Offene Wunden – offene Fragen

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Slavoj Žižek: Gefeiert und gefürchtet

Unbequeme Wahrheiten, unerwartete Folgerungen, unkorrekte Äußerungen. Der Philosoph Slavoj Žižek macht es seinem Publikum selten einfach. In Heidelberg sollte er über die politischen Ereignisse des Jahres 2011 vortragen, beschäftigte sich dann aber hauptsächlich mit Hegel. Ein Veranstaltungsbericht von Lennart Faix

Starphilosoph, enfant terrible, unbarmherziger Aufklärer. Psychoanalytiker, Dialektiker, Kommunist. Slavoj Žižek aus Ljubliana, Slowenien bekommt vielfältige Labels verpasst. Er analysiert und kritisiert, deckt die unbewussten Überzeugungen und ideologischen Mechanismen der Gegenwartskultur auf. Er provoziert und polarisiert: Seine politisch unkorrekten Äußerungen, griffigen Pointen wie derben Zoten sorgen abwechselnd dafür, dass er gefeiert, gehasst, belächelt oder gefürchtet wird. Und ihm gelingt, was nur wenigen Vertretern seiner Zunft gelingt: Er zieht die Massen. Für seinen Vortrag in Heidelberg Ende Februar sah sich das ausrichtende Deutsch-Amerikanische Institut (dai) gezwungen, von den eigenen Räumlichkeiten in die Neue Aula der Universität auszuweichen. Für einige Dutzend Besucher war aber auch dieser Saal zu klein.

Für diejenigen, die es hinein geschafft hatten, wurde es ein schwieriger Abend. Angekündigt war ein Vortrag über „2011 – das Jahr der gefährlichen Träume“. Wer sich jedoch eine gründliche Analyse der verschiedenen Ereignisse vom Arabischen Frühling über das Attentat Breiviks bis hin zum Antisemitismus in Ungarn oder der Entwicklung der „Occupy-Bewegung“ erhofft hatte, wurde gleich zu Beginn irritiert. Nach einem lapidaren Hinweis, all das könne man in seinem Anfang März erscheinenden Buch nachlesen, erklärte Žižek, er wolle sich nun der Frage stellen, wie wir heute Hegel lesen müssen. Er ging dabei zwar von der aktuellen politischen Situation aus – sollte aber bis zum Ende des Vortrages nicht mehr dorthin zurückgelangen.

Krise? Welche Krise?

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Demonstrant der „Occupy-Bewegung“: Grundsätzlich falsches Bewusstsein?

Aus der Sicht des Westens mag die gesamte Weltwirtschaft in einer angespannten Lage sein. Global gesehen ist für Žižek ein solcher „Eurozentrismus“ jedoch nicht haltbar: „Nie hat sich der Kapitalismus weltweit so rasant entwickelt wie in den letzten Jahren.“ Die wahre Krise sei eine ganz andere, denn was folge auf die bröckelnde ideologische Vormachtstellung des Westens? Žižeks Antwort: „Die Epoche, in der wirtschaftliche Entwicklung und kapitalistische Liberalisierung automatisch Formen der Demokratisierung nach sich zu ziehen schienen, ist endgültig vorbei.“ Die Fragen, wie man dem Kapitalismus entgegentreten könne oder welche Wege zu einer anderen Gesellschaft führen könnten, blieben also in aller Dringlichkeit bestehen.

Folgt man Žižeks Ansichten, so werden der gesellschaftliche Wandel und eine Abwendung der schleichenden Entdemokratisierung der kapitalistischen Gesellschaften zuallererst durch ein allgemeines falsches Bewusstsein von der Situation verstellt. Historische Beispiele wie etwa die Französische Revolution aber auch der Arabische Frühling zeigten, Umwälzungen politischer Ordnungen fänden nicht dann statt, wenn der Druck auf die Bevölkerung zu groß werde, sondern vielmehr dann, wenn sich die Umstände leicht besserten und die daraus entstehenden Hoffnungen und Erwartung ignoriert oder nicht rasch genug erfüllt würden: „Politisches Chaos und wirtschaftlicher Aufschwung sind keine natürlichen Gegensätze.“ Auf philosophischer Ebene lautet Žižeks Devise deshalb: Weg vom „Marx-Hölderlin-Paradigma“ hin zu Hegel und Wagner! Wie ist das zu verstehen?

Mit Hegel und Wagner gegen das falsche Bewusstsein

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G.W.F. Hegel: Žižeks Wunschkandidat für eine neue „Dialektik der Aufklärung“

 „Doch wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Diese Zeile aus Friedrich Hölderlins Gedicht Patmos versinnbildlicht für Žižek die gesamte – und grundsätzlich falsche – Haltung der Linken. Nach Karl Marx sei die Geschichte eine einzige progressive Entfremdung des Menschen von seinen Lebensumständen, also von einem idealen und harmonischen Urzustand. Doch just, wenn die Entfremdung am weitesten fortgeschritten sei, wachse auch die Chance auf ein allgemeines Erwachen, eine Revolution ohne nachträgliche Verfälschung und eine Rückkehr der Menschheit in ihren natürlichen Urzustand: „Jede Epoche sieht sich selbst als eine Zeit größter Gefahr, aber auch mit einer Hoffnung auf historische Versöhnung.“ Dieser Sichtweise möchte sich Žižek gerne entledigen. Denn vor jeder Diskussion über konkrete politische Alternativen müsse man lernen, sich das Problem grundlegend anders zu stellen.

Auch bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel spielt der Versöhnungsgedanke eine wichtige Rolle; gemeinhin wird dieser als „Synthese“ bezeichnet. Doch weit entfernt vom herkömmlichen Hegel-Verständnis will Žižek hier zu seiner Freude weder eine Idee von einem harmonischen Anfangszustand noch den Versuch einer Rückkehr zu diesem erkennen. Vielmehr erinnere ihn der Versöhnungsgedanke der deutschen Dialektik-Ikone an ein Motiv aus Richard Wagners Oper Parsifal: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.“

Nach Žižeks Lesart bedeutet das, jeder Verlust sei ganz grundsätzlich der Gewinn eines Verlusts: „Die Wunde selbst als Effekt setzt erst rückwirkend den Speer als Kriterium für das Bewusstsein von der Wunde als Wunde ein.“ So könne es beispielsweise für das moderne Indien in seinen postkolonialistischen Emanzipationsbestrebungen nicht darum gehen, in einen „natürlich-indischen“, präkolonialen Urzustand zurückzukehren. Vielmehr sei die indische Identität unmittelbar Produkt der Kolonialisierung durch das Vereinigte Königreich; irreparabel und konstitutiv. So gelte es etwa nicht, sich mit aller Macht der englischen Sprache als eines Unterdrückungsinstrumentes zu entledigen, sondern vielmehr, dem ehemaligen Kolonialherren den Speer der englischen lingua franca zu entreißen und sie sich zur eigenen Waffe zu machen. Auf allgemeiner Ebene bedeutet das für Žižek: „Wir müssen die Wunde vollständig akzeptieren.“ Versöhnung, so schließt Žižek seinen Gedankengang, sei also nicht ein Zustand, der die Wunde für immer schließe, sondern einer, in dem die Wunde nicht mehr als Wunde erscheine.

Große Fragen, kleine Reizpunkte

Die Entwicklung seines hegelschen Denkmotivs bleibt bruchstückhaft, mögliche politische Konsequenzen, vor allem für die Krise im Westen, bleiben im Dunkeln. Wer gehofft hatte, mit handfesten Ratschlägen nach Hause zu kehren, wurde enttäuscht. Wer Žižek zum ersten Mal erlebte und sich eine umfassende Einführung in seine Gedankenwelt erhoffte, hatte es sicherlich schwer. Zur Verwirrung könnte nicht zuletzt auch die Tatsache beigetragen haben, dass der Veranstalter als Ankündigungsschreiben wortwörtlich den Begleittext des Verlags zu Žižeks neuem Buch verwendet hatte.

Doch haben der hohe Abstraktionsgrad und das verminderte Maß an Klarheit und Ausarbeitung auch ihre philosophischen Gründe. Lange Zeit hat Žižek vor allem über die unbewussten ideologischen Mechanismen des Kapitalismus in Politik und Popkultur vorgetragen. Dabei entwickelte er eine große Routine, die alsbald auch ihre Redundanzen zeitigte: Immer wieder kehrende Beispiele und altbekannte Pointen schlichen sich ein. Zuletzt äußerte sich der beflissene Entertainer etwas gelangweilt von seinen eigenen Ausführungen. Seit einiger Zeit versucht Žižek daher weiter zu gehen und fragt hierbei verstärkt nach konkreten Möglichkeiten, den Entwicklungen des globalen Kapitalismus auf politischer Ebene entgegen zu treten: Wie ist Widerstand heute möglich?

Wer die Arbeit Žižeks bereits länger verfolgt, dem wurde mit der Denkfigur des Wagner-Hegel-Gleichnisses sicher ein neuer Reizpunkt zur intensiven intellektuellen Beschäftigung mitgegeben. Ob die Rückbesinnung auf den großen alten Idealisten jedoch wirklich eine konkrete Hilfe sein kann oder ob sie vielmehr einen bequemen Rückzug in die Ahnengallerie des philosophischen Elfenbeinturmes darstellt, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Ein Video des kompletten Vortrages findet ihr hier.


Die Bildrechte liegen bei Andy Miah (Žižek; Creative-Commons) und Palinopsia Films (Demonstrant; Creative-Commons) bzw. sind gemeinfrei (Hegel).


Weiterführende Links und Literatur:

Umfangreiche Artikel- und Materialiensammlung von und über Slavoj Žižek (englisch) auf Lacan.com

Žižek, Slavoj: Das Jahr der gefährlichen Träume. Fischer-Verlag, 19,99 Euro.

Butler, Rex: Slavoj Žižek zur Einführung. Junius-Verlag, 14,90 Euro.


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