Bloß ein Mensch wie du und ich?

Das Buch "Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert" stellt die Person Marx in den Mittelpunkt.
Das Buch Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert stellt die Person Marx in den Mittelpunkt.

Jonathan Sperbers Biographie über Karl Marx präsentiert den Vordenker des Kommunismus als Opfer seiner Zeit und ihrer Umstände. Der Blick auf Marx’ Privatleben soll einem Marx-Revival den Wind aus den Segeln nehmen. Von Markus Rackow

Nur wenigen Lehren, die nach einer Person benannt sind, ist es vergönnt, heute noch in aller Munde zu sein. Der Marxismus ist die große Ausnahme. Über ihn, aber auch über Karl Marx, dürfte bereits das Wesentliche gesagt sein. Jonathan Sperber, US-amerikanischer Historiker und ausgewiesener Kenner der deutschen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, hat die Marx’sche Gesamtausgabe studiert und bereits vorhandene Biographien gesichtet. In seinem eigenen Versuch einer Biographie, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, gelingt es ihm nun eindrucksvoll, dem Leser Marx’ Privatleben nahezubringen.

Geldsorgen prägten Marx’ Leben

Sperbers akribischer Detailarbeit und seinem sorgfältigen Quellenstudium ist es zu verdanken, dass die faszinierenden Verkettungen von Beziehungen und Ereignissen in Marx’ Leben sichtbar werden. Dabei gerät die Darstellung zwar manchmal etwas langatmig und redundant, wenn etwa zum wiederholten Male en détail die Finanzsorgen der Familie beschrieben werden. Schön stellt Sperber allerdings die finanzielle Abhängigkeit zu Marx’ engstem Freund Friedrich Engels heraus. Unabhängig davon lastet Sperber Engels an, Marx’ Werk positivistisch verdreht zu haben, es also als reine Wissenschaft der Nachwelt präsentiert zu haben.

Eine Marx-Biographie in den Nachwehen der Finanzkrise zu veröffentlichen, hat unweigerlich politische Bedeutung. Bei Sperber ist diese explizit und implizit zugleich: explizit, weil der Autor antritt, Marx zu entmythologisieren und damit die wieder aktuell gewordene Sprengkraft vieler seiner Zitate und oftmals kontextlos gebrauchter Thesen zumindest anzuzweifeln; implizit, weil nach der Lektüre vor allem der Mensch Marx zurück bleibt, dessen Leben und dem seiner Zeitgenossen der Leser mit einer Mischung aus Mitleid und Besserwisserei des Spätgeborenen folgen kann.

Marx als bloßes Kind seiner Zeit?

Die Ikone Marx aus sozialistischer Sicht: Statue in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt Chemnitz
Die Ikone Marx aus sozialistischer Sicht: Statue in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt Chemnitz.

Zwischen den Zeilen mokiert sich Sperber über Vollblutmarxisten, die dem vermeintlichen Propheten Marx an den verschriftlichten Lippen hingen. Mit einem Propheten hat Marx für Sperber aber wohl nur dieses gemeinsam: das Erratische, Unberechenbare. Allerdings mutet es nicht minder fragwürdig und vor allem einseitig an, wenn Sperber sich gezielt Zitate aus Briefen heraussucht, um Marx’ Theorie als privat motiviert zu betrachten. Sperbers Akribie hat einen klaren Fokus auf persönliche Fehden, Beziehungen und Gefühle. Die Ausflüge in Marx’ Theorien oder sein Verhältnis zum Positivismus sind interessant – ob sie jedoch dem Urteil von Marx-Kennern standhalten, ist auch angesichts ihrer Knappheit fraglich.

Sperber zeichnet ein Porträt von Marx als Kind seiner Zeit. Marx sei noch in seinem finanziellen Scheitern „ausgesprochen bourgeois“ gewesen, habe auf Form und Sitte geachtet. Zum landläufig gepflegten Bild des Revolutionärs, der er phasenweise in Deutschland oder der Internationalen Arbeiterorganisation war, passt das freilich nicht. Marx’ erratische Arbeitsweise, die zwischen Manie und Aufgabe pendele; seine Krankheiten; vor allem aber seine Lebensumstände später im Exil als freier Journalist, immer abhängig vom Textilproduzenten und engsten Freund Engels, sowie beständige Geldsorgen und Schulden seien ihm doppelte Last gewesen: Sie hätten ihn an der Vollendung seiner Schriften gehindert. Auch hätten sie seine Bemühungen, wenigstens nach außen hin den Schein eines bürgerlichen Lebens zu wahren, zu einem herausfordernden Unterfangen gemacht.

Weder Prophet noch Messias

Wenn Sperber, eingedenk des aus heutiger Sicht als Irrweg erscheinenden Sozialismus, Marx vor dem Urteil seiner Kritiker retten will, so schüttet er leider das Kind mit dem Bade aus. Sperber historisiert Marx und spricht dabei seinem Wirken und Werk jedweden Wahrheitsanspruch ab. Marx ist bei ihm nicht mehr als ein gewiefter Taktiker in Revolutionsbewegungen, im Exil und der Ersten Internationalen, die er gar zur Abwehr seines Konkurrenten Bakunin habe untergehen lassen. Marx wird als störrischer, krankheitsgeplagter Hardliner mit zeittypischen Scheuklappen und Vorurteilen präsentiert; außerdem mit verschwörungstheoretischen Ressentiments gegen Russlands Zaren, was ihn gar zur Unterstützung der britischen Konservativen gebrachte habe, und selbst gegen „das Jüdische“ der Wirtschaft.

Manisch habe Marx nach allen Rückschlägen stets die Erwartung einer einmal nahen, einmal ferneren Revolution gehegt. In Fragen der internationalen Machtpolitik habe er sich mit zu Verschwörungstheorien neigenden Konservativen gegen Russland verbrüdert. Der Imperialismus habe ihn überwiegend aus geostrategischer Sicht interessiert. Noch viele weitere Spleens und Verschrobenheiten zählt Sperber auf und geht sogar noch weiter: Nicht nur sei Marx fest in seinem Jahrhundert verwurzelt gewesen, er habe auch bei Revolutionen vor allem immer an eine solche im Stile der Französischen gedacht, was der Biograph als „rückschrittlich“ bezeichnet.

Was bleibt jenseits der Ikone?

Die Ikone aus kapitalistischer Sicht: Marx als potentielles Lego-Männchen
Die Ikone aus kapitalistischer Sicht: Marx als potentielles Lego-Männchen

Zugleich zeigt Sperber die Diskrepanz, die zwischen Marx als Mensch und Ikone klafft. Marx sei stets für den Freihandel gewesen, auch weil der Kapitalismus so schneller sein Lebensende erreichen würde; und gegen Preußen. Schon mit der frühen deutschen Sozialdemokratie habe er sich letztlich überworfen. Aber erst Lenin, Stalin und Mao hätten Marx endgültig missbraucht, weil sie ihn zu einer Ikone der reinen Wissenschaftlichkeit und zum furchtlosen Klassenkämpfer stilisiert hätten. Sperber scheint andeuten zu wollen, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, hätten sie nur gewusst, was für ein bürgerlicher, liebevoller Familienvater er war – eben alles andere als ein Prophet.

Statt einer Ikone präsentiert Jonathan Sperber nur den Menschen. Wo er so oft darauf beharrt, dass Marx einer der letzten Hegelianer seiner Zeit war, wäre es doch zu wünschen gewesen, dass auch Sperber im dialektischen Sinne mehr von Marx gerettet hätte als den Alltagsmenschen. So hingegen scheinen Marx’ Geist und Theorie durch die fleischlichen Abgründe seines Lebens diskreditiert worden zu sein.

Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert
C. H. Beck Verlag, München 2013
Gebunden, 634 Seiten, 29,95 EUR


Die Bildrechte liegen beim C.H. Beck Verlag, f2b1610 (Statue, Creative Commons), Dunechaser (Lego-Marx, Creative Commons).


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