Medizin, heile Dich selbst

Experten der Medizintechnik informieren zu aktuellen Fragestellungen.
Experten der Medizinethik informieren zu aktuellen Fragestellungen.

Ein gut strukturierter Sammelband informiert über Grundlagen und aktuelle Debatten der Medizinethik – angesichts der wachsenden medizinischen Anwendungen und Möglichkeiten ein Thema, das auch für Laien immer relevanter wird. Von Markus Rackow

Noch sind Menschen sterblich und werden krank. Schon von Geburt an ist man im Netz des medizinischen Wissens gefangen: Bei Geburt wird ein Geschlecht zugewiesen, in Zweifelsfällen manchmal gar per Skalpell vereindeutigt. Es gibt kein Entrinnen vor Leid, Schmerz und Tod – und vor der Medizin. Wer will nicht lange und gesund leben, vielleicht gar auf Kosten von Freiheit und Freizügigkeit?

Doch die medizintechnologische Entwicklung und der gesellschaftliche Druck zur Selbstoptimierung führen dazu, dass Gesundheit immer enger definiert und immer mehr Abweichungen pathologisiert werden. Ferner wachsen auch die technischen Möglichkeiten das Leben zu verlängern und zu formen. Debatten um Sterbehilfe sind die andere Seite der Medaille: Kontrolle auch über den Tod wird verlangt. So wachsen insgesamt die Entscheidungsnöte, denen sich Menschen bei sich selbst oder Angehörigen gegenüber sehen.

Patientenautonomie statt Paternalismus

Auf diese Situation und ihre Fragen, mit denen Patienten wie Ärzte konfrontiert werden, antwortet der Band Vom Arztethos bis Verteilungsgerechtigkeit, in dem die Münsteraner Bioethikerin Dr. Beate Lüttenberg und der Zürcher Ethiker Sebastian Muders eine Reihe von Wissenschschaftlern versammelt haben, um in das Thema Medizinethik einzuführen.

Dessen wachsende Relevanz erklärt sich vor allem daraus, dass mit der technischen Entwicklung und gesellschaftlichen Liberalisierung die Patientenautonomie an Bedeutung zugenommen hat. Diese bildet den Hintergrund für fast alle Beiträge des Bandes. Sie spielt im Alltag von Medizinern eine immer entscheidendere Rolle und erzeugt zugleich Nachfrage nach ethischer Orientierung im Meer der Unübersichtlichkeit. Ein Blick in den Gesundheitsdiskurs unserer Tage zeigt, wie Ernährungsberater, Esoteriker, Alternativmediziner und konventionelle Therapien um die Gunst der Patienten ringen. Medizinethik kann immerhin in der Beziehung Arzt-Patient aufklärend wirken. Wo nicht mehr Ärzte als Götter in weißem Kittel entscheiden, sondern Patienten Rechte haben und eine Behandlung verweigern oder beeinflussen können, braucht es vermittelndes Wissen.

Eine weitere Rolle für die Bedeutung der Medizinethik spielt auch die Erweiterung des Gesundheitskriteriums. Patienten wollen nicht immer jede Behandlung in Anspruch nehmen nur um am Leben zu bleiben, auch ihre Würde und ihr Selbstbild spielen eine wachsende Rolle. Das physische Überleben ist um ethische, soziale und psychologische Kriterien erweitert worden.

Aktuelle Kontroversen als Aufhänger

Was zunächst eine Entlastung der Ärzte darstellt, wenn Patienten die Entscheidung tragen, ist allerdings mit mehr Reglementierung und Beratungsaufgaben verbunden. Das zeigen zahlreiche der keinem erkennbaren roten Faden folgenden Beiträge, etwa wenn es um die Forschung am Menschen mittels Doppelblindstudien geht, die tendenziell dem unmittelbaren Heilungsauftrag widerspricht, weil eine Gruppe ohne das Wissen der Mediziner nicht behandelt wird. Ein anderer Beitrag zeigt das wachsende Angebot und den zunehmenden Bedarf ethischer Beratungsstellen, Kurse und Komitees.

Darüber hinaus werden mit dem Umgang mit vorgeburtlichem Leben oder Neurowissenschaften Themen angesprochen, wo durch den technischen Fortschritt unausweichlich Konflikte entstehen. So fragt sich etwa beim Beispiel Humangenetik, ob und wie ein Recht auf Nichtwissen erblicher Vorbelastungen etabliert werden kann. Dagegen muten Organspenden fast antiquiert an, sind aber bis dato noch das Mittel der Wahl, wenn unersetzliche Organe versagen. Wie fast alle anderen Artikel auch, zeichnet sich auch der Beitrag zum Thema Organspende durch eine sehr ausgewogene, tendenziell aber optimistische Darstellung aus: Zwar werden medizinische Bedenken zerstreut, allerdings Kontroversen wie das Hirntodkriterium angesprochen und mögliche Risiken, wie Korruption bei der Verteilung von Spenderorganen, aufgezeigt. Auch werden aus sozialpolitischer und ethischer Sicht Vor- und Nachteile diskutierter Entwicklungen (Kommerzialisierung bspw.) wenigstens angerissen.

Auch ein abschließender Beitrag zu Sterbehilfe, der die Autonomie und den Willen des Patienten nochmals in den Vordergrund stellt, beleuchtet etwaige Entwicklungen, indem er versucht Kritiker zu überzeugen, ohne dabei ethische Konfliktlinien beiseite zu wischen.

Überblick für Experten, Einstieg für Laien

Sowohl der erste Aufsatz, der die Entwicklung der Medizinethik reflektiert und die philosophischen Grundlagen erklärt, als auch der Beitrag über Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Denn was im ersteren Beitrag unterschlagen wird, ist dass nicht nur die neuen Optionen, sondern auch knappe Ressourcen ethische Dilemmata hervorrufen.

Zwar argumentiert auch letzterer Beitrag gegen Panik und Polemik bei Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung im Gesundheitswesen. Gleichwohl macht er auf die Gefahr aufmerksam, dass angesichts der Verteilungsprobleme ohne gesetzlich explizite Regelungen eine Zwei-Klassen-Medizin entstehen kann. Dass es bereits jetzt Rationierungen gibt, die den noch hochgehaltenen Standards widersprechen, ist ein unruhig stimmender Hinweis. Leider thematisiert kein Beitrag des Bandes die Frage, welche Auswirkungen Konzerne und Korruption haben oder wie lange Wartezeiten auf neue Medikamente ethisch vertretbar sind. Auch die hohen Preise für lebensnotwendige Arzneimittel in ärmeren Ländern verdienen eine ethische Diskussion.

Alles in allem bietet der Band, gerade auch wegen der Kürze, einen anregenden und informativen Überblick über die Fundamente und aktuellen Kontroversen der Medizinethik, sowohl für Experten, Studierende oder Laien. Der Spagat, allgemeinverständlich ein abstrakt scheinendes Thema zu erklären, das aber im Lebensalltag jederzeit konkret werden kann, ist angesichts der mit den medizintechnischen Optionen und gesellschaftlichen Verteilungskonflikten wachsenden Bedeutung des Themas notwendig – und hier gelungen.

Lüttenberg, Beate / Muders, Sebastian (Hrsg.): „Von Arztethos bis Verteilungsgerechtigkeit. Eine Einführung in die Medizinethik.“
S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2013, 139 Seiten
ISBN 978-3-7776-2260-6, 24,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag.


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Ein Kommentar auf “Medizin, heile Dich selbst

  1. Ich denke das in naher Zukunft vermehrt Hilfe zur Selbsthilfe auftauchen wird, und es muss ehrlicher weise ausgedrückt werden das nicht nur der Patient eine steigernde Autonomie inne haben möchte, als das er sich auch nicht mehr so intensiv medizinischer Willkür ausgesetzt empfinden möchte. Die daraus resultierende Wünsche, mehr zu wissen, um was es eigentlich geht, und zurück in eine eigene Handlungsfähigkeit zu kommen, sind eigentlich nur die logische Konsequenz, vergangener Handlungen.

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