Nockherberg 2013: Vorsicht vor Gemütlichkeit

Karikatur NockherbergLuise Kinseher hat als Mama Bavaria das bayerische Kabinett derbleckt und Markus H. Rosenmüller mit seiner Singspielpremiere einen Coup gelandet. Rede und Singspiel beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg waren dieses Jahr aus einem Guss. Von Torsten Müller

Zum dritten Mal seit 2011 hat die Kabarettistin Luise Kinseher in der Rolle der Mama Bavaria die Fastenrede zum traditionellen Derblecken beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg gehalten. Wie 2011 und 2012 war die Rede mit vielen Bildern angereichert, mit denen die Aussagen gewürzt wurden.

Plumpe Kracher finden sich bei Kinseher keine, es gilt, zwischen den Zeilen zu lesen. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat das treffend charakterisiert: Es sei die „innere Distanz“, die Kinseher in der Rolle der Bavaria zu ihren Kindern wahrt, die ihren Bildern satirische Kraft gibt.

Durch den Wahlkampf segeln

Kinseher stellte zu Recht den bereits tobenden Wahlkampf, „diese Mutter aller Schlachten“ (Seehofer), in den Mittelpunkt. Daraus sponn sie einen roten Faden, der am Ende der Rede die Pointe bilden würde: „Wenn es in Bayern jemals eine Mutter aller Schlachten gegeben hat, dann war das die Schlacht von Mühldorf.“ Dieser Sieg wurde von Kaiser Ludwig errungen, den Kinseher nun mit dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) vergleicht, der nicht aus taktischen, sondern aus genetischen Gründe spinne.

Gekämpft hat Konig Ludwig in Mühldorf gegen den Habsburger Friedrich den Schönen, den Kinseher mit Christian Ude verglich: Dieser wolle für die SPD „mit einer einzigen Wunderkerze ein großes Feuerwerk veranstalten“. In dieses historische Bild wurde das weitere Kabinett eingeflochten und es durchzog die gesamte Fastenrede.

Ein weiteres Bild schloss sich gleich an: das der Politik, die das Schiff Bayern durch die ungestüme See des Wahlkampfs steuert.

„Liebe Neu-, liebe Brief-, liebe Abwähler“

Zum Wahlkampf gab es viel zu sagen: „Liebe Neu-, liebe Brief-, liebe Abwähler! Des wichtigste is uns in Bayern doch die Wahlfreiheit, drum wählts was wollts – meinetwegen auch die Grünen.“ Man könne bei „den Grünen ja sowieso nicht von einer normalen Partei im Sinne der CSU sprechen.“

Der FDP empfahl die Bavaria, den Wahlkampf einzusparen, das lohne sich sowieso nicht. Christian Ude, „unserem Traumschiffkapitän hinter dem Kap der guten Hoffnung“, der „Peer Steinbrück mit seinem Leuchtturm verwechselt hat,“ rechnete sie seine Träume vor: „Wenn die SPD alle fünf Jahre ein Prozent dazu gewinnt, dann können wir in 200 Jahren zur absoluten Mehrheit gratulieren.“

Hubert Aiwangers Passagiere auf seinem „Ausflugsschiff der Freien Wähler“ seien alles CSUler auf Rundfahrt. „Bei der nächsten Anlegestelle steigen die wieder aus und warten auf das nächste Schiff Richtung Heimathafen.“ Seine Ausflüge nach rechts untersagte sie ihm forsch: „Bloß weilst a Landwirt bist, brauchst ned meinen, dass du aus deiner Partei an Saustall machen darfst.“

In einem Bett mit der Bavaria

Zum Ende kam Luise Kinseher wieder auf ihren Einstieg zu sprechen: die Mutter aller Schlachten, die Schlacht von Mühldorf. König Ludwig und Friedrich der Schöne haben sich damals als Friedensregelung auf eine Mitregentschaft geeinigt, „und um das zu beweisen, haben sie öffentlich in einem Bett geschlafen. – Ja, so weit muss jetzt bei euch vielleicht nicht kommen“.

Diese Pointe, aus dem dahingeworfenen Wahlkampfmotto Horst Seehofers – „die Mutter aller Schlachten“ – gestrickt, ist ein treffender Kommentar zum Verhältnis von CSU und SPD. Die CSU nähert sich der SPD inhaltlich an, die SPD wiederum möchte so volksnah wie die CSU sein, und doch sind sie sich spinnefeind. Frieden herrsche erst, wenn die Öffentlichkeit das auch sehe und es die Parteien eingestehen würden.

Der mündige Bürger solle sich vom Wahlkampf also bloß nicht täuschen lassen. Die selbe Haltung verkörpert auch der zweite Teil der Salvatorprobe 2013.

Volkstheater ohne Folklore

Mehr als nur kurze Erwähnung muss das Singspiel finden. Zwar wurde es auch in jüngster Zeit stets pointiert, professionell umgesetzt und mit viel Aufwand produziert, doch fehlte ihm eine eigenständige Ausdrucksform. Die Anlehnung an zeitgenössische Castingshows war nicht tragfähig genug. Dieses Jahr wurde ein Format gefunden, welches nicht nur dem Nockherberg eine rosige Perspektive bietet.

Markus H. Rosenmüller hat das Theater wieder auf den Nockherberg gebracht. Zusammen mit Autor Thomas Lienenlüke, Musiker Gerd Baumann und den wie gewohnt herausragenden Schauspielern hat er mit dem Stück Waldesruh für einen Coup gesorgt. Sie haben traditionelle Anklänge an eine bayerische Volksbühne mit brechtschen Elementen, spielerischen Dialogen und einer Rahmenhandlung zu einem modernen Volkstheater vereint. Fast so, wie es Gerhard Polt und die Biermösl Blosn vor 20 Jahren mit Tschurangrati in den Münchner Kammerspielen vormachten: Volkstheater muss nicht folkloristisch sein.

Drunt in der Münchner Au

Wenn Angela Merkel (CDU) als Mond über dem bayerischen Wald aufgeht, Philipp Rösler (FDP) als Querulant aus dem Saal getragen wird, der uneheliche Sohn eines ehemaligen Amigo als Förster und Sprachrohr seines gestorbenen Vaters auftritt, dann sind das Bilder, die mehr sagen als Worte. Wenn dieser Förster dann das Lied singt, das ihm sein Vater immer vorgesungen habe – „immer mit dem gleichen Text“ – dann ist das nicht nur eine gute Beschreibung der CSU, sondern auch eine Anknüpfung an die Salvatorrede von Mama Bavaria. „Ich bin Politiker und mir geht’s gut. / Am Tag packt mich die Arbeitswut. / Ich werd chauffiert vom Sekretär / und leb’ wie die Made im Speck. / Ein Haufen Geld zum Spielen, / und plötzlich ist es weg. / Hoppala!“

Das Lied, das Hubert Aiwanger zu dem blauen Veilchen einfällt, welches er zertrampelt hat, wird die Münchner Polizei nicht so schnell vergessen. Zur Melodie eines bekannten Volksliedes singen Bause und Aiwanger folgende Umdichtung: „Drunt in da Münchner Au / schlang’s de Diandl schee blau. / Juchhee!“ Da bleibt kein Auge trocken.

Vorsicht vor Gemütlichkeit

Das Finale schließt an die Einleitung an. „Ein Vorsicht, / ein Vooorsicht vor Gemüt-lich-keit“ singen alle Darsteller zur wohl bekanntesten bayerischen Melodie. „Sie lullen Euch mit gesundem Wachstum ein / und kokettieren mit billigem Wohnraum, / benebeln Euch mit Rettungsschirmen. / Mit abgewrackten Prämien / schmieren sie Euch Obazdn ums Maul. / Sie verprechen Euch das Weiß-Blaue vom Himmel.“

Das ist die unterhaltsam vorgetragene Warnung an ein aufgeklärtes demokratisches Volk. Luise Kinsehers Diktum, „Lasst Euch nicht verarschen!“, ist nun auch im Singspiel der bestimmende Ton, und die anschließenden Kommentare der Politiker zu Festrede und Singspiel beweisen, wie nötig und aktuell es ist. Kinseher und Rosenmüller haben dieses Jahr für einen unterhaltsamen und geistreichen, nie plumpen, sondern stets humanistisch und aufklärerischen Nockherberg gesorgt. Ein Prosit der Vernünftigkeit!

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers zum Nockherberg.


Die Bildrechte (Illustration) liegen bei Angela Kirschbaum.


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