Von Fußball und Wissenschaft

Die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine steht vor der Tür. Das Kölner Zentrum für Osteuropa ergreift die Gelegenheit und lädt zum „geselligen Umtrunk“, zum Symposium ein. Ein Veranstaltungsbericht von Felix Riefer

Die deutschen Universitäten haben es zurzeit nicht leicht. Sie müssen den Spagat zwischen steigenden Studierendenzahlen und Budgetkürzungen meistern. Ganz besonders leiden hierunter die kleinen Institute, die reihenweise im ganzen Land dem Sparzwang zum Opfer fallen. So möchte man fast René Goscinny und Albert Uderzo, die Schöpfer von Asterix und Obelix, zitieren, indem man sagt:

Wir befinden uns im Jahre 2012 nach Christus. Alle sogenannten Orchideenfächer sind den Kürzungen zum Opfer gefallen … Alle? Nein! Ein unbeugsames Zentrum für Osteuropa der Universität zu Köln unter der Schirmherrschaft des Slawischen Instituts veranstaltet ein Symposium und hört nicht auf, Widerstand zu leisten.

Fußball in Literatur und Kulturgeschichte

Doch Spaß beiseite. Der emeritierte Kölner Professor für slawische Literatur Bodo Zelinsky, dem das Symposium vom 11. Mai 2012 zum Thema „Fußball als gesellschaftliches Phänomen in Literatur und Kulturgeschichtsschreibung“ gewidmet ist, bemerkt die Sparmaßnahmen mit großem Bedauern. Und obwohl er sich lieber mit höheren Problemen der russischen Literatur beschäftigt, ist sein „Lächeln über die Veranstaltung durchaus wohlwollend“.

Mit dem Beginn der 1990er-Jahre setzte die verstärkte Kommerzialisierung des Fußballs ein. Die Einführung der Premier League in England, die Gründung der europäischen Champions League und die Erweiterung der Berichterstattung auf das Privatfernsehen rückten den Fußball „verstärkt als gesellschaftliches Phänomen“ in den Fokus der Öffentlichkeit. „Rückschlüsse über regionale Besonderheiten und sozialpsychologische Prägungen wurden nicht nur ermöglicht, sondern geradezu nahegelegt“. So hat sich das Symposium der Untersuchung der „Ursachen und Ausprägungen“ als auch der „sporthistorischen Einzelerscheinungen“ dieser Entwicklung verschrieben. Hierzu wählte man die entsprechenden Methoden, nicht nur aus der Literaturwissenschaft, sondern auch aus Kultur-, Medien- und Geschichtswissenschaften.

Kommentatoren – „Ein Verbrechen an der deutschen Sprache“

Das Symposium möchte „ausdrücklich den deutschsprachigen Raum“ in die Bestandsaufnahme einbeziehen, jedoch bei den konkreten Fallstudien den Fokus auf Osteuropa richten. So eröffnet der aus München angereiste Mitherausgeber der Zeitschrift Der tödliche Pass Claus Melchior mit einer Kritik an „der Veränderung der Entwicklung im Medienbereich“.

„Es gibt keine neuen Maßstäbe in der Qualität“ der Berichterstattung, so Melchior. Nach wie vor fehle es an Co-Kommentatoren. Der jetzige Kommentator habe „keine Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu sprechen“, „keine Analysefähigkeit und Sprachgewandtheit“ und begehe bei seiner Berichterstattung „Verbrechen an der deutschen Sprache“.

Insgesamt attestiert Melchior der deutschen Berichterstattung ein eher „erbärmliches Niveau“, sieht aber auch „annehmliche bis beträchtliche“ sprachliche und sachliche Kompetenz bei der Berliner Tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung. Der Wunsch nach Schulung der Kommentatoren und Reporter, wie es im angelsächsischen Raum üblich ist, wird geäußert. Die Bild-Zeitung wird als mögliche Ursache für das Fehlen einer deutschsprachigen Fußballtageszeitung wie in Frankreich, Italien oder Spanien herausgestellt.

„Anspruch auf Verifizierung wird offen ignoriert“

Im Anschluss fragt sich der Leiter und Moderator Michael Müller: „Ist das noch Literaturwissenschaft?“ – und liefert sogleich die Antwort, dass das „als kollektives Gesprächsthema salonfähig gewordene Thema“ der sogenannten vierten Gattung, der Sach- und Gebrauchstexte, zuzurechnen sei.

Sein Vortrag beschäftigt sich mit der Kritik an der „Erosion der moralischen Fundamente der Gesellschaft“. Durch die „Selbstverständlichkeit der Nutzung der neuen Medien“ vertausche man Ursache und Wirkung. Es herrsche „Disziplinlosigkeit im Bereich der Meinungszeichnung“. Es gehe um die Methode und nicht um den Inhalt, „der Anspruch auf Verifizierung wird offen ignoriert“. Durch die narrativen Methoden werde ein falsches Bild der Realität erzeugt. Als Beispiele nennt er die öffentliche Bloßstellung von Fußballspielern sowie die mediale Diskussion privater Lebensinhalte, welche früher nicht an die Öffentlichkeit getragen wurden, auch wenn die Presse darüber unterrichtet war.

„Epos ist Fußball und Lyrik ist Tennis.“

Dass Fußball zutiefst philosophisch sein kann, beweist das Ehepaar Jessica und Viktor Kravets, beide Lehrbeauftragte am Slawischen Institut der Universität zu Köln. So stellt Jessica Kravets Aleksandr Pjatigorskijs „literarische Philosophie“ anhand eines Fußballfeld-Modells dar und erläutert, wie Zufall und Spiel zu Komponenten einer „Philosophie des Beobachtens“ werden können. „Ein Spieler, der wollen und denken kann, ist nicht ein absolutes Objekt des Denkens, er ist diejenige Person von derjenigen, indem er als Person gedacht werden kann.“ Und sie konstatiert: „Ein vom Ich befreites Denken ist eine leere Form und sie bleibt immer ein- und dieselbe leere Form“.

Viktor Kravets stellt den Sport in Ossip Mandelstams frühen Werken vor. Nach Mandelstam müssen „die Gedanken und der Körper trainierbar sein“. „Eine Analogie aus Krieg und Sport ist zwar nicht zulässig, jedoch kreuzen sich die beiden“. Mandelstams Einteilung „Epos ist Fußball und Lyrik ist Tennis“ nehmen die Teilnehmer mit einem Schmunzeln zur Kenntnis.

Fußball oder Lesen?

Das Bonner Trio, bestehend aus Anke Hilbrenner, Gregor Feindt und Professor Dittmar Dahlmann, liefert einen besonderen Einblick in die Fußballgeschichte.

Anke Hilbrenner stellt ihre Forschung zu Biographien junger Juden und ihrer zweigeteilten Leidenschaft für Fußball und Lyrik vor. Sie hebt besonders hervor, dass „Fußball von fast allen Autobiographien als Gegensatz zum Ideal von Bildung, Lernen und vor allem vom Lesen aufgebaut wird. Die jungen Leute berichten davon, dass Fußball sie von ihrer wahren Leidenschaft, dem Lesen, abbringt.“

Von der Völkerfreundschaft

Über das historische Spiel der Sowjetunion gegen das sozialistische Polen im Jahr 1957 berichtet Gregor Feindt. Er untersucht die politisch geforderte Völkerfreundschaft der Ostblockstaaten auf ihre Substanz. So zitiert Feindt eine polnische Zeitung: „Ich weiß, dass die Polen sehr gastfreundlich sind. Sie werden unsere Mannschaft sicher gewinnen lassen“.

Einen interessanten Einblick in die Fußballgeschichte der DDR gibt Professor Dittmar Dahlmann. Er untersucht die Programmhefte, welche in der DDR im DIN A5-Format „vom Anfang bis zum Ende des zweiten deutschen Staates“ existierten. Die von den Staatsmedien gezeigten friedlichen Wettkämpfe werden durch die wiederholten Aufrufe zum „Fairplay“ in den Programmheftchen relativiert und lassen vermuten, dass die Fußballkultur in Ostdeutschland keineswegs immer friedlich vonstattenging.

„Wir hassen alle!“

Der Heidelberger Privatdozent Christoph Garstka, der zurzeit den Lehrstuhl in Köln vertritt, stellt die Fußballfankultur in Russland und ihre „Ultrabewegung“ vor. Durch ansprechende und symbolträchtige Abbildungen wird die vielen unbekannte Fußballkultur des größten europäischen Landes auch visuell nähergebracht. Die sogenannten „Ultras“ seien von der Hooligan-Bewegung strikt zu trennen obwohl in der Praxis die „Übergänge fließend sind“. Es gebe zwei Pole, die rechtsnationalen und extrem gewaltbereiten Hooligans und die Ultras, die sich unter das Primat einer bedingungslosen Vereinsunterstützung stellten und nicht selten unter dem Slogan „Wir hassen alle (anderen)!“ firmierten.

Kein klares Rot

Viele Impulse aus verschiedenen Ecken der Wissenschaft sind bei diesem Symposium zusammengekommen. Erstaunlicherweise entstanden durch die Zusammenkunft der zum Teil sich widersprechenden Ansichten keine größeren Reibungen – man einigte sich rasch darauf, dass beides vertretbar sei. Was ein wenig fehlte, war die Zeit dafür, auch außerhalb des geplanten Sammelbandes einen sofort erkennbaren Zusammenhang der Referate aufzuzeigen. Ein „roter Faden“ hätte den Gesamtkontext besser herausstellen können.

In seinen Asterix-Comics bediente René Goscinny sich des Öfteren bei römischen Weisheiten. Eine davon lautet: „Felix qui potuit rerum cognoscere causas!“ – „Glücklich, wem es gelang, den Dingen auf den Grund zu sehen!“. Da dieser Bericht lediglich einen kleinen Überblick geben konnte, bleibt nur noch der Verweis auf den geplanten Sammelband zu dieser Veranstaltung.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


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