Augmented-Reality im Wahlkampf

Die CDU wirbt im Bundestagswahlkampf mit der Merkel-App
Die CDU wirbt im Bundestagswahlkampf mit der Merkel-App.

Parteien entdecken Apps für sich. Speziell Augmented-Reality-Anwendungen erweitern zum Beispiel Inhalte auf Plakaten. Grüne, SPD und CDU haben diese neue Art des Wahlkampfes für sich genutzt. Doch welchen Mehrwert bieten diese Anwendungen? Von Christian Bach

„An jeder Ecke und an jedem zweiten Laternenpfahl Plakate? Das klingt doch nach der passenden Gelegenheit deutschlandweit allen Smartphone-Besitzern die Möglichkeit zu bieten, Augmented Reality (AR) zu erleben. Gesagt, getan.“ So bewirbt die Agentur be!columbus ihre Merkel-App, die sie pünktlich zur heißen Phase des Bundestagswahlkampfes veröffentlicht hat. Doch was genau ist AR eigentlich?

Augmented Reality heißt übersetzt „erweiterte Realität“. Der Begriff steht für die Verwendung zusätzlicher Informationen, die theoretisch überall, jederzeit sowie über kompatible Geräte wahrgenommen werden können. Solche Anwendungen sind in der Lage, alle Sinne über mehrere Dimensionen anzusprechen. In Wahlkämpfen wird AR meist audiovisuell genutzt, um Betrachtern von Plakaten die Möglichkeit zu geben, zusätzlich Werbevideos mit einem mobilen Gerät abzuspielen.

Vorbilder Kenia und USA

International ist AR bisher zwei Mal in politischen Wahlkämpfen verwendet worden: Zum einen stellte 2012 das Team des damaligen kenianischen Ministerpräsidenten die Raila-Odinga-for-President-App online. Diese beinhaltet unter anderem Videos, Fotos, Termine und aktuelle Nachrichten. „Wenn die Kenianer in die Abstimmungslokale gehen, um ihren Präsidenten zu wählen, werden sie ihre Zukunft selbst in der Hand haben – ebenso wie ihre Mobiltelefone”, begründete der Kandidat die Wahl dieser Technik.

Zum anderen konnte man im selben Jahr mit Barack Obamas AR-Anwendung das Wahlkampflogo oder einen Fünf-Dollar-Schein per Smartphone oder Tablet scannen. Daraufhin erschien eine interaktive Benutzeroberfläche, die verschiedene Optionen anbot: Der Nutzer konnte unter anderem Geld spenden, ein fiktives High-Five-Foto mit dem US-Präsidenten aufnehmen oder sich den Wahlkampfsong We Got Your Back Obama anhören.

Die Experimente der deutschen Parteien

Drei deutsche Parteien haben sich bereits eine eigene AR-App geleistet: Die Berliner Grünen galten 2011 als Vorreiter. Mit ihrer Da-müssen-wir-ran-App konnten die Bürger einerseits ortsspezifische Probleme auf einer Karte eintragen, die ihrer Meinung nach gelöst werden sollten. Andererseits konnte man mit dieser Anwendung Wahlkampfvideos abspielen, wenn man sein mobiles Endgerät auf die entsprechenden Plakate, beispielsweise von Renate Künast, richtete.

Die SPD entwarf für ihren Spitzenkandidat Stephan Weil die Weil-App
Die SPD entwarf für ihren Spitzenkandidaten Stephan Weil die Weil-App.

Die SPD zog mit der Weil-App für die Landtagswahl 2013 in Niedersachsen nach. Diese konzentrierte sich auf die AR-Funktion, wobei auf einem Plakat mit mehreren abgebildeten Personen einzig der Spitzenkandidat visuell überdeckt wurde und in eingespielten Videos direkt zum Anwender sprach. Diese wurden vor einem Green-Screen aufgenommen, sodass die Konturen des Bewegtbildes von Stephan Weil auf denen seines Konterfeis auf dem Plakat lagen.

Aktuell setzt die Leitung des „CDU-teAMs“ während des Bundestagswahlkampfes auf die Merkel-App. Über ein Plakat spricht die Bundeskanzlerin den Nutzer, der dieses Programm installiert hat, direkt an. Zwei andere Großplakate werden jeweils mit einem vollständigen TV-Spot überblendet. Technisch macht die App demnach im Vergleich zur SPD einen Schritt zurück. Vergleichsweise fortschrittlich zeigt sie sich jedoch beispielsweise mit dem integrierten Veranstaltungskalender und einer Umkreissuche.

Viel Luft nach oben

Trotz ihrer grundsätzlichen AR-Funktion unterscheiden sich diese drei Anwendungen in einigen Details: Sie setzen andere Schwerpunkte, etwa auf Geolokalisation, die Verwendung von Green-Screens oder das Hinweisen auf Events. Nichtsdestoweniger mangelt es ihnen an Interaktionsmöglichkeiten, insbesondere vernachlässigen sie soziale Medien vollständig. Der Nutzer kann keine Inhalte aus der App teilen oder anderweitig versenden. Damit lassen sich die Parteien viel Reichweite entgehen.

Renate Künast grüßt von der Da-müssen-wir-ran-App der Berliner Grünen
Renate Künast grüßt von der Da-müssen-wir-ran-App der Berliner Grünen.

Ähnlich erging es der Da-müssen-wir-ran-Anwendung, da sie ausschließlich für Geräte mit dem Apple-Betriebssystem iOS konzipiert war. Daraus haben die anderen Agenturen gelernt und ihre Anwendungen auch für Android zur Verfügung gestellt. Dennoch muss ein Nutzer unter Umständen bei einem CDU-Clip sein Tablet für rund 45 Sekunden in die Richtung des Plakates halten. Ein automatisch einsetzendes Vollbild wäre stattdessen von Vorteil.

Insgesamt leben Augmented-Reality-Apps zurzeit noch vom Wow-Effekt. Die zugrundeliegende Technik existiert zwar bereits seit Jahrzenten, doch nur wenige Menschen nutzen sie bisher. Noch fehlt ein großes Unternehmen, wie Facebook oder Google, das einen Standard-Player für AR entwickelt oder in bestehende Systeme integriert, um sie somit massentauglich zu machen. Einen Schub könnte beispielsweise eine kompatible Brille bringen: „Wenn man das Projekt Google Glass dafür nutzen könnte, würde sich das lohnen […]. Doch leider sind diese Ideen bisher noch nicht in der Realität angekommen“, schreibt Anna Attkisson, geschäftsführende Herausgeberin des Laptop Magazine. Mithilfe von Googles Mini-Computer in Brillenform könnte die Augmented Reality endgültig mit einem Mehrwert in den Alltag der Nutzer einfließen und würde nicht nur zu Wahlkampfzeiten für Mobilisierungs- und Unterhaltungszwecke verwendet werden.


Grundlage für den Artikel ist die Masterarbeit des Autors: „Welche Bewertungen und Erwartungen verbinden WählerInnen mit Augmented-Reality-Apps aus dem Wahlkampf?“


Die Bildrechte liegen bei be!columbus GmbH (Merkel-App), SPDNiedersachsen (Weil-App) und Metaio AR (Grüne-App).


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