Lateinamerika ohne Chávez

Chávez Kult: Während seiner Zeit als Präsident wurde Chávez zum Inbegriff personalisierter Politik
Chávez Kult: Während seiner Zeit als Präsident wurde Chávez zum Inbegriff personalisierter Politik

Hugo Chávez hat nicht nur Venezuela, sondern gesamt Lateinamerika beeinflusst  wie kein anderer. Während seiner 14 Jahre andauernden Zeit als Präsident, wurde der „Commandante“ zur heiß diskutierten Leitfigur eines neuen regionalen Aufbruchs. Was bedeutet sein Tod für die Region? Von Annette Mehlhorn

„Chávez no se va – Chávez geht nicht“ rufen die Menschen, die sich immer noch in Massen in Caracas versammeln um von dem am 05.März verstorbenen Präsidenten Venezuelas Abschied zu nehmen. Über Jahre hatte sich dieser Kampfspruch bewahrheitet und Chávez überstand jegliche politische Krise, trotzte jedem Versuch ihn zu entmachten. Nun aber muss Venezuela sich einer Zukunft ohne Chávez stellen – einer Zukunft die höchst ungewiss ist.

Öl, Geld und Ideologie

Die Frage wie es ohne Chávez weitergeht ist bei Weitem nicht nur für Venezuela selbst relevant. Chávez Politik war immer auch nach außen gerichtet und er gilt als ein wichtiger Gestalter regionaler Politik in Lateinamerika.

Venezuela ist bekanntlich ein wichtiger Öl-Exporteur. Die Hälfte der Ölexporte geht gen Norden in die USA, mit denen auch Chávez, trotz legendärer verbaler Attacken, eine enge wirtschaftliche Beziehung unterhielt. Ein beträchtlicher Anteil des venezolanischen Öls floss allerdings auch zu extrem vergünstigten Konditionen nach Kuba und andere zentralamerikanische Länder. Kuba kann gar zweidrittel seines Bedarfs mit dem vergünstigten venezolanischen Öl decken. Das mögliche Ende der solidarischen Ölexporte aus Venezuela wäre katastrophal für die Karibikinsel.

Venezuelas Rolle in der Region beschränkt sich jedoch bei Weitem nicht auf Ölexporte. Chávez verstand es als eine seiner zentralen Aufgaben, die lateinamerikanische Integration anzutreiben und seinen Sozialismus des 21. Jahrhunderts zu verbreiten. So wurde Caracas zu einem wichtigen Unterstützer  von Regierungen und Oppositionsbewegungen, die als Chávez‘  Politik nahestehend eingeordnet wurden. Es bleibt dahingestellt, inwiefern Chávez‘ Darstellung als „Pate“ sämtlicher links-gerichteten Regierungen in der Region der Realität entspricht. Außer Frage steht jedoch, dass für manche, vor allem kleinere Länder Venezuelas finanzielle Unterstützung  und wirtschaftliche Kooperation elementar ist. Ein gutes Beispiel ist Nicaragua, wo ein beachtlicher Teil des Brutto Inland Produkts aus venezolanischen Petro-Dollars besteht (Angaben schwanken zwischen 10 und 30%).

Chávez gilt als Ziehvater linker Regierungen in der Region(hier zu sehen mit Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner und Boliviens Präsident Evo Morales)
Chávez gilt als Ziehvater linker Regierungen in der Region (mit Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner und Boliviens Präsident Evo Morales)

Viel wichtiger als alles Geld und Öl ist jedoch der Paradigmenwechsel der sich von Venezuela aus auf die Region ausgebreitet hat und auch international Widerhall gefunden hat. Nicht nur mit seiner radikalen Rhetorik, sondern vor allem mit einer konkreten Politik der Umverteilung entwarf Chávez ein Gegenmodell zu dem neoliberalen Washington Consensus“ der ´90er Jahre. Regionale Kooperationen, wie die ALBA (ein Gegenentwurf zum von den USA initiierten Freihandelsabkommen ALCA) mögen auch von ökonomischer Seite her interessant sein. Vor Allem aber wurde so der zu Chávez‘ Amtsantritt noch überdominante Diskurs der Unausweichlichkeit eines bestimmten wirtschaftlichen Paradigmas hinterfragt und die Möglichkeit eines spezifischen und eigenen lateinamerikanischen Wegs aufgezeigt.

Die Weichen sind gesetzt

Mindestens 30 Tage nach Chávez‘ Tod muss verfassungsgemäß ein neues Staatsoberhaupt gewählt werden. Geht es nach Nicolás Maduro, Interimspräsident und enger Vertrauter Chávez‘, wird es sogar noch schneller zu Neuwahlen kommen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Maduro es in seiner Rolle als treuer Chavista  ins Präsidentenamt schafft. Nicht zuletzt die emotionale Verarbeitung von Chavez‘ Tod könnte ihm den Weg in den Präsidentenpalast ebnen. Dennoch: längerfristig ist es fraglich ob Maduro (oder irgendjemand außer Chávez) es schafft die Position die Chávez innerhalb des venezolanischen Systems sowie außenpolitisch innehatte, auszufüllen.

Chávez Tod wird somit sein Heimatland  und die Region vor wichtige Herausforderungen stellen. Dennoch werden die neuen politischen Verhältnisse  in Venezuela  kaum die regionalen Trends in Lateinamerika verändern. Die „gemäßigt-linken“ Regierungen Brasiliens oder Argentiniens hatten sich zwar teilweise Chávez‘ anti-neoliberalen und oft auch seinem anti-USA Diskurs angeschlossen, waren aber weder ökonomisch noch politisch je von  Venezuela abhängig. Und selbst enge Verbündete von Chávez wie Evo Morales in Bolivien oder Rafael Correa in Ecuador hatten zwar während ihres Aufstiegs in die Regierung von Venezuelas Hilfe profitiert, dennoch sind auch hier innenpolitische Prozesse nicht zu unterschätzen und die Stabilität der Regierungen hing nie fundamental von Venezuela ab. Einzig für die Machthaber in Kuba und Nicaragua könnte ein Machtwechsel in Venezuela wirklich ernste Auswirkungen haben – finanziell und ideologisch.

So hat Chávez‘ sein von Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar inspiriertes Ideal eines vereinten und sozialistischen  Lateinamerikas (erwartungsgemäß) nicht erreicht. Aber er hat Weichen gelegt für Veränderungen, die so schnell nicht zu revidieren sind. Selbst sein Herausforderer im letzten Wahlkampf, Henrique Capriles, stellte die sozialen Reformen die Chávez eingeführt hatte, nicht in Frage. Und dies gilt genauso für den gesamten Subkontinent. Seine Politik mag populistisch und in mancherlei Hinsicht nicht lupenrein demokratisch gewesen sein – bezüglich Umverteilung und Armutsbekämpfung aber hat Chávez eine Latte gesetzt an der andere lateinamerikanische Politiker sich weiterhin messen müssen.


Die Bildrechte liegen bei Mister Jo (Chavez Mütze) und bei dem Präsidialamt der Republik Argentinien (Chavez,Kirchner), beide Creative Commons.


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