Die nüchterne Brutalität eines Dauerkonflikts

Filmstill aus Ziad Doueiris Verfilmung "The Attack" nach Yasmina Khadras "Die Attentäterin".
Filmstill aus Ziad Doueiris Verfilmung „The Attack“ nach Yasmina Khadras „Die Attentäterin“.

Einer äußeren Erschütterung folgt die innerliche. Der Regisseur Ziad Doueiri erzählt in seinem neuen Film The Attack die Geschichte eines Mannes, der in einen gesellschaftlichen Konflikt gerät und dabei erkennen muss, dass er sich in seiner Liebe getäuscht hat. Von Eberhard Schilling

Mit The Attack legt Regisseur Ziad Doueiri die Verfilmung des Bestseller Die Attentäterin von Yasmina Khadra vor. Nachdem er damit bereits auf den Filmfestivals in Toronto, Telluride und San Sebastián großes Lob einheimste, wird er im Vertrieb von Senator Films auch hierzulande demnächst in die Kinos kommen.

Produziert haben ihn Rachid Bouchareb und Jean Bréhat, die schon die U-Bahn Anschläge in London 2005 zum Anlass genommen haben, die plötzliche Eskalation schwelender kultureller Konflikte durch persönliche Schicksale und individuelle Sichtweisen anzureichern und dadurch ein Stück weit greifbarer zu machen. In The Attack geschieht dies im Rahmen des Nahost-Konflikts.

Emotionale Achterbahn

Der in Tel Aviv lebende palästinensische Chirurg Dr. Amin Jafaari (Ali Suliman) ist auf der Überholspur unterwegs. Soeben wurde er als erster Araber für seine medizinischen Leistungen ausgezeichnet. Durch sein intaktes persönliches Umfeld und den beruflichen Erfolg lassen sich die vielschichtigen Konfliktlinien, die die Region spalten, weitestgehend ausblenden. Für viele ist er ein Paradebeispiel für die Integration in die jüdische Gesellschaft.

Seine Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander zwischen Israelis und Palästinensern werden jedoch jäh erschüttert, als eine Selbstmordattentäterin mitten in Tel Aviv 17 Menschen, darunter elf Kinder, in den Tod reißt. Als wäre es noch nicht genug, die Verwundeten auf seinem OP-Tisch zu haben, teilt ihm die Polizei kurz darauf mit, dass es sich bei der Attentäterin um seine Frau Siham (Reymonde Amsellem) handeln soll.

Amin erlebt eine emotionale Achterbahn: Auf seinen persönlichen Erfolg und beruflichen Höhepunkt folgt die Trauer um den Verlust der geliebten Partnerin, welche kurz darauf in einen Zustand der Verweigerung umschlägt. Wie ist es möglich, dass die Geliebte zu einer Tat fähig ist, die man selbst verachtet? Seine Überzeugung, alles sei bloß ein großer Irrtum, wird spätestens zerstört, als ihm Sihams Abschiedsbrief in die Hände fällt. Von nun an beherrscht Orientierungs- und Fassungslosigkeit das Innenleben des Chirurgen.

Auf Spurensuche im Westjordanland

Reymonde Amsellem in der Rolle der Geliebten bzw. Attentäterin Siham.
Reymonde Amsellem in der Rolle der Geliebten bzw. Attentäterin Siham.

Um zu verstehen, wie es zu all dem kommen konnte, begibt sich Amin auf die Spuren der Drahtzieher des Anschlags. Seine Nachforschungen führen ihn nach Nablus, wo ihn nicht nur seine Schwester erwartet, sondern auch die ein oder andere brenzlige Situation, denn dort ist der Konflikt weitaus präsenter als in der relativ unpolitischen Hauptstadt Israels.

Wer die Attentäterin wirklich war, darüber ist sich nicht bloß Amin im Unklaren, auch der Zuschauer kann es bestenfalls erahnen. Lediglich in kurzen Flashbacks wird sie einem näher gebracht. Wir lernen eine Frau kennen, die sich mit der Realität arrangiert zu haben scheint.

„Wovon träumst du?“ fragt Amin. „Von nichts besonderem. Einem Stempel. Einem Ausweis. Einem Pass.“ Eine Radikale stellt man sich anders vor. Aber es passt zu dem Zustand eines Konfliktes, in dem keine klaren Grenzen gezogen werden können, wo verzweifelte Taten Ausdruck nachvollziehbarer Beweggründe sind, auch wenn sie dadurch nicht zu rechtfertigen sind.

Vielschichtige Konfliktlinien

Ohne großartig emotionalisierende Stilmittel einzusetzen, schafft es der libanesische Regisseur Ziad Doueiri, eine bewegende Geschichte zu erzählen. Einen großen Anteil daran hat Hauptdarsteller Ali Sulimann, der bereits unter der Regie von Ridley Scott in Der Mann, der niemals lebte sein Können unter Beweis stellen konnte. Doueiri schafft es, seinen Protagonisten unaufdringlich in Szene zu setzen und mit Hilfe von Sulimans hervorragender Performance das Publikum an dessen Gefühlskarussell teilhaben zu lassen.

Zudem spiegeln die Dialoge die Vielschichtigkeit und die Brutalität des israelisch-palästinensischen Konflikts wider. Wer glaubt, mit eindimensionalen Antworten das Ausmaß des Konflikts beschreiben zu können, wird einsehen müssen, dass dies der Sache nicht gerecht wird. Die Worte eines Widerstandskämpfers im Westjordanland klingen da wie ein Echo: „Wir sind keine Islamisten oder christlichen Fundamentalisten. Wir sind nur ein gezeichnetes Volk, das um einen letzten Rest Ehre kämpft.“

The Attack wurde auf internationalen Filmfestivals bereits mehrfach von Kritikern gelobt. Dennoch ist der Konflikt in der realen Welt angekommen und erhält dadurch eine weitere Facette: Die libanesische Regierung hat die dortige Ausstrahlung untersagt, u.a. auf Grund der Entscheidung, der Romanvorlage zu folgen und in Israel zu drehen. Das Verbot verhinderte offensichtlich sogar eine Oscar-Nominierung.

Der Kinostart in Deutschland steht bisher noch nicht fest.

Der Film läuft auf dem Filmfest München:

29.06.13 – 22:00 Uhr – HFF AudimaxX

01.07.13 – 21:30 Uhr – HFF Kino 2

02.07.13 – 17:30 Uhr – Münchner Freiheit 1

04.07.13 – 20:00 Uhr – Atelier 2


Die Bildrechte liegen bei der Senator Entertainment AG


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