Auf dem Weg zum Supermenschen

Das Streben nach Perfektion gehört seit der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaften zum festen Programm der westlichen Welt. Die manipulativen Eingriffe in die Strukturen des Humanen, die Versuch, „Menschen zu machen“, verlangen ethisch neu zu formulierende Positionen, meinen Sozialwissenschaftler verschiedener Richtungen. Von Christoph Rohde

Mit der zunehmenden Technologisierung der Gesellschaft geht eine Veränderung des Bildes des Menschen einher, meinen Jürgen Straub und dessen Assistentin Anna Sieben, Sozialpsychologen der Ruhruniversität Bochum sowie Katja Sabisch-Fechtelpeter Genderforscherin von derselben Universität. Die Herausgeber des Sammelbandes Menschen machen – Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme führen Sozialwissenschaftler zusammen, die die Ambivalenz des technologischen Fortschritts in den Natur- und Geisteswissenschaften unter Anderem in den Bereichen der Biotechnologie, Psychotechniken und der plastischen Chirurgie aufzeigen.

Technische Visionen zwischen Utopien und Dystopien

Die Vorstellung vom Menschen als Züchter seiner selbst, der seine eigenen Eigenschaften zu optimieren versucht, wurde explizit von Nietzsche in seiner Vorstellung vom Übermenschen Zarathustra thematisiert. Den lebenswissenschaftlichen Diskurs der Gegenwart löste, so zeigen die AutorInnen im Eingangskapitel, Peter Sloterdijk mit seinem Essay  „Regeln für den Menschenpark“ zur Anthropotechnik aus. Das Zeitalter der alten „Priester und Lehrer“ sei vorbei, schließt der Philosoph, sieht aber nicht nur Nachteile durch diese Entwicklung, denn die Folgen technologischer Revolutionen seien historisch stets ambivalenten Charakters. Die VerfasserInnen hingegen beäugen die rapide Entwicklung in den Lebenswissenschaften mit einiger Skepsis. Sie glauben, dass „für die philosophisch nicht sonderlich bekümmerten“ Lebenswissenschaftler das fortschreitende engineering of human beings zügig zu einem enthumanisierten Alltagsgeschäft werden könnte. Denn die Radikalität, Exzessivität und Universalität des modernen Optimierungswillens, so die Verfasser, sei historisch einmalig – ebenso wie die Anzahl der Mittel und Branchen, die sich des Perfektionsstrebens bedienten.

Die drohende Hegemonie des Nutzengedankens

Zwar ist es die anthropologisch-universale Bestimmung des Menschen, nach Perfektion zu streben. Gefahren bringt diese Anlage jedoch immer dann mit sich, wenn sie nicht durch dezentral ausgeübten Erfindergeist, sondern ein zentralistisches politisches oder ökonomisches Gesellschaftsprogramm realisiert werden soll. In einem Einzelbeitrag zeigt Jürgen Straub, dass sich  kulturelle Bedeutung des Menschen in den Fängen der Lebenswissenschaftler radikal wandelt. Der Körper wird von Biotechnikern und Biotechnologinnen zu einem Rohstoff, der manipulierbar, optimierbar und reproduzierbar wird. Der Sozialpsychologe kritisiert den dahinter stehenden funktionalen Reduktionismus, der aus dem Menschen eine stofflich-materielle Substanz mache, deren Inhalte und Daten für alle möglichen Zwecke eingesetzt würden. Diese bedenkliche Entwicklung erfordere eine Neudefinition psychischer und sozialer Tatbestände; die Bioethik sollte, so Straub, eine empirische Psychologie der Verletzlichkeit des Menschen entwickeln, die die Empathiefähigkeit des Menschen und seine seelische Konstitution berücksichtige. Im Grunde geht es um die Rettung eines genuin menschlichen Kerns.

Nicht nur naturwissenschaftliches „Enhancement“

Anna SiebenDie Optimierung menschlichen Lebens findet nicht nur in den naturwissenschaftlichen Disziplinen statt. Zwar haben spektakuläre Entwicklungen im bio-medizinischen Bereich wie die Entzifferung des menschlichen Genoms und die Hirnforschung das Thema der Humanoptimierung einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein geführt, aber auch innovative Sozial- und Psychotechniken sind in den Blick der Kulturwissenschaften geraten.

Wie Jens Elberfeld zeigt, hat die zunehmende De-Institutionalisierung der Psychiatrie zu neuen Formen der nicht-medizinischen Psy-Disziplinen geführt, in denen Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Coaches und Lifestyle-Berater mit teilweise esoterischem Touch eine wichtige Rolle spielten. Der therapeutische Lebensstil ist zu einer sozialen Praxis geworden, der nicht der Heilung von Krankheiten, sondern der Optimierung individueller Fähigkeiten dient. Bedenklich ist, dass die Räson hinter diesem Verhalten oftmals die Empfindung ökonomischen Wettbewerbsdrucks steht. Die Psychotechniken werden oftmals mit Medikamenten unterstützt, die auch als Gehirn-Doping bezeichnet werden, deren Wirkungen aber umstritten sind – langfristig führen sie eher zu schädlichen Nebenwirkungen.

Selbstformung als Optimierungsprozess

Roland Kipke, Tübinger Ethiker und Athropologe , zeigt die verschiedenen Formen menschlicher Selbstformung im Schatten der technologischen Optimierungsstrategien auf. Dabei stellt sich heraus, dass die Unterscheidung von ethisch akzeptabler Selbstverbesserung und der ökonomisch erzwungenen Rationalisierung des eigenen Tuns zur Verbesserung eigener Wettbewerbsfähigkeit kaum möglich ist. Die Verbesserung des Lebens ist geradezu ein religiöses, den Menschen konstituierendes Daseinselement, so Kipke. Wichtig aber ist es, die Autonomie der Selbstformung gegen den gesellschaftlichen Druck abzusichern. Dazu müssen die drei Mindestbedingungen für Autonomie gewährleistet sein: Urheberschaft, Freiwilligkeit und Informiertheit. Die Schattenseite des psychischen Optimierungswillens ist die „Krankheit der Unzulänglichkeit“, die Depression, die „Zivilisationskrankheit“. Kipke glaubt, dass die willentliche und reflexive Veränderung individueller Persönlichkeitsmerkmale „in begrenztem Rahmen“ möglich ist; wie dabei ein krank machender Perfektionismus verhindert werden kann, wird jedoch nicht deutlich.

Zwischen Utopie und Dystopie

Die Themen des Sammelbandes beinhalten die Optimierungstechniken der plastischen Chirurgie (Nora Ruck) ebenso wie Strategien der religiösen Optimierung (Maik Arnold), aber es werden auch die Grenzen menschlichen Fortschrittsdenken markiert (Roland Reichenbach über Dilettantismus). Die Zwiespältigkeit der Fortschrittsgeschichte wird in den vielseitigen Beiträgen gut vorstellbar gemacht, die Notwendigkeit einer ethischen Begleitung der Lebenswissenschaften in plausibler Weise postuliert. Einseitige fortschrittsgläubige oder –feindliche ideologische Vorgaben werden in wohltuender Weise vermieden. Für Forschende und Studierende der Humanwissenschaften wie der Naturwissenschaften ist dieser interdisziplinäre, gut lesbare Band sehr zu empfehlen.

Anna Sieben, Katja Sabisch, Jürgen Straub (Hg.) : Menschen machen – Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme. Transcript Verlag. 2012, 498 S., 36,80 €

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