Kommando: Normalität – Eindrücke aus Tschetschenien

Tschetschenischer Checkpoint.
Tschetschenischer Checkpoint.

Grozny City sollte ein Symbol für die aus den Ruinen des Kriegs auferstandene Stadt werden. Aber die luxuriösen Apartments stehen leer. Und weil es in Tschetschenien keine privaten Firmen gibt, gibt es auch für die schicken Büroräume keine Mieter. Eine Reportage von Carina Geldhauser

Wer mit dem Zug von Moskau nach Grosny fährt, kann aus dem Fenster sehend nicht entscheiden, ob er sich, nachdem er vor ein paar Stunden die Millionenstadt Rostow am Don durchquert hat, noch in Russland befindet, oder schon in Nordossetien, Inguschetien oder Tschetschenien. Die karge, baumarme Landschaft verändert sich kaum, die Häuser sind durchgehend ärmlich. Überirdische Gasleitungen bilden eigenwillige Tore auf freier Fläche.

Angekommen in Grosny fällt der Blick aus dem Taxi aber unwillkürlich auf eine tschetschenische Besonderheit: Großflächige Portraitfotos hängen an den wenigen mehrstöckigen Gebäuden der Stadt, mit immer den gleichen drei Personen: Ramzan Kadyrov, sein ermordeter Vater Achmat Kadyrov, und Vladimir Putin. Gelegentlich sieht man auch beleuchte Schriftzüge: „Danke, Ramzan, für Grosny.“

Das Herz Tschetscheniens

Der tschetschenische Machthaber ließ ab Ende der 2000er Jahre mit Hilfe von Finanzmitteln aus dem Kreml eine “Auferstanden aus Ruinen”-Politik in der Hauptstadt betreiben: Die Kriegsschäden wurden beseitigt, Gebäude wieder errichtet und zwei Fußballstadien erbaut. Neben der Achmat Arena gibt es ein Nationaltheater, ein Opernhaus und die Nationalbibliothek mit ihrer Marmorfassade steht kurz vor der Eröffnung. Im Zentrum der Stadt steht, gut sichtbar auf großer, weiter Fläche, eine riesige Moschee. Den offiziellen Namen Achmat-Kadyrov-Moschee hört man selten, eigentlich nur die Bezeichnung Herz Tschetscheniens. Sie steht im Herzen der Hauptstadt, auf sie laufen die beiden Hauptstraßen Kadyrov-Allee und Putin-Allee zu. Auf dem weitläufigen, gepflasterten Gelände um die Moschee herum gibt es einige Parkbänke, wo man sich niederlassen kann, um ein weiteres Zeichen des Wiederaufbaus zu bewundern: Die Hochhäuser von Grozny City.

Stadtansicht von Grozny.
Stadtansicht von Grozny.

Fünfsternehotel ohne Gäste

Eines der Hochhäuser ist ein Fünfsternehotel, mit einem Restaurant unter der wunderschönen Glaskuppel, die einen tollen Ausblick über die Stadt bietet. Im Restaurant stehen gut ausgebildete Kellner, die sich gewissenhaft die Zeit damit vertreiben, die Stühle an den akkurat gedeckten Tischen zurecht zu rücken. Gäste gibt es keine. Auch die edlen Ledersessel in der gemütlichen und mit privaten Ecken geschmackvoll ausgestattete Lobby sind verlassen. Dabei sollte der Zimmerpreis mit knapp 100 EUR pro Nacht für die angestrebte Kundschaft eigentlich mehr als erschwinglich sein.

Bewaffnete Soldaten noch immer allgegenwärtig

Ob die Touristen und Geschäftsleute der Stadt fernbleiben, weil es zu gefährlich ist? Auf diese Frage hat niemand eine Antwort. Die Panzer sind mittlerweile aus der Stadt Grosny verschwunden, Checkpoints wurden abgebaut – aber zumeist durch “Verkehrspolizisten” ersetzt. Diese stehen an den größeren Straßenkreuzungen und beobachten, sich gelangweilt auf ihre Kalaschnikov stützend, das Geschehen. Im Vergleich zu der Situation vor fünf Jahren ist es jetzt relativ sicher, zumindest in der Hauptstadt. Verlässt man Grosny beispielsweise in Richtung der Siedlung Tolstoy-Yurt nördlich von Grosny, so muss man an jedem Ortseingang kurz stoppen, damit die Verkehrspolizei auch einen prüfenden Blick ins Auto werfen kann. Man hört auch immer wieder von Personen, die beim Sammeln von Kräutern im Wald von russischen Militärs erschossen wurden. Ausflüge auf’s Land à la tchétchène sind also keine entspannenden Waldwanderungen, sondern mehrstündige holprige Autofahrten auf staubigen, unbefestigten Straßen.

Leere Cafés

Überaus einengend wirkt auch, dass man als Frau nicht nach Anbruch der Dunkelheit unterwegs sein sollte, auch nicht in Grosny. Tagsüber kann man jedoch im Stadtzentrum ein normales Leben führen, die Putin-Allee entlang schlendern und in einem der vielen Modegeschäfte mit europäischen Marken wie Benetton oder Zara einkaufen. Auch Shokoladniza und Kafe Haus, zwei russische Café-Ketten à la Starbucks, haben ihre Lokale in der Putin-Allee. Diese eignet sich mit ihrem gepflasterten Mittelstreifen mit kleinen Bäumen und dem zwei Meter breiten Fußweg eigentlich perfekt für Straßencafés. Aber trotz des herrlich sonnigen Wetters und knapp 20 Grad gab es keinen einzigen Tisch außerhalb der Gebäude. Auch in den Cafés ist es erstaunlich leer, die meisten Gäste sind Männer in den Dreißigern.

Ein Grund für die mangelnde Kundschaft in den Cafés liegt in der Vielzahl der Verhaltensregeln, nach denen es sich beispielsweise nicht geziemt, die Frau seiner Träume zu einem romantischen Dinner einzuladen. Ein weiterer Grund sind die Gastronomiepreise, die sich mit etwa 2,50€ für ein Getränk nicht recht der Lohnsituation anpassen. Wer einen guten Job hat, verdient vielleicht 400€ im Monat, wer es nicht so gut getroffen hat, nur um die 100€. Da auch im Supermarkt die Preise deutsches Niveau haben, reicht ein schlecht bezahlter Job also nicht aus, um über die Runden zu kommen. Oft gibt es nur einen Verdiener in der Familie, und nicht selten ist dies der Sohn oder die Tochter. Normalerweise hat die ganze Verwandtschaft gemeinsam geholfen den Job zu organisieren, denn wo Firmen nicht um ihre Wettbewerbsfähigkeit kämpfen müssen, da gibt es auch keinen Wettbewerb um die besten Absolventen, oder auch nur eine ehrliche Suche nach dem geeignetsten Bewerber.

Zukunft ohne Marktwirtschaft?

Abgesehen von zwei russischen Mobilfunkanbietern scheint es auch keine privaten Unternehmen zu geben, also solche, die sich tendenziell von Innovation und Erfolg leiten ließen und somit dem Land Fortschritt bringen könnten. Das Regime Kadyrov scheint auch kein Interesse daran zu haben, Investoren von außerhalb anzuziehen. Man versucht, mit den Transferleistungen des Kremls die eigenen Wünsche zu erfüllen, die eigenen Projekte umzusetzen. Ein einflussreiches Unternehmen im Land zu haben, käme einer Bedrohung für die eigene Macht gleich.

Geldhauser_TT-Grozny_spasiboDie Bevölkerung ist sich einig darin, dass in Tschetschenien nur derjenige erfolgreich sein kann, der sich mit der Regierung gut stellt. Auch die reichen Einheimischen sind allesamt “auf Linie”, wenn sie nicht sowieso dem Kadyrov-Klan angehören. Wer “dazugehört”, sieht man schon am Fortbewegungsmittel: Unter dem von angerosteten Lada dominierten Verkehr stechen zwischendurch schwarze Premium-Fabrikate oder Sportwagen mit verdunkelten Scheiben hervor. Sie tragen das Kennzeichen K-RA, also Kadyrovs Initialen. Nicht alle dieser Wagen gehören den Mächtigen, manche sind auch persönliche Geschenke des Diktators, die, genauso wie Gerard Depardieus Wohnung in Grozny City, nach Lust und Laune verteilt werden, beispielsweise an eine bekannte Sängerin, die auf Kadyrov’s Geburtstagsfeier aufgetreten ist.

Kadyrov bemüht sich überall darum, dass sein Land “normal” erscheint. Normal ist in Tschetschenien aber auch die Anwesenheit schwer bewaffneter Militärs. Wäre Normalität ein militärisches Kommando, hätte Kadyrov sicherlich mehr Erfolg. Die potemkinsche Stadt, in der nicht nur die Gebäude ohne Substanz sind, kann in keiner Weise über die großen Probleme hinwegtäuschen.

Die Probleme Russlands sind auch die Probleme Tschetscheniens, nur noch schlimmer.

 


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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3 Kommentare auf “Kommando: Normalität – Eindrücke aus Tschetschenien

  1. Ein sehr guter Bericht!
    Wahrscheinlich hatten Sie nur einen kurzen Aufenthalt in Tschetschenien, aber trotzdem haben Sie die Situation richtig erfasst!

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