WeltTrends 83: Arabische Brüche

Können Araber Demokratie?, wird in diesem Heft gefragt und zugleich daran erinnert, dass es in den Mutterländern liberaler Demokratie Jahrhunderte gedauert hatte, bis sich diese in ihrer Gänze etablierte. In der Schweiz, für so manchen Wutbürger das Muster originärer, weil direkter Demokratie, wurden erst im Jahre 1957 Frauen zu Volksentscheiden zugelassen, zunächst nur in einer Gemeinde von 420 Einwohnern!

Demokratie ist eine hochkomplexe, Zeit und Nerven kostende und auch widerspruchsvolle Angelegenheit, die nicht irgendwann und irgendwo ein „perfektes Stadium“ erreicht. Es ist wichtig, sich das zu vergegenwärtigen, wenn wir „Bilanz“ im Jahre II des Arabischen Frühlings ziehen. Als 1432 (nach arabischer Zeitrechnung) der Aufstand kam und die „versiegelte Zeit“ aufbrach, keimte nicht nur Hoffnung, sondern es schoss auch so manche Illusion ins Kraut. Das Wort Revolution war in aller Munde. Heute schlägt die Euphorie in Ernüchterung, oft sogar Depression um. Die Wahlerfolge islamischer Parteien, das Beharren der Militärs, blutige Bürgerkriege, die hochgerüstete Stabilität monarchischer Regime, all dies hat dazu geführt, dass sich die Metapher vom „Frühling“ verflüchtigt. Wir sprachen zu Beginn vom Aufstand und jetzt von Brüchen. Die starren Strukturen sind aufgebrochen, ohne dass schon klar ist, was an die Stelle des Alten tritt. Warum nicht Demokratie?

Brüche gab es auch in unseren Sichten. Es ist nicht erstaunlich, aber doch bemerkenswert, dass auch dieses Ereignis nicht vorhergesehen wurde; sowenig wie die Umbrüche von 1989. Gewiss ist unsere Prognosefähigkeit begrenzt. Zugleich soll an Klischees und Voreingenommenheit in den Sozialwissenschaften, auch in Bezug auf diese Region, erinnert werden. Stabilität war von der Politik gefragt und die Wissenschaft lieferte. Der Wandel stand außen vor. Hartmut Elsenhans spricht hier von der „Blindheit der offiziellen deutschen Politikwissenschaft gegenüber den neuen Phänomenen im Süden“. Manfred Mols, Altmeister der deutschen Lateinamerikanisten, hat dies an anderer Stelle ebenso beklagt. Deutsche Politikwissenschaft bedarf wieder kenntnisreicher Analysen der wirklichen Verhältnisse in der Welt. Dieses Heft will einen Beitrag dazu leisten.


Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.


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