgeladenen oder moralinsauren Antikapitalismus, den reaktionär-nostalgischen Drang zu Bauernhof und regionaler Wirtschaft oder fairem ökologischen Konsum.

Letztlich müsse die Linke neue Wege gehen, und den vom Kapitalismus in ihrer Begehrensstruktur abhängigen Menschen dasselbe bieten, aber „in neuen, verbesserten und bislang noch unvorstellbaren Formen“. Wie das genau gehen soll wird aber nur vage angedeutet, zumal Fisher auch betont, dass Askese und Rationierungen unumgänglich seien, es allerdings wichtig sei, ob diese von den Herrschenden aufgezwungen oder gesellschaftlich verhandelt würden. Auch das „wir“, für das Fisher schreibt, ist nicht wirklich umrissen. Sind es die 99%? Diese atomisierten Individuen sind offenkundig sehr heterogen, wie das Zerfallen der Occupy-Bewegung und das Schweigen der Mittelschicht, von Lokalaufruhr abgesehen, zeigt.

Teilweise liest sich Fishers Buch wie ein Plagiat von Slavoj Zizek oder Gilles Deleuze. Vor allem Zizek war zumindest zu Beginn mit der Occupy-Bewegung in Form eines Auftritt und einigen Texten verbunden und seine Theorien haben sich beim Aufbau einer neuen linken Hegemonie oder Systemumsturz nicht sonderlich effektiv oder breitenwirksam gezeigt. Auch Fishers Kritik an Alain Badious ,Ereignis’-Begriff verfängt nicht, da dieses Ereignis eine universale Wahrheit als realistische Utopie denkbar halten will – und zudem immerhin formal dem kapitalistischen Marketing-Event gleichkäme, das offenbar in der Begehrensstruktur angelegt ist. Wieso sollte politisches Handeln nicht versuchen, auch hier auf das Erfolgsrezept des Spektakel-Kapitalismus aufzuspringen? Fisher bietet auf das Wie des Bruchs mit dem Status Quo offenbar letztlich auch nur eine verkopfte Antwort.

Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?
Hamburg: VSA Verlag , 2013. 120 S., 12,80 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Verlag.


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