Erasmus und der Preis des Sparens

Abgesehen von den 27 Mitgliedstaaten sind auch Norwegen, Island, Kroatien, die Türkei, die Schweiz und Liechtenstein Teil des Erasmus-Programms.
Abgesehen von den 27 Mitgliedstaaten sind auch Norwegen, Island, Kroatien, die Türkei, die Schweiz und Liechtenstein Teil des Erasmus-Programms.

Das Wort „sparen“ ist in den letzten zwei Jahren zu einem festen Bestandteil in den Debatten um die Europäische Union geworden. Doch wo kann es sich Europa leisten, Kürzungen vorzunehmen? Ein Kommentar von Luisa Hofmeier

„Die Verwandlung eines Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens“ – so hatte im Oktober 2012 das norwegische Nobelkomitee die Errungenschaft der Europäischen Union (EU) gewürdigt. Dieser Frieden ist nicht nur auf die Zusammenarbeit auf politischer Ebene zurückzuführen, sondern auch auf den interkulturellen Dialog, den zu fördern sich die EU ja eigentlich zur Aufgabe gemacht hat. Es ist deswegen überaus irritierend, dass gerade jetzt ein Vorzeigeprogramm der EU Gefahr, läuft dem Spardiktat zum Opfer zu fallen.

ERASMUS in Gefahr

Im vergangenen Jahr ist das Flaggschiff der  Bildungspolitik und des interkulturellen europäischen Austausches, das ERASMUS-Programm (European Action Scheme for the Mobility of University Students) Leck geschlagen. Das Erasmus Programm fördert seit 1987 die Zusammenarbeit unter Hochschule und den Austausch von Studenten und Lehrpersonen. Dabei gewährt es den Teilnehmern einen „Mobilitätszuschuss“ für Reise- und sonstige zusätzliche Kosten.

Der Grund hierfür: Nur schwer konnten sich die 27 Mitgliedsstaaten Ende 2011 auf einen Haushalt für das Jahr 2012 einigen. Schlussendlich war dieser um ganze vier Milliarden geringer, als die Kommission empfohlen hatte. Zusätzlich mussten noch fünf Milliarden Euro Defizitzahlungen vom Jahr zuvor beglichen werden.

Kein Wunder also, dass bei einem absehbaren Gesamtdefizit von neun Milliarden Euro finanzielle Probleme auftauchten. Die EU-Mitgliedsstaaten drohten damit den monatlichen „Mobilitätszuschusses“, den jeder ERASMUS-Student erhält und der bereits tausenden Studenten zugesagt worden war, zu streichen. Dank des Nachtragshaushalt, erhielten die Länderagenturen, die für die Verteilung der Gelder zuständig sind, die fehlenden 90 Millionen Euro.

Kürzungen im Bildungssektor

Nun stellt sich aktuell die Frage: Ist die EU lernfähig? Leider scheint dies nicht so. Zwar wurde das ERASMUS-Budget für dieses Jahr auf 490 Millionen Euro erhöht, doch dies ist anscheinend nicht die langfristige Zukunft für die Austauschförderung. Anfang Februar diesen Jahres einigte man sich auf einen Haushalt für die Jahre 2014 bis 2020. Das Ergebnis: Der jährliche Haushalt soll 3% kleiner werden als er es 2012 war, Kürzungen könnten insbesondere den Bildungssektor treffen.

Mit Blick auf die Entwicklung des Erasmus-Programms ist dies äußerst beunruhigend, auch wenn noch nicht klar ist, wo genau gekürzt werden soll. Dennoch ist folgendes Szenario wahrscheinlich: Je weniger Geld, desto weniger Studierende werden unterstützt. Die Ausstauschmöglichkeiten dürften abnehmen. Das ist eine simple Gleichung. Doch kann sich die EU weniger Austausch gerade unter ihren jungen Bürgern leisten?

Das europäische Parlament in Brüssel – Hier werden die Budget-Entscheidungen der EU getroffen.
Das europäische Parlament in Brüssel – Hier werden die Budget-Entscheidungen der EU getroffen.

Die Zukunft der EU liegt in Europa

Dass die EU in der Krise steckt ist kein Geheimnis. Zum einen ist da die Eurokrise, die Finanz- und Wirtschaftskrise und zum anderen die Diskussion um die politische Ausgestaltung der Europäischen Union in der Zukunft. Dass der britische Premierminister David Cameron jetzt auch noch bei seiner Wiederwahl ein Referendum bis 2017 zur EU-Mitgliedschaft Großbritanniens versprochen hat, zeigt, wie sehr diese im Ungewissen liegt.

Während das britische Volk sich nun gegebenenfalls mit der Frage „EU? Ja, oder nein?“, konfrontiert sieht müsste Europa stattdessen enger zusammenwachsen, um handlungsfähig zu bleiben. Um die europäische Integration voranzutreiben, muss auch die europäische Bevölkerung diese Idee unterstützen. Doch dies geht nur, wenn sich auch die einzelnen Menschen in Europa nicht nur als Griechen, Deutsche, Franzosen oder Belgier verstehen, sondern zugleich als Bürger der Europäischen Union.

In Zeiten, in denen die EU in Frage gestellt wird, ist es wichtiger denn je, möglichst vielen Europäern die Vorteile der Union vor Augen zu führen. Zu Gründungszeiten der EU und somit in Erinnerung an zwei Weltkriege und im Angesicht des Ost-West-Konflikts, war Frieden noch etwas Besonderes.

Die EU kennenlernen

Ob dies auch für die Jugend gilt ist jedoch fraglich. Die heutigen Studienanfänger kennen Krieg nur noch aus dem Fernsehen und auch ein in Ost und West geteiltes Europa war für sie nie Realität und bleibt bis zu einem gewissen Grad lediglich eine abstrakte Idee. Frieden und Kooperation in Europa ist gerade für diese Generation selbstverständlich – und vielleicht, wie das mit Selbstverständlichkeiten eben der Fall ist, ist das Bewusstsein über dieses Privileg nicht allzu groß. Eben diese Wertschätzung wird allerdings benötigt, damit auch in Zukunft alles für ein gemeinsamen Europa getan wird.

Spanische und Bulgarische Erasmusstudenten entdecken Köln.
Spanische und Bulgarische Erasmusstudenten entdecken Köln.

Die kommenden europäischen Generationen müssen für die Wichtigkeit der EU sensibilisiert werden oder früher oder später wird der europäische Geist verloren gehen. Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen eben diesen kennenlernen, gerade mit Hilfe des ERASMUS-Austauschs.

Zum einen ist Europapolitik, die irgendwo westlich von Deutschland in Brüssel gemacht wird, auf einmal sehr viel realer, wenn man mit spanischen Studierenden spricht, und diese auf einmal die horrenden Zahlen von 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit mit einem selbstverständlichen Nicken bestätigen. Zum anderen lernen die Studenten die Vorteile der EU konkret durch die finanzielle Unterstützung kennen.

Das ERASMUS-Programm als Investition in die Zukunft

Während ihres Auslandsaufenthalts machen die Studenten ihre ganz eigene Europaerfahrung – und wie bekannt ist, sind persönliche Erfahrungen die verlässlichste Grundlage von Überzeugungen. Wenn die EU will, dass auch künftige Generationen in Europa von der europäischen Idee des Friedens und der Zusammenarbeit überzeugt sind, dann muss sie das Erasmus-Programm nicht nur erhalten, sondern konsequent ausbauen.

Insofern ist Erasmus nicht nur ein ideelles Bildungsprogramm, sondern eine konkrete Marketingstrategie und eine Investition in die Zukunft Europas. Beides hat die Europäisch Union heutzutage in Zeiten von Wirtschaftskrise und Euroskeptik nötig und täte gut daran, sich dessen bewusst zu werden.

 


Die Bildrechte liegen bei jimkillock (Flaggen) und nicebastard (EU-Parlament) auf flickr.com sowie Laura Sierra Castaño (Bild vor dem Kölner Dom).


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