50 Jahre Bundesliga und die Abenteuer eines besonderen Trainers

Die Geschichte der Fußball-Bundesliga ist auch eine Geschichte der kleinen und großen Bundesrepublik. Ronald Reng erzählt diese in amüsanter Form – an Hand der Biographie des Trainers Heinz Höher. Von Christoph Rohde

Reng_CoverDie Geschichte der Fußball-Bundesliga beginnt in etwa auf dem Höhepunkt des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders. Nicht immer boomte die Liga dermaßen wie in diesen Tagen. Dem Sportjournalisten Ronald Reng, der bereits eine bewegende Biographie Robert Enkes geschrieben hatte, ist es gelungen, die Geschichte dieser besonderen Liga an Hand persönlicher Anekdoten, aber auch der Darstellung struktureller Veränderungen im Profisport und allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen kreativ darzustellen.

Von der Regionalliga zur Bundesliga – der mühsame Weg zur Professionalisierung

Wer die Bundesligavereine nur aus der Gegenwart kennt, der wird staunen, wenn er die Schilderungen über die mühsamen Anfänge des Profifußballs aufnimmt. Die Geschichte des Spielers und Trainers Heinz Höher bildet die ideale rote Linie, an welcher die Professionalisierung des Fußballs von Reng wunderbar dargestellt wird. Dass die meisten Fußballspieler seines Vereins Meidericher SV, heute MSV Duisburg, tagsüber im Hüttenwerk beim Krupp in Rheinhausen oder einem ähnlichen Betrieb malochten, ist heute nicht mehr vorstellbar, gehörte aber damals zum Lebensstil eines Bundesliga-Fußballers dazu. Lange Bier-Sessions und Skatrunden bis zum frühen Morgen gehörten zum Lebensstil der Profi-Fußballer aus dem Revier dazu. Als Spieler des VfL Bochum arbeitete Höher nebenbei offiziell als Vermarkter in der Schlegel-Brauerei, ohne dass seine Ideen dort verwirklicht worden wären.

Die Nationalmannschaftskarriere verpasste der schnelle Dribbelkönig Höher, weil vor dem Flug nach England sein Pass nicht gültig war und er nicht mitfliegen konnte. Man erkennt, dass noch nicht alles bis in kleinste Detail professionell organisiert war.

Der Bundesligaskandal verwunderte Viele

Dass Spiele am Ende der Bundesligasaison verkauft beziehungsweise gekauft wurden, war nach einigen Jahren Bundesliga übliche Praxis geworden. Diese war eher der großen Naivität vieler Beteiligter geschuldet als dass hier die Wurzel organisierter Kriminalität vorzufinden wäre, die die gegenwärtigen Wettskandale in vielen Profiligen charakterisiert, meint Reng. Heinz Höher, der, da er sich im Vertragspoker verzockt hatte, in die niederländische Ehrendivision wechseln musste, spielte bei Twente Enschede. Hier begab es sich nach dem Spiel gegen Maastricht, dass ihm einige Geldscheine zugesteckt wurden, ohne dass er wusste wofür. Aber, und das bedauerte er nach dem Bekanntwerden des deutschen Skandals aus dem Jahre 1971, er wehrte sich auch nicht dagegen und verlor dadurch seine eigene weiße Weste. Die Darstellung des Bundesligaskandals, in den Spieler unter Anderem von Arminia Bielefeld und Schalke 04 wie Klaus Fischer und Rolf Rüssmann verwickelt waren, nimmt breiten Raum im Buch ein.

Blick für Talente, aber kommunikationsunfähig

Der Autor
Der Autor Ronald Reng

Nachdem seine Fußballkarriere unstetig blieb – der größte Erfolg war das dann 4-1 verlorene Pokalfinale 1968 gegen den 1. FC Köln – versuchte sich Höher als jüngster Trainer der Bundesliga. Auch hier zeigt Reng die heute altertümlichen Methoden der Trainer, die oftmals nur Kondition bolzen ließen und dann die Mannschaftsaufstellung in der Mannschaftssitzung kommentarlos vorlasen. Heinz Höher fand hier sein Feld, um eigene Ideen zu verwirklichen. So führte er beim VfL Bochum frühzeitig Elemente der Raumdeckung ein und entdeckte junge Talente wie Michael “Ata” Lameck oder den jetzigen bayerischen Co-Trainer Hermann Gerland. Beim 1. FC Nürnberg baute der engagierte Coach eine herausragende Mannschaft auf, die die gesamte Bundesliga mit ihrer Jugend inspiriert. Die Truppe um Hansi Dorfner, Dieter Eckstein, Roland Grahammer und Stefan Reuter mischte die Liga auf und schaffte sogar den Einzug in den Europapokal. Dass der Club jedoch die besten Spieler wie Dorfner, Grahammer und Reuter zum FC Bayern abgab, verbitterte den für Alkohol anfälligen Höher, der, um seine Vision gebracht, immer mehr in den Sumpf des Trinkens versank und seine nächsten Trainerposten im In- und Ausland stets kurzfristig verlor. Und Höher hatte wie viele Männer seiner Generation ein Problem: er redet nicht über seine Probleme.

Der Alkohol als fester Bestandteil des Lebens

Der Verlust eines seiner Söhne bei einem Autounfall ließ alle Dämme brechen. Der Alkohol bestimmte den Tagesrhythmus des Trainers, der bei einem Comeback-Versuch beim VfB Lübeck einen Zusammenbruch erlitt, weil er zu viele Tabletten gegen die Entzugserscheinungen eingenommen hatte. Auch hier zeigt Reng wieder seine Empathie, indem er die Verleugnungsversuche des Trinkers und die Versuche seiner Frau und Familie sowie seiner Freunde bewegend darstellt, ihn zu einer Entziehungskur zu bewegen. Dass Alkohol und andere Suchtformen im Stress des Profifußballs weiterhin Konjunktur haben, wird der Öffentlichkeit meist vorenthalten, weiß der Autor.

Für die Fußballfans der Babyboom-Generation ein Muss

Der Verfasser dieser Rezension Repräsentant der Baby-Boom-Generation der Mid-60er, hat die 475 Seiten des Buches aufgesogen, da ihm aufgrund seiner Jugend im Ruhrgebiet nicht nur die Schauplätze wie das Bochumer Stadion bekannt sind, sondern auch viele der hier geschilderten Sachverhalte. Aufgrund der kongenialen Verbindung humorvoller Anekdoten, struktureller Wandlungsprozesse und persönlicher Siege und Tragödien Heinz Höhers und anderer Protagonisten wird der Leser noch einmal in die Welt der Bundesliga, aber auch die Geschichte der BRD versetzt. Damit bedeutet diese Lektüre mehr als amüsante Unterhaltung, sondern sie verschafft auch erfrischende emotionale Reminiszenzen. Aber auch für jüngere Fans ist das Buch spannend, da sie hier erfahren, wie der Fußball und vieles Andere früher einmal war.

Der Verlag im Internet


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag (Buchcover) und Gunnar Knechtl (Porträt).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Robert Enkes radikaler Abschied

193 cm intelligente Arroganz

Das größte Eigentor des Philipp Lahm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.