Normative Dimensionen globalen Widerstands

9783848701643Die technischen und sozialen Bedingungen der Globalisierung haben zu innovativen Formen von Machtausübung und Widerstandspraktiken geführt. Julian Junk und Christian Volk versammeln Beiträge für eine innovative Forschungsagenda zum Thema Widerstand in der internationalen Politik. Von Christoph Rohde

Wie verhalten sich Macht und Widerstand in der internationalen Politik zueinander? Auf welche Weise entwickelt sich der Widerstand gegen den Prozess der Globalisierung? Welches sind relevante Akteure? Und wie lässt sich der Widerstand gegen demokratisch gesetzte Normen normativ begründen?

Die Politikwissenschaftler Julian Junk von der Goethe-Universität Frankfurt und Christian Volk aus Trier haben im Sammelband Macht und Widerstand in der globalen Politik Wissenschaftler versammelt, um die Dialektik zwischen Steuerungsnotwendigkeiten und Widerstandsbedingungen in der internationalen Politik in verschiedenen Dimensionen darzustellen und zukünftige Forschungsagenden zu formulieren. Neben historisch-philosophischen Reflexionen werden in neun Beiträgen unter anderem auch Fallbeispiele wie der bolivianische Wasserkrieg oder der Widerstand gegen die europäische Flüchtlingspolitik sowie die Rolle der neuen Medien bei Projekten politischer Dissidenz thematisiert.

Der Märtyrer im Widerstreit von Macht und Widerstand

Unter Bezugnahme auf Michel Foucaults Machtphilosophie analysiert der Berliner Philosoph Philipp Wünschner die Figur des Märtyers in Bezug auf dessen politische Bedeutung als Widerständler. Foucaults Machtbegriff verneine eine einfache Verknüpfung der Begriffe Widerstand und Emanzipation, da dieser relationalen Charakters sei und nicht einfach von einzelnen Subjekten sowie Institutionen geübt werde, sondern auch auf diese wirke, so Wüschner. Der Reiz des Märtyrertums liege darin, dass seine Figur verspreche, eine Vereinbarkeit von Widerstand und Emanzipation herzustellen. Durch den freiwilligen Tod wird die bestehende Ordnung angegriffen und in ihrer Machtstruktur verändert. Der Widerstand des Märtyrers ist „Widerfahrnis“, nicht Handlung, und wird an einem Subjekt vollzogen. Das körperlich ertragene Leid ist dann der Widerstand, durch den der Märtyrer seine Erlösung erlangt – aus politischer Sicht lässt sich hier allerdings eine Art Fatalismus ableiten. Die Manipulationen der weltlichen Macht werden durch die Umformung des eigenen Körpers abgewehrt. Der Akt der Taufe macht im christlichen Verständnis aus dem fleischlichen Körper einen heiligen, symbolischen Körper, der für weltliche Herrschaft unangreifbar wird, analysiert der Philosoph. Die Figur des Märtyrers wird jedoch erst posthum durch die mediale Repräsentation politisch relevant, indem sie von einer religiösen oder politischen Bewegung instrumentalisiert und mythologisiert wird.

Dass im Facebook-Zeitalter politischer Widerstand möglicherweise durch unfreiwillig zu Märtyrern stilisierte Opfer von Fremd- oder Selbstgewalt organisiert wird, zeigt Wüschner an den Beispielen der Selbstverbrennung des Tunesiers Mohamed Bouazizi, der Palästinenserin Wafa Idris, die sich in einem Schuhgeschäft in die Luft sprengte, und des ägyptischen Bloggers Khaled Mohammed Said, der von zwei Zivilpolizisten zu Tode geprügelt wurde und wohl nicht sterben wollte.

Diese Beispiele zeigen, wie der emanzipatorische Impetus nachträglich von einem oder mehreren Kollektiven konstruiert und den „Märtyrern“ übergestülpt werden kann – die Figur des politischen Widerständlers oder Märtyrers wird in diesen Fällen zum Gegenstand politischer Manipulation.

Von der Ent-zur Repolitisierung der globalen Politik

Die Herausgeber zeigen in einem Kapitel zum Thema „Herrschaft in der internationalen Politik“ auf, dass sich Herrschaftsstrukturen in der Weltpolitik gebildet haben, die dazu führen, dass die Führungsakteure ihre Herrschaft durch Strategien der Entpolitisierung durchzusetzen versuchen. Die Reaktion darauf ist eine Radikalisierung des politischen Protests, der sich in multiplen Formen ausdrückt. Klar ist für Junk und Volk, dass die klassische staatliche Analyse internationaler Machtstrukturen ausgedient hat. Für sie vermag es der Begriff der Heterarchie, den „dezentralen, strukturellen Aufbau internationaler Politik“ darzustellen, der das ganze Netzwerk staatlicher, zivilgesellschaftlicher, globaler und transnationaler Akteure umfasse. Mit Hilfe dieser Überwindung eines staatszentrierten und potenzialorientierten Machtbegriffs gelingt eine differenzierte Sicht auf Herrschaft und die Darstellung ordnungspolitischer Gegenentwürfe.

In vierfacher Hinsicht spiegelt die Dialektik von Widerstand und Herrschaft die Entpolitisierung als Herrschaftsbewahrungsstrategie wider, meinen die Autoren: Entpolitisierung als Strategie der Aufrechterhaltung von Ungleichheit, Entpolitisierung unter dem Diktum der Notwendigkeit, Entpolitisierung durch Prozesse der Verrechtlichung und Entpolitisierung durch Verwaltungshandeln. Gegen diese Prozesse bildeten sich verschiedenartige Formen von Widerstand und Dissidenz – vom „arabischen Frühling“ über nationale Wutbürgerbewegungen hin zur Occupy-Bewegung. Der Herrschaftsbegriff bleibt hier jedoch diffus und negativ bestimmt und enthält lediglich Hinweise auf Herrschaftspraktiken zur Aufrechterhaltung illegitimer Verteilungsverhältnisse – ein positiver Herrschaftsbegriff zur Stabilisierung legitimer Ordnung bleibt unterbelichtet.

Die Zukunftsagenda „Internationale Dissidenz“

In einem abschließenden Kapitel formulieren Christopher Daase und Nicole Deitelhoff von der Goethe-Universität Frankfurt Fragen für eine zukünftige Dissidenz-Forschung. Für gehen die Legitimationskrisen nationaler Systeme und des globalen Systems insgesamt Hand in Hand. Die fehlenden Freiräume für legitimen politischen Widerstand und der Mangel an Alternativen führen zu einem Zusammenfallen radikaler Argumentationen und radikaler Handlungen, die zusammen das Phänomen Dissidenz ausmachen. Daase und Deitelhoff versuchen die verschiedenen Formen von Dissidenz an Hand ihres Organisationsgrades zu bestimmen und die Übergangsprozesse von gewaltfreier zu gewaltsamer Dissidenz in unterschiedlichen politischen Systemen zu analysieren. Der Forschungsband bringt Licht in ein Sammelsurium diffuser Widerstandsphänomene in der Weltpolitik. Er ist nicht nur Politikwissenschaftlern im engeren Sinne zu empfehlen, sondern auch politischen Praktikern und Aktivisten auf der politischen Bühne, die ihre Ziele auf kreative Weise umsetzen möchten.

Julian Junk/ Christian Volk (Hrsg.): Macht und Widerstand in der globalen Politik.
Nomos Verlag. Baden-Baden 2013. 175 Seiten. 29 Euro.


Das Bildrecht (Buchcover) liegt beim Verlag.


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