Hans Scholls langer Weg in den Widerstand

Wer glaubt, Hans Scholl sei von vornherein ein Berufsrevolutionär gewesen, der irrt. Barbara Ellermeier zeigt den komplizierten Weg des jungen Mannes in den Widerstand dezidiert auf. Von Christoph Rohde

Hans Scholl stand im Gegensatz zu seinen Eltern der  nationalsozialistischen Bewegung zunächst positiv gegenüber. Mit Hilfe bisher unerforschter Dokumente aus dem Münchner Institut für Zeitgeschichte porträtiert die Historikerin und Archäologin Barbara Ellermeier das bis dahin weitgehend unbekannte Leben des „Womanizers“ Hans Scholl. Im Gegensatz zu ihm hat es seine Schwester Sophie publizistisch zu großer Prominenz gebracht – beispielsweise durch den Film Sophie Scholl – die letzten Tage oder das Buch von Inge Aicher-Scholl Das kurze Leben der Sophie Scholl.

Eingebunden in NS-Jugendorganisationen

Wie die meisten Jugendlichen im Nationalsozialismus waren auch die Scholl-Geschwister weitgehend eingebunden in die Jugendorganisationen, und dies seit 1937. Die streng christlichen Eltern hingegen hatten von vornherein andere Überzeugungen und betrachteten als strenggläubige Christen die Ideologie und Praxis der Nazis mit großer Sorge. Der Einfluss der Eltern auf Hans Scholl wird jedoch durch die Art und Weise deutlich, wie sie ihn und seine anderen Geschwister lehrten, bewusst und reflektierend ihre Umwelt und das Leben an sich wahrzunehmen. Die durch Naturerlebnisse und frühe Bildungsaffinität entwickelte Reife, so zeigt Ellermeier, führte zu einer Charakterfestigkeit, die in der Diktatur ein eigenes Denken ermöglichte. Doch bereits früh gerieten die Geschwister Hans und Sophie Scholl in den Fokus der NS-Behörden, wegen „bündlerischer Umtriebe“.

Das Grab der Geschwister Scholl auf dem Münchner Friedhof am Perlacher Forst.

Die Rolle als Soldat nutzte Hans zunächst für die Umsetzung persönlicher Ziele. Unter Anderem hatte der Frauenschwarm einen hohen Verschleiß an Damen, die den gut aussehenden Mann bewunderten. Die Realitäten des Krieges wurden ihm erst spät bewusst. Als Soldat im besetzten Frankreich kam er an Lebensmittel und Luxusartikel des besetzten Landes und führte relativ gedankenlos ein angenehmes Leben. Die deutschen Soldaten fielen wie Schädlinge über die vollen französischen Regale her und galten als „Kartoffelkäfer“ oder „bewaffnete Butterfahrer“ (Götz Aly). Für Hans war Frankreich eine Gelegenheit, Pariser Kultur kennen zu lernen und praktische Erfahrungen für die Famulatur zu sammeln. Den Krieg hielt er für ein ärgerliches, aber wohl nur kurzes Hindernis in seiner persönlichen Karriereplanung. Mit den Realitäten des Krieges und den deutschen Gräueltaten wurde der junge Mann erst in seinen Einsätzen an der Ostfront konfrontiert.

Widerstand auf geistiger Ebene

Während des Krieges musste Scholl öfter innerhalb Münchens umziehen. Im Herbst 1940 hatte er hier das Medizinstudium begonnen. Die Kasernierung in der Bergmannstraße innerhalb der Studentenkompanie, wo es nur Zimmer für sechzehn Personen ohne Waschgelegenheit gab, warf ihn zurück. Immer mehr, so zeigen Briefe an Sophie, wird ihm die „Masse“ suspekt oder „das Volk“. Er diagnostizierte die Erde als „Tal des Leidens“ und intensivierte seine Gottessuche. Dabei profitiert er vom Kontakt zum entlassenen katholischen Professor Carl Muth; es entwickelte sich eine enge Freundschaft. Die Ergebnisse des Austausches, so zeigt die Autorin, fanden Eingang in die Formulierungen der Flugblätter der Weißen Rose.

Freundschaft zu Schmorell entfacht Entschlossenheit

Die Autorin Barbara Ellmeier wirft ein Licht auf Hans Scholl, der gegenüber seiner Schwester fast in Vergessenheit geraten ist.

Durch die Freundschaft zum Deutsch-Russen Alexander Schmorell, der in Russland unter der Unterdrückung seiner Landsleute litt, wuchs Hans’ Wille zum entschiedenen Widerstand gegen die Nazis. Er habe auf Russlands weiten Ebenen „Gott gegenübergestanden“, zitiert Ellermeier aus einem Brief des Soldaten von der Ostfront an seine Eltern. Die Biographie gewinnt dadurch an Tiefe, dass lange Textpassagen aus seinen Briefen zitiert werden. Von seinem Freund Alexander wurde Hans in Tagebuchskizzen als einsamer Wahrheitssucher dargestellt, der getrieben war von seiner Mission und der bereit war, den Kelch des Märtyrers allein zu trinken. Denn schon früh findet sich ein Satz in seinen Briefen, der sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht: „Diese Brücke musst du überschreiten, und koste es das Leben.“ Es tat ihm leid, dass seine Entschlossenheit auch seine Schwester und seine Freunde das Leben kosten sollte. Aber Scholl glaubte an die Ewigkeit des Geistigen und handelte dementsprechend konsequent.

Kein Salonrevolutionär

Die sehr lesenswerte Arbeit zeichnet ein klares Bild von der Charakterentwicklung des Protagonisten und rekonstruiert dessen Motivation zum Widerstand gegen das Dritte Reich. Es zeigt sich deutlich, dass Hans nicht als Salonrevoluzzer geboren wurde – fast ist das Gegenteil der Fall. Doch ist die Biographie fast zu unakademisch geschrieben; der aktuelle Forschungsstand wird nicht dargestellt. Deshalb bleibt sie etwas stark im Erzählerischen hängen. Für das am Widerstand gegen das Dritte Reich interessierte Publikum ist das Buch ein Muss – für Akademiker hingegen ist es aufgrund der geringen Belegdichte hingegen weniger geeignet.

Barbara Ellermeier: Hans Scholl – Biografie.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012
Gebunden, 429 Seiten, 24,99 EUR


Die Bildrechte liegen beim Autor (Grab der Geschwister Scholl) und beim Verlag.


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