Auf der Flucht

Tin Htut Paing hat darum gebeten keine Nahaufnahmen von ihm zu veröffentlichen.  Er schläft bei Freunden und nutzt Privatbusse, bei denen die Identität nicht überprüft wird.
Tin Htut Paing hat darum gebeten keine Nahaufnahmen von ihm zu veröffentlichen. Er schläft bei Freunden und nutzt Privatbusse, bei denen die Identität nicht überprüft wird.

Es sah so aus, als ob Birma auf einem guten Weg wäre. Doch Regierungsgegner leben immer noch gefährlich. Tin Htut Paing ist einer von ihnen. Nun ist er auf der Flucht vor Polizei, Haft und Folter. Von Christian Schlodder

„Warum ist es für Birmanen besser, in Thailand zum Zahnarzt zu gehen?“ So fängt ein oft erzählter Witz des Landes an. Die Antwort: „Weil man in Birma ja eh nicht den Mund aufmachen darf!“ Auch wenn die schlechte Zahnhygiene vieler Birmanen eher mit dem exzessiven Genuss von Betelnüssen zu tun hat, steckt in diesem Scherz viel Wahrheit.

Einer, der es gewagt hat, den Mund aufzumachen, ist der erst 23-jährge Tin Htut Paing. Nun steckt er in großen Schwierigkeiten. Tin Htut Paing hat seinem Unmut über die politischen Defizite Luft gemacht, indem er Demonstrationen organisiert hat. Dafür droht ihm nun mindestens ein Jahr Gefängnis.

Währenddessen werben Hochglanzbroschüren in aller Welt für das unentdeckte Birma. Die Nachrichten seit den Parlamentsnachwahlen 2012 erwecken den Anschein eines neuen, freien und demokratischen Landes. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Nordkorea light

Tin Htut Paing zu treffen ist gar nicht so leicht. Es braucht zwei Mittelsmänner, um einen Kontakt herzustellen und ein Treffen zu vereinbaren. Das wird mit größter Vorsicht in einem Park im Norden Ranguns organisiert. Birma ist immer noch eine Art Nordkorea light, regiert von Militär und Vetternwirtschaft. Das fällt sofort auf, sobald man die üblichen Touristenpfade verlässt und hinter den Vorhang zu schauen beginnt.

Die meisten Telefone werden abgehört. Regierungsspitzel und Informanten sind nahezu überall. Das Risiko, denunziert und damit entdeckt zu werden, ist relativ hoch. Taxifahrer stellen seltsame Fragen. Man hat oft das Gefühl, dass einem irgendwer folgt. Einen polizeilich gesuchten Regierungskritiker zu treffen und dabei nicht wenigstens in Ansätzen paranoid zu werden, ist eigentlich unmöglich.

Tin Htut Paing wartet dennoch wie verabredet im Park. Insgesamt sind sechs Leute anwesend. Die restlichen Beteiligten sollen ungenannt bleiben. Zum einen, weil sie journalistisch vor Ort tätig sind und dieses Treffen durchaus ernste Konsequenzen für sie haben könnte, oder weil es sich ebenfalls um Regimekritiker handelt, die auf keinen Fall verhaftet werden wollen. Tin Htut Paing ist das mittlerweile egal. Zumindest soweit es einem egal sein kann, wenn man auf der Flucht ist. Er möchte vor allem, dass die Welt von diesem „neuem demokratischem“ Birma erfährt, das sich nach außen als modernisiert präsentiert, intern allerdings neue Wege gefunden hat, seine Kritiker mundtot zu machen.

Ob der Ort denn sicher sei, ist die erste Frage an Tin Htut Paing. Er bejaht. Er denke, er könne hier frei sprechen. Er wartet in einer kleinen Garküche. Der Inya-See ist in Sichtweite. Das Haus der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist nicht weit von hier. Es ist nahezu idyllisch. Was er dann allerdings zu erzählen hat, ist es nicht.

„Sie kommen mitternachts. Jeder weiß, was das heißt!“

Das Geheime Treffen in der Nähe des Inya-Sees. Öffentlich ist dies derzeit nicht möglich. Tin Htut Paing sitzt links am Tisch.
Das geheime Treffen in der Nähe des Inya-Sees. Öffentlich ist dies derzeit nicht möglich. Tin Htut Paing sitzt links am Tisch.

An der Sule-Pagode im Herzen von Rangun hatten kürzlich entlassene Fabrikarbeiter protestiert. „Als ich hörte, dass die Leute dort demonstrierten, bin ich sofort zu ihnen und habe ihnen erklärt, wie sie den Protest noch effektiver gestalten können“, erzählt Tin Htut Paing. Aus der spontanen Demonstration wurde ein Sitzstreik. Die Menschen begannen vor der Pagode zu beten. Ein durchaus symbolträchtiges Bild, das schließlich den Fabrikbesitzer dazu bewegte, den Leuten zu versprechen, ihnen neue Arbeitsplätze zu suchen.

Seit 2012 hat sich im politischen Selbstverständnis vieler Menschen einiges getan. Die Bereitschaft, für eigene Belange zu demonstrieren, ist merklich angestiegen. Für die Regierung ist das ein Dilemma. Seitdem internationale Sanktionen gelockert wurden und immer mehr Touristen ins Land strömen, schauen mehr wachsame Augen auf das südostasiatische Land. Ein blutiges Niederschlagen von Demonstrationen lässt sich unter diesen Bedingungen nicht so einfach rechtfertigen. Deshalb werden Oppositionelle und politische Aktivisten nun gezielter aus dem Verkehr gezogen.

„Die Polizei kam nach der Demonstration zu meinem Haus. Das war gegen Mitternacht. Und jeder hier weiß, was das heißt“, berichtet Tin Htut Paing von den Stunden nach der Demo. Sicherheitskräfte und Polizei sind dazu übergegangen, Regimegegner und Aktivisten nicht mehr vor aller Augen abzuführen. Damit will man vor allem Bild- und Videodokumente vermeiden, die noch bei der Safran-Revolution von 2007 zu heftigen internationalen Protesten führten. Und zu den schmerzlichen Sanktionen, die die machthabenden Generäle mehr als alles andere fürchten. Deshalb geht man jetzt dazu über, Aktivisten am Rande oder nach Demonstrationen abzuführen, oder, wenn dies zu heikel erscheint, gegen Mitternacht in ihren Wohnungen zu verhaften. Tin Htut Paing floh.

Sie nennen es Verhör – der Rest nennt es Folter

Zwei Polizisten überwachen einen Demonstrationszug in Rangun. Oft mischen sich auch Agenten in zivil unter die Menge, um Informationen über die Teilnehmer einer solchen Demonstration zu sammeln.
Zwei Polizisten überwachen einen Demonstrationszug in Rangun. Oft mischen sich auch Agenten in zivil unter die Menge, um Informationen über die Teilnehmer einer solchen Demonstration zu sammeln.

Tin Htut Paing ist schon lange politisch aktiv. 2007 verteilte er im Zuge der Safran-Revolution Flugblätter, die dazu aufriefen, sich gegen die mittlerweile über 50-jährige Militärdiktatur aufzulehnen. Er wurde außerdem ein Anführer der „Generation der Jugend“, eines lose organisierten Studentenbundes, der sich vor allem gegen die Regierung positionierte. Als die Proteste blutig niedergeschlagen wurden und die Verhaftungswellen einsetzten, floh er ins Asyl nach Thailand. 2009 kehrte er zurück und wurde prompt verhaftet, nachdem er regierungskritische Poster aufgehängt hatte. Er wurde umgehend vom Militärgeheimdienst verhört.

„Sie haben mich geschlagen und eine Menge Sachen gefragt, von denen ich keine Ahnung oder mit denen ich nichts zu tun hatte. Wenn ich nicht antwortete, schlugen sie mich mit Stöcken und hängten mich an den Händen im Verhörraum auf. Dort hielten sie mich 28 Tage gefangen. Ohne frisches Trinkwasser. Ich musste aus der Toilette trinken“, erzählt er immer noch sichtlich ergriffen. Ein Gericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft wegen Vergehen gegen die öffentliche Ordnung. Im Januar 2012 kam er nach knapp drei Jahren im Rahmen einer Generalamnestie wieder auf freien Fuß. Umso verständlicher, dass Tin Htut Paing kein Interesse daran hat, sich schnappen zu lassen. Im schlimmsten Falle müsste er die Reststrafe von zwölf Jahren absitzen – zusätzlich zu den Strafen, die ihm für die Aktionen seit seiner Freilassung drohen.

Unpolitisch wurde er durch seine Zeit im Gefängnis allerdings nicht. Kurz nach seiner Entlassung strengte er eine erfolgreiche Unterschriftenkampagne an, die dafür sorgte, dass es in Rangun mittlerweile mindestens 20 Stunden garantierte Elektrizität gibt. Im Juli dieses Jahres gab er eine Ein-Mann-Pressekonferenz vor dem Rathaus in Rangun, in der er dazu aufrief, die Kupfermine in Letpadaung zu schließen. Diese Kupfermine ist Symbol für die immer schlimmer um sich greifenden Enteignungen und Vertreibungen von Menschen durch birmanisch-chinesische Minenunternehmen im Land. Proteste von Dorfbewohnern vor Ort wurden von Sicherheitskräften unterdrückt, unzählige Menschen verhaftet.

Der große Traum von echter Freiheit

Tin Htut Paing geriet mit dieser Aktion wieder in den Fokus der Sicherheitskräfte. Er hat sich damit nach Paragraph 18 des birmanischen Versammlungs- und Prozessionsrechts der Bedrohung der Staatssicherheit und der öffentlichen Moral schuldig gemacht. Darauf stehen ein Jahr Gefängnis oder 30.000 Kyat (ca. 23 Euro) Geldstrafe – oder beides. Dieser Paragraph kann praktisch bei allen regierungskritischen Versammlungen herangezogen werden, allein schon aufgrund seiner schwammigen Formulierung.

Kurz nach dieser Pressekonferenz, die er im Namen der „Generation der Jugend“ abhielt, wurde er auf der Stelle verhaftet. Als etwa 200 Menschen die Polizeistation belagerten und seine Freilassung forderten, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt. Ende August organisierte er mit der „Generation der Jugend“ Demonstrationen in Rangun, die die Abschaffung eben des Paragraphen 18 forderten. Er wurde mit sieben anderen Mitgliedern verhaftet und nach Paragraph 18 angeklagt, danach allerdings wieder freigelassen. Sein Mitwirken bei der Demonstration vor der Sule-Pagode ließ den Sicherheitskräften dann endgültig den Geduldsfaden reißen.

Fragt man Tin Htut Paing nach seiner Motivation für all diese Proteste und wieso er sich als so junger Mann dieser Gefahr aussetzt, zögert er nicht lange mit der Antwort: „Ich will, dass die Regierung die Verfassung von 2008 abschafft und eine neue schreibt. Egal, was sie uns immer wieder erzählen: Die Regierung ist nicht demokratisch und sie orientiert sich nicht an den Menschen in diesem Land. Ich werde nicht damit aufhören, solange es hier keine echte Demokratie gibt!“

Birma ist bis heute kein freies, demokratisches Land. Tin Htut Paing ist noch immer auf der Flucht.

Das Treffen mit Tin Htut Paing fand bereits Ende September in Rangun statt.


Die Bildrechte liegen bei: João Almeida (Zug), dem Autor (Treffen) und Burma Partnership (Polizei)


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