Der fast vergessene Terror

Wolfgang Kraushaars Buch - Wann beginnt bei Euch endlich der Kampf gegen die heiloge Kuh Israel?
Wolfgang Kraushaars Buch – Wann beginnt bei Euch endlich der Kampf gegen die heiloge Kuh Israel?

In München gab es 1970 – zwei Jahre vor dem Olympia-Attentat  eine ganze Serie linksradikaler und palästinensischer Terroranschläge. Wolfgang Kraushaar gebührt das Verdienst, die Zusammenhänge nun akribisch rekonstruiert zu haben. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde

Im Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde in München stellte Wolfgang Kraushaar vom Institut für Sozialforschung Hamburg sein Buch Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? vor. Die Veranstaltung, die in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildung und der Literaturhandlung durchgeführt wurde, begann mit einer Gedenkminute für die Opfer der antisemtischen Anschläge in München 1970.

Darauf folgten eine Einführung des jüdischen Historikers Dan Diner von der Hebrew University Jerusalem sowie die Buchvorstellung Kraushaars. Der Abend endete mit einem Podiumsgespräch, das von Rachel Salamander geleitet wurde.

Die Veranstaltung erwies sich als emotional aufwühlend, denn sie zeigte den tragischen und irrtumsbeladenen Versuch deutscher Linksradikaler, anders sein zu wollen als die eigenen Eltern und dabei deren Unmenschlichkeit im Handeln reproduziert zu haben.

Dan Diners tiefenpsychologische Analyse

Dan Diner, der 1969 in Frankfurt am Main studierte, schilderte eine dramatische Situation im Hörsaal 6 der Goethe-Universität. Ein Jude, der mithilfe seiner tätowierten Lagernummer nachgewiesen habe, dass er ein Ausschwitz-Überlebender sei, habe über Mikrophon gesagt, dass er die israelfeindliche Stimmung nicht hinnehmen würde. Darauf sei er massiv von einem Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes attackiert und verletzt worden.

Im Hörsaal sei fast ein Massaker ausgebrochen – es gab Schlägereien mit vielen Verletzten. Diner zeigte, wie naiv und historisch unkundig viele der anti-israelischen Aktivisten aus der „Linken“ gehandelt hätten. Sie hätten sich in Abstraktionen verloren, Brandanschläge verübt, sowie in in gewisser Weise den Holocaust wiederholt.

Für Diner stelle der Kalte Krieg eine Art Zeitgefängnis dar. Der Widerstand gegen das Dritte Reich sei verspätet in Form von Terrorismus nachgeholt worden – eine interessante These. Zumal es laut Diner linksterroristische Gruppen nur in Ländern gegeben habe, die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzt worden waren.

Elf Tage im Februar 1970

Wolfgang Kraushaar arbeitete eng mit dem ARD-Filmemacher Georg F. Hafner zusammen, der mit seiner Dokumentation Als der Terror zu uns kam zu den Ereignissen von 1970, die im August 2012 ausgestrahlt wurde, für Aufsehen sorgte. Denn hinter dem Attentat auf die Olympischen Spiele 1972 in München waren die dramatischen Ereignisse vom Februar 1970 regelrecht in Vergessenheit geraten. Was war in diesen Tagen passiert?

Es hatte am 10. Februar mit einem Anschlag auf eine El-Al-Maschine am Flughafen München-Riem begonnen, bei dem der Israeli Ari Katzenstein getötet und viele weitere Israelis verletzt wurden. Es folgte ein Anschlag auf das jüdische Wohnhaus in der Reichenbachstraße 27, bei dem neun israelische Senioren, die teilweise das Konzentrationslager überlebt hatten, starben.

Am 17. Februar wurde ein weiterer Anschlagsversuch in München-Riem verhindert und am 21. Februar explodierten in zwei Flugzeugen Bomben. Die Austrian-Airlines-Maschine konnte notlanden, die Swiss-Air-Maschine stürzte jedoch in Würmelingen in der Schweiz ab. 47 Passagiere starben.

Diese Anschläge seien, so Kraushaar, im Verbund zwischen palästinensischen Terroristen der El-Fatah-Bewegung und lokalen Münchner Terroristen der Münchner Tupamaros durchgeführt worden.

Kein Beweis, aber eine Milieutat

Kraushaar lieferte in seinem Vortrag keine Beweise zur Überführung eines Täters, aber er konnte Indizien dafür angeben, dass es sich um eine Milieutat aus der linken Szene handeln könnte.

Der Historiker und Autor Wolfgang Kraushaar
Der Historiker und Autor Wolfgang Kraushaar

Aus der Umgebung der späteren RAF-Terroristin Irmgard Möller seien diesbezügliche Stellungnahmen nachzuweisen. Dazu komme die Zusammenarbeit von Kommunarden wie Dieter Kunzelmann, der sich in Jordanien von der Fatah militärisch habe ausbilden lassen. Eine zentrale Rolle bei den Flugzeuganschlägen 1970 habe der spätere hochrangige PLO-Offizielle Farouk Kaddoumi gespielt. Er wurde zum Chef des Schwarzen Septembers, der das Olympia-Attentat durchführte.

Kraushaars Verdienst ist es, zahlreiche Materialien aus dem Bayerischen Staatsarchiv ausgewertet zu haben, die lange als verschollen galten. Und er gesteht offen ein, wo ihm die klaren Beweislinien fehlen. In der Abschlussdebatte wies Rachel Salamander noch einmal auf eine bedeutende Ähnlichkeit zwischen Nazi-Tätern und Linksterroristen hin: Beide Gruppen würden in Bezug auf ihre Taten schweigen.

Viele offene Fragen

Die zentrale Frage, die sich nach der Lektüre dieses Buches stellt, ist, warum die Olympischen Spiele 1972 nach den Ereignissen von 1970 und dem zunehmenden internationalen Terrorismus durch die Palästinenser nicht besser geschützt wurden. Denn Kraushaar zeigte, dass linke Gruppen schon 1970 Aktionen gegen Olympia angekündigt hätten. Diese Fragen wurden von heute noch lebenden Verantwortlichen für die Sommerspiele, wie beispielsweise dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD), im Laufe der Jahrzehnte umschifft, so auch bei der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des Olympia-Attentats am 5. September 2012 in Fürstenfeldbruck.

Die Frage, inwieweit hinter der Sympathie vieler „Linker“ für die Palästinenser in dieser Zeit möglicherweise Antisemitismus steckte, bleibt unbeantwortet. Dass Terroristen jede Humanität verloren haben, sollte jedem zu denken geben, dem Ideen wichtiger sind als konkrete Beziehungen zu Menschen. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag, der dazu mahnt, dem Antisemitismus, aus welcher Richtung auch immer, entschieden entgegenzutreten.

Kraushaar, Wolfgang: Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?
München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus.
Rowohlt Verlag, Reinbek, 2013, 880 Seiten
ISBN 9783498034115, 34,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Rowohlt Verlag (Buchcover) und Sacha Hartgers (Porträt).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Der Holocaust als Fessel für Israel?

Die Rückkehr eines Juden

Wissenswerte: Islamismus (Video)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.