Europaverdrossenheit Adé!

Gruppenbild der Delegierten der 72. Internationalen Sitzung des Europäischen Jugendparlaments

Nicht einmal jeder vierte junge Europäer glaubt daran, dass seine Stimme in der EU überhaupt Gewicht hat. Beim Europäischen Jugendparlament ist das anders – die Jugendlichen hier sind fest davon überzeugt, dass sie etwas bewegen können. Von Isabelle-Constance V. Opalinski

Wenn sich über 300 junge Menschen aus 36 Nationen an einem Ort versammeln, kann es sich doch nur um ein Musikfestival handeln ! Falsch getippt.

Scharen von Schülern und Studenten diskutierten vom 5- 14. April bei einer Sitzung des Europäischen Jugendparlaments in München, wo hin es mit Europa gehen soll. In Ausschüssen für Auswärtige Angelegenheiten, Sicherheit und Verteidigung, Haushaltsangelegenheiten, Wirtschaft und Währung, Kultur sowie Bildung debattierten Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren über aktuelle europapolitische Fragestellungen und das Oberthema „Ressourcen“. Hierzu erstellen sie gemeinsam Resolutionen und stimmen über diese nach den Regeln des Europäischen Parlaments ab. Ziel ist es Ideen und Visionen auszutauschen und nebenbei noch aktiv den transnationalen Jugenddialog zu leben.

Photo 5- European National Anthem
Gemeinsamer Gesang der Europahymne

Alte Klischees

Desinteresse an Politik wird oftmals besonders jungen Menschen unterstellt. An den Europawahlen 2004 beteiligte sich knapp die Hälfte der europäischen Bürger, in der Altersgruppe der 18 bis 24-Jährigen dagegen sogar nur ein Drittel. Ausgehend von dieser Zahl sollte man meinen, dass der Europagedanke für Jugendliche nicht mehr im Vordergrund steht. Die große Mehrheit scheint ein schlechtes Bild der EU-Institutionen zu haben. Räumlich weit entfernt, werden sie als „eurokratische“ Behörden angesehen, die sich schwer tun ihre Arbeit für die Außenwelt transparent zu machen.

Doch stimmt das wirklich? Ist es nicht viel mehr so, dass jungen Menschen einfach nur eine für ihre Bedürfnisse zugeschnittene Plattform benötigen ? Das Europäischen Jugendparlament bietet solch eine „Bühne“ in vielen Ländern Europas – von A wie Austria bis Z wie Zypern.

Vor über 25 Jahren entstand aus einem französischen Schulprojekt die Idee europaweit Jugendlichen die Möglichkeit zum interkulturellen Austausch zu geben und innerhalb einer Parlamentssimulation Demokratie fassbar zu machen. Bis heute organisiert ein nationen übergreifendes Netzwerk von SchülerInnen und StudentInnen ehrenamtlich regelmäßig EYP Sitzungen und verschiedene andere Events. Franziska Maier, Vorstandsvorsitzende des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland, wollte bereits als Schülerin mehr über Politik erfahren und nachdem es damals viel zu wenige Wege gab und aktuell immer noch gibt ,möchte sie jetzt als Studentin, durch ihr Engagement beim EYP anderen jungen Menschen die Möglichkeit bieten, sich aktiv in den gesellschaftspolitischen Diskurs einzubringen. „ Wir jungen Europäer haben so viele Gemeinsamkeiten! So sollten wir uns alle an einen Tisch setzten und unsere Ideen konstruktiv erarbeiten und formulieren.“

Photo- 2 - EYP Delegation der Republik Zypern
EYP Delegation der Republik Zypern

Ob Delegierte aus dem EU-Anwärterland Türkei, dem euroskeptischen Großbritannien oder dem krisengeschüttelten Zypern: in München haben Jugendliche, unabhängig aus welchem Land sie stammen die Gelegenheit, Einschätzungen von anderen Gleichaltrigen aus ganz Europa über die derzeitige Entwicklungen in ihren Heimatländern zu erhalten und über die Visionen eines zukünftigen Europas mit den Entscheidungsträgern von morgen zu sprechen. Selbst junge Bürger aus Nicht-EU-Ländern, wie Weißrussland, dem Kosovo und Serbien, bekommen beim Europäischen Jugendparlament die Möglichkeit zum interkulturellen Austausch.

Doch wer meint, dass das Europäische Jugendparlament nur dazu dienen soll Freundschaften zu schließen und andere Jugendliche kennenzulernen, liegt falsch. Der Anspruch, den die Teilnehmer an sich selbst stellen ist sehr hoch. Timur Ikramov (16 ) von der Zypriotischen Delegation betont, dass er im EYP eine Plattform für sich entdeckt hat, um andere junge Menschen zu treffen, die genauso wie er der festen Überzeugung sind, dass jeder einzelne Bürger der jungen Generation zu einem erfolgreichen und stabilen Europa beitragen kann. „Europa bedeutet für mich Einigkeit, Frieden und Kooperation. Wir sollten in Zukunft lernen als ein Staat zu agieren, damit so was schreckliches wie der 2.Weltkrieg nicht nochmal passiert“, so der Schüler.

Photo 1- EYP Delegation der Republik Polen
„Ich gebe gerne meine Meinung kund und möchte mit anderen Menschen darüber kontrovers diskutieren“ Andrzej Daniluk (19) – Polnische EYP Delegation

Der 19.jährigen Abiturientin Marta Wnuszynska aus der Polnischen Delegation, war es vor allem wichtig herauszufinden wie viele Gemeinsamkeiten doch die Europäischen Jugendlichen haben. „Die EYP Sitzungen zeigen mir, dass andere junge Menschen genauso denken wie ich. Das ist gut, denn so weiß ich, dass ich nicht alleine bin mit meinen Ansichten.“

Ressourcen – eine Garantie für Nachhaltigkeit ?

Unter dem diesjährigen Sitzungsmotto: „down to earth. resourcing europe “ der 72. Internationalen Sitzung des EYP steht die europäische Dimension der Ressourcen- Erhaltung im Vordergrund. Fragen rund um die Privatisierung der Wasserwirtschaft, ein nachhaltiges europäisches Energiekonzept und die wirtschaftlichen Auswirkungen von Rohstoffengpässen auf das Wachstum Europas sind Mittelpunkt der Debatte. Visionen und Lösungsansätze zu bestehenden Problemen werden von den Delegierten kritisch hinterfragt und Strategien zum nachhaltigen Wirtschaften gemeinsam von den Sitzungsteilnehmern entwickelt.

Prominente Politiker wie der EU-Umweltkommissar Janez Potocnik, Horst Seehofer, Ministerpräsident des Freistaats Bayern, sowie Christian Ude, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, übernahmen die Schirmherrschaft der diesjährigen EYP-Sitzung.

Fast als persönlich involviert im Europäischen Jugendparlament könnte man Emilia Müller, Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, bezeichnen. Nachdem sie im Jahr 2010 bereits eine EYP-Sitzung in Würzburg besuchte, ist München für sie nochmals die Bestätigung, dass junge Menschen durchaus in der Lage sind konstruktiv über politische Themen zu diskutieren und dabei noch Zukunftsvisionen zu erstellen: „ Ich bin nachhaltig von der Qualität, Intensität sowie der sprachlichen Gewandtheit der Teilnehmer begeistert. Es ist wichtig, dass junge Menschen nachvollziehen können, wie schwierig es ist in der Politik manchmal auf den gleichen Nenner zu kommen, und dass Kompromisse oftmals mehr bringen, als das reine durchsetzen von Interessen“.

Photo 4- Eröffnungsrede - Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller
Eröffnungsrede der Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller

Europas Jugend – die Zukunft

„Resolutionen debattieren, Meinungen vertreten, Freundschaften schließen“ – so lautet eine der Devisen welches sich das Europäische Jugendparlament auf die Fahne geschrieben hat. Und es bleibt tatsächlich kein leeres Versprechen an die Jugendlichen, die entschieden haben nach München zu kommen. Die Landeshauptstadt ist für 10 Tage, Schauplatz eines europäischen Schmelztiegels der Jugend – Vielfalt trifft auf Einheit, Barrieren auf Kompromisse. Ein „Nationenkonstrukt“ aus so vielen unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Traditionen. wie die EU kann nur fortbestehen, wenn es von den Menschen, gewollt wird.

„Look at the Faces of the participants, than you will see them all smiling!”, meint Damian Sandowski (19), Mitglied der Polnischen EYP Delegation. Gibt es einen besseren Weg die Generation von morgen für Europa zu begeistern, als ihr zu zeigen, dass Freundschaft und Verständnis der Schlüssel zu einer sicheren und stabilen Zukunft ist?

 


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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Ein Kommentar auf “Europaverdrossenheit Adé!

  1. Die 300 sind ausgewählt. Davon wird ein beachtlicher Teil später politische Karriere machen. Deren Stimme wird gehört werden. Ansonsten lebt die politische Nomenklatura in einer Parallelgesellschaft, ohne Kontakt zum eigentlichen Souverän. Der dient im besten Fall als Steuerzahler zur Erhaltung dieser Parallelgesellschaft, im schlechtesten Fall ist er mit Subventionen gekaufte Manövriermasse.

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