We, the People

Fred Beuttler, ehemals Historiker im amerikanischen Repräsentantenhaus, schaut gerne auf „das große Ganze“. Er sagt: Der erhitzte US-Wahlkampf ist das Resultat einer großartigen Idee. Ein Interview mit Fred Beuttler von Luzia Geier

Lesen Sie das Interview im amerikanischen Original hier.

Von 2005 bis 2010 arbeitete Fred Beuttler als Deputy Historian in Washington und konnte den Alltag auf dem „Capitol Hill“ selbst miterleben. Seit 2010 doziert er an der Carroll University of Wisconsin. Mit /e-politik.de/ sprach er über die zunehmende Polarisierung in der amerikanischen Politik und warum sie nicht zwangsläufig negativ bewertet werden sollte.

/e-politik.de/: Aus deutscher Sicht erscheint der momentane US-Wahlkampf sehr aggressiv. War das schon immer so?

Fred Beuttler: Ich bin mir nicht sicher, ob diese rauen Umgangsformen historisch gesehen so ungewöhnlich sind. Amerikanische Präsidentschaftswahlen waren immer schon recht grob. Tätliche Angriffe und Gewalt gab es zwar kaum, rhetorisch allerdings werden Wahlkampagnen häufig wirklich persönlich und attackieren nicht nur die Agenda ihrer Gegner. Das hat eine lange Tradition in beiden Parteien. Man muss sich nur einmal die berühmte „Daisy Ad“ anschauen, die Lyndon B. Johnson im Wahlkampf 1964 gegen Barry Goldwater spielen ließ.

/e-politik.de/: Warum ist Politik in den USA so persönlich?

Beuttler: Ein Hauptgrund dafür ist meiner Meinung nach die fehlende Bedeutung politischer Parteien in Amerika. Es gibt hier keine Listenwahlen wie in parlamentarischen Systemen, deshalb ist jeder Kandidat letztendlich selbst für seine Wahl verantwortlich. Natürlich helfen Parteien und politische Interessengruppen, aber meist eher, um den Kandidaten ein bestimmtes Image zu verleihen – nicht nur in Präsidentschaftswahlen. Richard Lugar ist ein gutes Beispiel dafür. Trotz seiner politischen Erfahrung wurde er in den republikanischen Senats-Vorwahlen in Indiana von einem kaum bekannten Gegner geschlagen. Ein Hauptgrund für die Niederlage war nicht seine politische Ideologie, sondern etwas sehr Persönliches: Weil er schon sehr lange in Washington lebte, besaß er nur eine kleine Mietwohnung in Indiana, um dort gemeldet zu sein. Er verlor, weil er keinen Bezug mehr zu seinen Wählern hatte. So etwas passiert hier wirklich oft und ist in Deutschland wahrscheinlich kaum denkbar. Persönlichkeit ist deshalb ein wichtiger, ja fast der wichtigste Aspekt in den Präsidentschaftswahlen.

/e-politik.de/: Derbe Umgangsformen sind also üblich. Aber sind die politischen Lager wirklich so polarisiert und wütend aufeinander, wie es der raue Ton suggeriert?

Beuttler: Ich würde sagen: Ja, und die Polarisierung ist mit der Zeit immer weiter fortgeschritten, in den Parteien ebenso wie in der Bevölkerung. Die Parteien und insbesondere der Kongress, von dem mir das Repräsentantenhaus bestens bekannt ist, sind polarisierter als jemals zuvor in den letzten hundert Jahren. Der konservativste Demokrat ist heutzutage linker als der liberalste Republikaner. Es gibt kaum noch ideologische Schnittmengen.

/e-politik.de/: Woher kommen diese extremen Positionierungen?

Beuttler: Diese Polarisierung ist das Produkt vieler Faktoren. Unter anderem gruppieren sich immer mehr Amerikaner gemäß ihrer politischen Ansichten. Außerdem werden Wahlbezirke durch Reformen zusammengezogen, um gleichgesinnte Wählerschaften zu vereinen und so „sichere Plätze“ im Kongress zu ergattern. Hinzu kommt, dass die Parteien ideologisch immer „reiner“ werden. Die von Ihnen angesprochene Wut ist schwieriger zu messen. Ich komme aus Wisconsin, einem Staat, in dem es in der letzten Zeit ziemlich viel Wut gab, Demonstrationen am Kapitol und eine äußerst umstrittene Abberufungswahl. Ich würde also durchaus sagen, dass die Menschen wütend sind. Viele Amerikaner sind verängstigt. Seit 43 Monaten liegt die Arbeitslosigkeit über acht Prozent und diese Statistik erfasst nur Arbeitssuchende. Wenn man alle „diensttauglichen Erwachsenen“ miteinbezieht, beträgt die Arbeitslosenquote eher elf Prozent. Das steigert natürlich die allgemeine Unsicherheit und speist die Wut.

/e-politik.de/: Inmitten dieser Polarisierung wird gerne der Eindruck erweckt, das Wahljahr 2012 bringe fundamentale Änderungen mit sich. Stimmt das überhaupt?

Beuttler: Fast jeder Kandidat behauptet, dass seine Wahl eine der wichtigsten des Jahrhunderts sei. Natürlich sind die meisten Wahlen keine Wendepunkte. Dieses Mal könnte es aber wirklich einen grundsätzlichen Richtungswechsel geben. Dabei geht es hauptsächlich um die Zukunft des nationalen Gesundheitssystems. Viele Maßnahmen von „Obamacare“ werden stückweise implementiert, die meisten erst nach dieser Wahl. Wenn Mitt Romney Präsident wird und die Republikaner den Senat erobern oder auch nur die Hälfte der Sitze erlangen, können zahlreiche Maßnahmen wieder rückgängig gemacht werden. Selbst wenn die Republikaner keine Mehrheit im Senat bekämen, gäbe es viele Änderungen, meist in Form präsidialer Verfügungen.

/e-politik.de/: Welche Bedeutung hat die Person Barack Obama? Ist sein Status als erster schwarzer Präsident der USA ein Kriterium in diesen Wahlen?

Beuttler: Es ist interessant, die Veränderungen im Wahlkampf hinsichtlich Obamas Hautfarbe zu betrachten. Viele Menschen wählten ihn 2008, weil sie nicht als jemand gelten wollten, der „gegen“ ihn stimmt. Er heimste wesentlich mehr Stimmen von moderaten, weißen Wählern ein, als beispielsweise John Kerry sie bekommen hatte. Viele waren wahrhaft daran interessiert, den ersten schwarzen Präsidenten zu wählen, gerade auch weil er seine Kampagne als „post-racial“ definierte. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das immer noch der Fall ist; jetzt haben wir einen schwarzen Präsidenten und Obamas Hautfarbe ist nicht mehr so wichtig. Natürlich lassen sich immer noch Leute finden, die ein Problem damit haben, aber ich glaube, für die Mehrheit ist das passé – diese Wahl ist wirklich „post-racial“. Diejenigen, die 2008 wegen seiner Hautfarbe gegen ihn stimmten, werden es auch dieses Mal tun. Aber die Wähler, welche ihn damals aufgrund seiner Hautfarbe wählten, bewerten jetzt eher seine politische Leistung.

/e-politik.de/: Und was denken Sie? Wessen politische Leistung wird die Amerikaner in diesem Wahlkampf überzeugen?

Beuttler: Nun, ich bin kein Prophet, und meine Antwort wäre anders ausgefallen, hätten Sie mich im September gefragt. Seit dem ersten TV-Duell hat Mitt Romney in den Umfragen ziemlich aufgeholt und viele Staaten sind noch unentschieden, insbesondere Virginia und Wisconsin. Aber ich würde diese Frage gerne auf das gesamte politische System ausweiten, da zeitgleich auch Wahlen im Kongress stattfinden. Anders als bei der Kanzlerwahl in Deutschland hat der Sieger in den Präsidentschaftswahlen nämlich nicht zwangsläufig eine ausreichende Mehrheit. All den Klagen über das gespaltene und polarisierte Washington zum Trotz war genau das die Idee der Gründerväter. Das politische System Amerikas basiert auf qualifizierten Mehrheiten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Republikaner das Repräsentantenhaus halten können. Die Mehrheit der Demokraten im Senat ist jedoch sehr knapp, wahrscheinlich entscheidet der Gewinner der Präsidentschaftswahlen den Ausgang der Senatswahlen. Bei einem Sieg Obamas gäbe es dann, wie in den vergangenen zwei Jahren, kompletten Stillstand. Sollte Romney gewinnen, könnte aber wirklich etwas getan werden. Somit ist die einzige Hoffnung auf Änderung mit einem Sieg Romneys verbunden. Ich denke, dass die amerikanische Bevölkerung Fortschritte sehen will. Sollte das nicht passieren, können wir in den Zwischenwahlen eine Kurskorrektur bewirken. Egal was im November passiert, wir, das Volk, entscheiden in zwei Jahren, ob wir umkehren möchten oder weitergehen wollen. Und das liebe ich am amerikanischen Prinzip der Selbstverwaltung. Wir, das Volk, können entscheiden. Es liegt in unserer Hand.

Das Interview wurde per E-mail und auf Englisch geführt. Das amerikanische Original können Sie hier lesen.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers US-Präsidentschaftswahlen 2012.


Die Bildrechte liegen bei Public Domain (Beuttler, US State Departement) und e-politik (Zitate)


Lesen sie mehr bei /e-politik.de/:

„Wer die Fakten kennt, hat ein weniger hoffnungsvolles Bild von Amerika“

Eine gute Wahl

Wahlbetrug oder Wählerunterdrückung?

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.