Mehr als nur ein Bierdeckel

Spitzenkandidat Christian Ude auf dem politischen Aschermittwoch der SPD in Vilshofen
Spitzenkandidat Christian Ude auf dem politischen Aschermittwoch der SPD in Vilshofen

Am Politischen Aschermittwoch feiern die Parteien in Bayern sich selbst und schimpfen über die Konkurrenz. Es gibt Festreden und Bier. Ein Besuch in Vilshofen, fern der großen Bühne. Von Gilda Sahebi

„Nein, wir merken hier gar nichts von dieser SPD-Veranstaltung“, sagt mir die Taxifahrerin, die mich am Faschingsdienstag nach meiner Ankunft in Vilshofen vom Bahnhof zu meiner Pension fährt. Ich schaue aus dem Autofenster. Das niederbayerische Vilshofen an der Donau, eine Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern, in die nun das zweite Jahr in Folge Tausende SPD-Anhänger pilgern, um den Politischen Aschermittwoch ihrer Partei mitzuerleben.

Seit für den Politischen Aschermittwoch eigens ein großes Zelt aufgebaut wird – vor 2012 beging man ihn im Vilshofener Wolferstetter Keller, der nicht mehr als 900 Menschen fasst – ist er zu einem Großereignis geworden. Jetzt sieht die Stadt allerdings noch ein wenig verlassen aus, die Geschäfte sind zu, die Straßen sind leer, es schneit und es ist grau. Ich bin ein wenig enttäuscht und frage mich, was ich erwartet hatte – lebensgroße Ude-Plakate und wehende rote Fahnen?

Die Geburtsstunde

Die Ursprünge des Politischen Aschermittwochs liegen im Vilshofener Viehmarkt, erklärt mir Florian Gams, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Vilshofen, als wir am Dienstag Abend auf einer Bierbank im großen weiß-blauen Zelt sitzen. Um uns herum werden Tische gerückt, Bierkrüge verteilt und Kabel verlegt.

Im Jahr 1919 rief der Bayerische Bauernbund dazu auf, den Markt dazu zu nutzen, politische Kundgebungen zu veranstalten: „Das war die Geburtsstunde vom Politischen Aschermittwoch“, erzählt Florian Gams in niederbayerischem Dialekt weiter. Ein paar andere Mitglieder des Ortsvereins haben sich mit an den Tisch gesetzt und trinken Bier, während sie auf die Einweisung für den nächsten Tag warten. Rund 50 Ehrenamtliche aus den Ortsvereinen des gesamten Landkreises haben sich gemeldet, um bei der Organisation der Veranstaltung zu helfen.

Stolz erzählt der Ortsvorsitzende, welche bekannten Politiker schon in Vilshofen gesprochen haben: „Es sind schon immer brutal gute Leut’ geschickt worden. Helmut Schmidt hat schon gesprochen in Vilshofen, Gerhard Schröder damals … Auch sonstige Minister, Schily als Innenminister, Clement, Martin Schulz war damals mal da. Letztes Jahr war dann der Gabriel da, vorletztes Jahr der Steinmeier. Also immer bestens bedient worden.“

Der SPD-Ortsvorsitzende Florian Gams. „Es sind schon immer brutal gute Leut’ geschickt worden."
Der SPD-Ortsvorsitzende Florian Gams: „Es sind schon immer brutal gute Leut’ geschickt worden.“

Helfen beim Zirkusaufbau

Ob es denn viel Aufwand und Arbeit für den Ortsverein bedeute? Walter und Lony, zwei Ortsverein-Mitglieder, die mir gegenüber sitzen – „Urgesteine“ der Vilshofener Sozialdemokraten, wie ich mir später sagen lasse – zucken mit den Achseln und trinken weiter ihr Bier.

Es scheint, als ob die beiden der ganze Zirkus nicht allzu sehr beeindruckt. Ob Gabriel, Steinmeier oder Steinbrück – Walter und Lony helfen mit, weisen den Zuschauern ihre Plätze zu und stehen am Aschermittwoch ab halb sieben in der Früh auf den Beinen, jedes Jahr. Denn um halb sieben „kimmt der Hund“, kommen die Spürhunde der Polizei, die sich durch das Zelt schnüffeln werden.

„Ich finde, es ist besser geworden, seit wir nicht mehr im Wolferstetter Keller sind. Es wird halt mehr Geld ausgegeben“, erfahre ich von Florian Gams. Im letzten Jahr hatte der Ortsverein nach der Veranstaltung noch selbst den Schmutz von knapp viertausend Gästen wegputzen müssen, dieses Jahr kümmert sich ein Reinigungsteam darum. „Das war schon ein bisschen blöd letztes Jahr“.

Vilshofen im Rampenlicht

Der Ortsverein, und allen voran der Vorsitzende, freuen sich aber über die mediale und vor allem deutschlandweite Aufmerksamkeit, die Vilshofen dank der Bayern-SPD und Spitzenkandidat Christian Ude erfährt. „Du kriegst dann Live-Schalten bei n-tv, Phoenix, bist im ZDF heute, bist in Tagesschau, bist in Tagesthemen, bist überall mit dabei. Al-Jazeera soll dieses Jahr auch da sein.“

Der SPD-Ortsverein Vilshofen bei Al-Jazeera? Zieht die „Berühmtheit“ der SPD Vilshofen neue Mitglieder denn dann nicht an wie Magneten? Als Walter und Lony mir gegenüber mit den Köpfen schütteln, kann ich mir die Antwort schon denken. „Nein, da gibt es überhaupt keinen Effekt“, sagt Florian Gams und drückt mir einen Stapel Bierdeckel in die Hand, auf denen eine SPD-Mitgliedserklärung abgedruckt ist.

Er meint wohl kaum, dass man betrunken sein muss, um in die SPD einzutreten. Aber so ein Bierdeckel ist ja vielleicht doch schnell unterschrieben. Denn an neuen Mitgliedern mangelt es der SPD Vilshofen sehr. Die Alten „sterben weg“, und Jüngere kommen nicht nach. Da hilft wohl auch der Promi-Faktor nicht.

Vom Schimpfen

Florian Rede
Der Blick aus der Menge auf die Bühne, wo Florian Gams gerade seine Rede hält.

Als ich schließlich am Aschermittwoch um neun Uhr im Zelt ankomme, finde ich mich doch noch in einem Meer von roten SPD- und Ude-Fahnen wieder. Die Ortsverein-Mitglieder tragen neongelbe Westen und laufen im Zelt hin und her, während ihr Vorsitzender noch an seiner Begrüßungsrede feilt. Genauer gesagt kritzelt er Namen von bekannten Persönlichkeiten auf sein Blatt, die in seiner Begrüßung noch erwähnt werden müssen und die ihm von einem Mitarbeiter der SPD diktiert werden.

„Seine Rede besteht denn auch zu mehr als der Hälfte aus Sätzen wie „ich begrüße ganz herzlich …“, „ebenso herzlich möchte ich begrüßen …“. Sichtlich aufgeregt wischt er sich hin und wieder den Schweiß von der Stirn. Als er mit den Namen durch ist, dreht er mit der Stimme auf und tut das, wozu der Politische Aschermittwoch da ist: Er schimpft auf den politischen Gegner.

Viel Zeit bleibt ihm dafür aber nicht, da ihm bald signalisiert wird, dass er zum Ende kommen soll. So kündigt er schließlich unter großem Jubel die Politiker des Tages an: Peer Steinbrück, Christian Ude und Florian Pronold, die unter Marschmusik und von Kameras umzingelt ihre lange Prozession Richtung Bühne beginnen.

Der Bierfilz von Vilshofen

„Gut hat’s mir gefallen, wie immer!“, lacht Walter, als die Menschenmassen endlich das Zelt verlassen haben und er sich sein wohlverdientes Bier gönnen kann. Er und einige andere Mitglieder des Ortsvereins sitzen zusammen und prosten sich zu.

„Es war brechend voll und die Stimmung war der Wahnsinn“, sind sich Florian Gams und seine Freundin einig. Im Zelt wird währenddessen aufgeräumt, auf dem Boden liegen Scherben und rote Fähnchen, auf der Bühne machen letzte Besucher Fotos vor der Aufschrift „Bayern in Höchstform!“.

Einen Ansturm an neuen Mitgliedern erwartet der Ortsverein auch dieses Jahr nicht, obwohl die Mitglieder das Gefühl haben, dass die Stimmung dieses Mal sogar noch besser war als im vergangenen Jahr. Aber wer weiß? Die Taxifahrerin mag vielleicht nicht viel von der SPD Vilshofen wissen. Aber vielleicht ist ja der ein oder andere Bierdeckel doch eingesteckt worden.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin (Bierzelt) und Astrit Götz von Foto Laudi (Gams und Ude).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Nockherberg 2012: Das Dossier

Politischer Karneval. Gibt es das?

Schicksalstage einer Kanzlerin

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.