„Der Mond war mein Zuhause“

Eugene Cernan auf dem Mond.
Eugene Cernan auf dem Mond.

Der letzte Mensch verließ den Mond vor über 40 Jahren. Und im Gegensatz zum ersten ist er der Allgemeinheit kaum bekannt. /e-politik.de/ traf ihn deshalb bei seinem Deutschlandbesuch. Ein Interview mit Eugene Cernan von Christian Schlodder

Als Eugene Cernan am 17. Dezember 1972 den Mond als bisher letzter Mensch verließ, ahnte er womöglich nicht, dass es nach über 40 Jahren immer noch keinen weiteren bemannten Flug zum Erdtrabanten geben würde. Neben dem Titel des „Last Man on the Moon“ hält er einige Rekorde der Weltraumgeschichte, wie zum Beispiel die höchste jemals von einem Menschen erreichte Geschwindigkeit (39.897 km/h). Kürzlich war er auf Deutschlandreise, auf der wir ihn zum Interview getroffen haben.

/e-politik.de/: Herr Cernan, normalerweise will man ja nicht der Letzte in irgendetwas sein. Wie fühlt es sich an, immer noch der letzte Mensch auf dem Mond gewesen zu sein?

Cernan: Es fühlt sich gut an. Ich sitze gerade hier und schaue zurück auf alle mir jemals im Leben gegebenen Möglichkeiten und muss feststellen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Jeder andere hätte diesen Job machen können, wahrscheinlich sogar besser. Aber dann war ich es eben. Es war der vorerst letzte Flug. Das wussten wir alle. Und wir wollten nicht, dass er in einer Katastrophe endet. Das war eine riesige Herausforderung, vor allem für mich als Kommandanten von Apollo 17. Die Leute machen heutzutage nur so ein großes Ding daraus, weil wir seitdem nicht mehr auf dem Mond waren. Ich dachte damals, dass wir bis zum Ende der 70er wieder jemanden hochschicken und danach direkt zum Mars fliegen würden. Nun ja, es kam ja alles anders, aber ich weiß, dass wir wieder hinfliegen werden. Und wir fliegen auch zum Mars!

Das Apollo-Programm

/e-politik.de/: Die berühmte Elektronik-Gruppe Daft Punk hat ein paar Bordfunksequenzen Ihrer Mondmission auf ihrem neuen Album gesampelt. Man könnte sagen, dass Sie jetzt offizieller Teil der Popkultur sind. Da viele Menschen mit dem Namen Eugene Cernan nichts anfangen können, habe ich mich gefragt: Hätten Sie sich in all den Jahren manchmal mehr öffentliche Aufmerksamkeit gewünscht?

Eugene Cernan nach einem Mondspaziergang
Eugene Cernan nach einem Mondspaziergang

Cernan: Hm. Wir sind damals ja nicht zum Mond geflogen, um in Liedern verewigt zu werden oder um Helden zu sein. Wir haben es gemacht, weil es das Richtige war. Die Presse und die Öffentlichkeit haben uns Astronauten zu Helden stilisiert. Als ich zum Weltraumprogramm kam, hat mich das alles nicht interessiert. Als wir dann zum Mond geflogen sind, hat vor allem die Presse immer wieder erklärt, dass wir ja so etwas Einzigartiges und Besonderes vollbracht hätten. Okay, letztendlich haben wir das ja auch. Aber andere Leute hätten es auch geschafft und wieder andere werden es auch wieder tun.

/e-politik.de/: Nach dem Unglück von Apollo 1, bei dem drei Astronauten starben, sagten Sie: „Wir begruben unsere Jungs in Arlington [Anm. d. Red.: amerikanischer Ehrenfriedhof] und ich wusste nicht, ob wir das gesamte Apollo-Programm begruben oder drei unserer Freunde.“ Wovor hatten Sie damals mehr Angst: das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Crew oder eine einmalige Chance zu verpassen?

Cernan: Ich hatte vor nichts Angst! Wenn ich Angst gehabt hätte, hätte ich mir einen anderen Job suchen müssen. Man war vielleicht oft besorgt, weil man ja nie wirklich wusste, was passieren könnte. Wenn die Rakete zündete: Würde sie explodieren? Würde sie abstürzen? Eben all diese Sachen, die später bei der Challenger und der Columbia passiert sind. Aber Angst war das nicht. Man hatte auch gar keine Zeit für Angst. Man war mit so vielen anderen Dingen beschäftigt und auch so trainiert, das zu tun, was getan werden musste, um die Mission erfolgreich zu Ende zu bringen und zu überleben, falls im schlimmsten Fall irgendetwas schief laufen würde.

Schneller als erlaubt

/e-politik.de/: Haben Sie damals den politischen Einfluss oder gar Druck beim Wettlauf zum Mond gespürt?

Cernan: Natürlich. Wir wussten, dass die Sowjets einen Plan hatten, zum Mond zu fliegen. Wir wussten zwar nicht alles, was sie taten; aber klar – wir wussten, dass das ein Rennen war. Aber ich glaube, wir haben uns damals weniger Sorgen um die Sowjets als um uns selbst gemacht. Wir hatten diesen ständigen Kurs: einfach weitermachen, da wir sicher waren, das richtige zu tun. Sie konnten ja ihren „großen Sowjet“ oder was auch immer haben, aber wir hatten einen Plan.

/e-politik.de/: Kaum einer weiß, dass Sie einige beeindruckende Rekorde in der Raumfahrtgeschichte halten. Einer davon ist der offizielle lunare Geschwindigkeitsrekord im Mondauto. Harrison Schmitt, der damals mit Ihnen zum Mond flog, sagte darüber, dass selbst Sie mit Ihrem Testpiloten-Machogehabe innerlich wussten, dass das wohl etwas zu schnell war. War es das wirklich?

Cernan im Mondauto, mit dem er bis heute den lunaren Geschwindigkeitsrekord hält.
Cernan im Mondauto, mit dem er bis heute den lunaren Geschwindigkeitsrekord hält.

Cernan: Nein! Da oben gab’s doch kein Tempolimit. Einstein meinte, dass die Lichtgeschwindigkeit festgelegt ist, aber irgendeiner musste ja versuchen zu zeigen, dass er falsch liegt. (lacht)

/e-politik.de/: Sie werden nächstes Jahr 80, und zwar zwei Tage vor Vollmond. Ist Ihre Faszination für den Mond immer noch groß, dass Sie sich um so etwas noch kümmern?

Cernan: Das mit dem Vollmond wusste ich jetzt nicht, aber natürlich bleibt man zeitlebens fasziniert. Der Mond war mein Zuhause. Ich habe da sozusagen gelebt. Ich bin nicht nur hingeflogen, hab auf die Oberfläche getippt und bin dann wieder zurück. Wir waren drei Tage da oben. Ich habe das Gefühl, noch alles zu kennen, und würde mich auch sofort wieder zurechtfinden. Ich habe da geschlafen. Ich habe da gegessen. Ich habe da gearbeitet. Aber ich werde wohl nie wieder dorthin zurückkehren können. Ich wünschte, ich könnte es. Ich vergleiche das Gefühl immer mit der Farm meiner Großeltern, auf der ich als Kind im Sommer oft war. Das war dann eben mein Zuhause während des Sommers. Und manchmal denkt man an diese Zeit und möchte einfach noch mal zurück. An den Platz, an den man so viele Kindheitserinnerungen hat – um zu sehen, wie es da jetzt aussieht. Vielleicht auch nur, um seine Erinnerungen aufzufrischen. Deshalb fasziniert mich der Mond noch immer. Ich würde gern zurück. Einfach nur dort stehen und mich umgucken. Mehr nicht. Vielleicht sollte ich das ja einfach zu meinem 80. Geburtstag machen.

Sinn und Unsinn der Raumfahrt

/e-politik.de/: Einige Menschen fragen sich, ob all das Geld für eine zukünftige Marsmission sinnvoll investiert ist, oder ob es nicht in der Rettung unseres genug geschundenen Planeten besser aufgehoben wäre. Deshalb frage ich Sie, als einer der wenigen Menschen, denen es vergönnt war, die Schönheit der Erde in ihrer Ganzheit zu sehen: Haben diese Leute damit nicht irgendwie recht?

Das weltberühmte Foto "Blue Marble", das auf dem Hinflug zum Mond von Apollo 17 geschossen wurde, wurde in den 1970er Jahren im Rahmen der Umweltschutzbewegung benutzt.
Das weltberühmte Foto „Blue Marble“, das auf dem Hinflug zum Mond von Apollo 17 geschossen wurde, wurde in den 1970er Jahren im Rahmen der Umweltschutzbewegung benutzt.

Cernan: In meinen Augen war es damals keine Geld- und Zeitverschwendung, zum Mond zu fliegen, und es wird auch keine Geldverschwendung sein, zum Mars zu fliegen! In Texas zum Beispiel haben die Leute weniger als einen Penny von jedem Dollar, der an die Regierung ging, für das Weltraumprogramm bezahlt. Und das bis heute! Jeder denkt nur an die Millionen von Dollar, die das alles in Summe kostet. Wenn wir beispielsweise eine Million Dollar für eine Reise zum Mond bezahlen und eine Milliarde für irgendetwas anderes, sagen die Leute, das Geld für die Raumfahrt sei rausgeschmissen. Das ergibt allerdings keinen Sinn, da man die Beträge aus dem Zusammenhang reißt und ohne Bezug präsentiert. All das ist nicht zu teuer. Vor allem bekommt man ja auch viel zurück, besonders im Technologiebereich. Eine einfache Rechnung: Eine Million Sekunden sind 11 Tage. Eine Milliarde Sekunden sind über 31 Jahre! Eine Billion Sekunden sind über 31 Jahrtausende! Und das verstehen viele Leute nicht, was drei Nullen mehr ausmachen können. Und Raumfahrt soll ja auch Inspiration sein. Große Träume zu haben und zu werden und zu schaffen, was man will. Dass es da draußen keine Grenzen gibt!

/e-politik.de/: Die offiziell letzten Worte, mit denen Sie Abschied vom Mond nahmen, waren wirklich schön. Aber Hand aufs Herz: Was waren die wirklich letzten Worte?

Cernan: Wir saßen mit Ron Evans und Jack Schmitt in der Landefähre. Dann sagte ich noch: „Let’s get this mother outta here!“, und das war’s.


Eugene Cernan, geb. 14.03.1934

Cernan kam im Sommer 1963 zur Nasa. Er war zuvor Marineflieger gewesen. Im Juni 1966 flog er im Zuge der Gemini-Mission erstmals ins All. Die ursprüngliche Einteilung der Apollo-Besatzungen hätte eventuell dazu geführt, dass Cernan bei der ersten Mondlandung dabei gewesen wäre. Dies wurde allerdings durch das Unglück von Apollo 1 und eine Neueinteilung verhindert. Er wurde nun der Apollo-10-Mission zugeteilt, die als Generalprobe für die eigentliche Mondlandung galt. Dabei flog er erstmals zum Mond, landete aber nicht auf diesem, sondern testete die Manövrierung der Mondlandefähre in der Umlaufbahn. Mit Apollo 11, die 51 Tage nach Cernans Landung startete, betrat dann Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Nachdem Apollo 18 und 19 aus Kostengründen gestrichen wurden, sollte Apollo 17 die vorerst letzte Mission zum Mond werden, zu deren Kommandanten Cernan ernannt wurde. Nach seiner Rückkehr auf die Erde und dem Ausscheiden aus der NASA 1976 war Cernan zeitweilig Vizepräsident einer Ölbohrfirma, Berater für Weltraumfragen und führte vier Jahre eine eigene Fluglinie. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Stiefkinder.

Weiterführende Literatur:
Cernan, Eugene & Davis, Don (2000): The Last Man on the Moon. Astronaut Eugene Cernan and America’s Race in Space. St. Martin’s Griffin. New York.


Die Bildrechte liegen bei der NASA.


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