Von den Füßen auf den Kopf

Der Ökonom Hyman P. Minsky forderte seit den 1960ern ein Umdenken der Wirtschaftswissenschaft. Zwei nun auf Deutsch vorliegende Schriften lesen sich wie eine Vorahnung der jüngsten Krise und zeigen, dass sie keine Ausnahme war. Von Markus Rackow

Wenn Karl Marx Hegels Dialektik vom Kopf auf die Füße gestellt hat, so kippte der 1996 verstorbene Ökonom Hyman P. Minsky die neoklassische Ökonomik von den Füßen auf den Kopf. In den zwei nunmehr ins Deutsche übertragenen und in dem Bändchen Instabilität und Kapitalismus veröffentlichten Aufsätzen Die Hypothese der finanziellen Instabilität aus dem Jahr 1982 und Finanzielle Instabilität: Die Ökonomie der Katastrophe aus dem Jahr 1970 widerlegt er vermeintliche Gewissheiten und Axiome neoklassischer Ökonomik.

Die Aufsätze sind von Joseph Vogl editiert und werden durch ein vom ihm verfasstes Vorwort – leider eine bloße Kopie aus Vogls Buch Das Gespenst des Kapitals – eingeleitet. Minsky liefert in den beiden Aufsätzen eine neue Analyse des Kapitalismus. Ein von verschiedenen Faktoren finanzieller Verflechtungen abhängiges Ausmaß an Instabilität sei nicht seine Ausnahme, sondern sein Grundmerkmal.

Der wahre Keynes

Minsky kämpft um die wissenschaftliche Deutungshoheit über John Maynard Keynes, zu dessem Werk er selbst 1975 eine ausführliche Abhandlung verfasst hatte. Er studierte an der University of Chicago, der Heimat Milton Friedmans. Seine Promotion erhielt er in Harvard, wo er bei Joseph Schumpeter studiert hatte. Umgeben von Keynes-kritischen Wirtschaftstheorien richtet er sich direkt gegen den Mainstream seiner Zunft, der Wirtschaft behandele, „als wäre sie ein Dorfmarkt“, und mit Theorien über kapitalistische Volkswirtschaften arbeite, „die die kapitalistischen Aspekte der Wirtschaft ignorieren“. Kapitalismus bestehe aber aus Kapitalisten und kapitalistischen Praktiken. Entsprechend werden Minskys Theorien erst im Zuge des US-Börsencrashs von 1987 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

„Für jeden, der seinen Keynes gelernt hat“, sei auch die Rolle der Ungewissheit evident, weshalb aus seiner Sicht auch Sozialwissenschaften und Psychologie miteinbezogen werden sollten. Vernünftige Menschen müssten sich unter irrationalen Bedingungen verhalten. Investitionen werden ausgelöst durch vergangene Erfolge, sind aber von der Zukunft, genauer, der Meinung und der Meinung über die Meinung anderer über die Zukunft abhängig. Intertemporale Beziehungen seien also eine Eigenart des Kapitalismus und müssten daher Grundbestandteile seiner Analyse sein. „Die Welt“, spricht Minsky, „entsteht niemals komplett neu.“

Kein Kapitalismus ohne Krise

Dank der Lektüre von Minskys Texten wird deutlich, dass Krisen nicht „bloß dem vereinzelten Tun vereinzelter Täter zuzurechnen sind“ (Vogl), wie es in jüngster Zeit die vulgäre Kritik an einzelnen Zockern gern glauben machen wollte und damit die Banken und das Finanzsystem implizit von Schuld freisprach. Gerade Stabilität und robusten Wirtschaftsdaten wohne eine Tendenz zur Euphorie inne, die an einem gewissen Punkt durch einen beliebigen Faktor, wie beispielsweise eine Unternehmensinsolvenz, umschlagen könne. Eine Finanzkrise sei dennoch „kein zufälliges Ereignis“ – schließlich seien diese Dynamiken nicht oder nicht nur Resultat von Habgier und Spielsucht, sondern systemimmanent. Betrug, klärt der Autor auf, erscheine oft erst rückblickend als solcher.

Basierend auf Harry Markowitz‘ Theorie, dass Risiko und Ertrag sich im Einklang hielten, steigere die Erfahrung guter Zeiten die Risikobereitschaft von Investoren bei zukünftigen Investitionsentscheidungen. Gleichwohl steige hiermit das inhärente Risiko, indem Minskys Akteure zunehmend spekulative und zuletzt – wie Minsky sie nannte – Ponzi-Geschäfte betreiben: Investitionen, die nur dann ertragreich sein können, wenn sich ein Abnehmer findet, der noch rosigere Zukunftserwartungen hegt. Dies führe unweigerlich in einen Teufelskreis, der zu einer systemischen Instabilität führt.

Platzt schließlich die Erwartungsblase, spricht man vom „Minsky-Moment“. An diesem würden Anleger versuchen, ihre Investitionen kurzfristig in Geld umzuwandeln. Eine Spirale der Schuldendeflation setze ein, das Gespenst Irving Fishers, das Rezessionen und Depressionen mit sich bringt.

Frappierende Aktualität

Minsky arbeitet nach dem Bausteinprinzip, indem er Keynes‘ Theorie der „animal spirits“ zwischen Harry Markowitz und Irving Fisher setzt, und somit den Menschen an die große Unsicherheit erinnert, die jegliches System irrational werden lässt.

Indem Minsky Ökonomie aus der Perspektive ihrer Finanzbeziehungen betrachtet, erfasst er die sogenannte Real- und Finanzökonomie in ihrem Zusammenspiel. Die Wall Street ist in seinen Augen kein Sündenpfuhl, sondern conditio sine qua non für kapitalistisches Wirtschaften jenseits des Basars. „Zu investieren ist in einer kapitalistischen Wirtschaft eine spekulative Tätigkeit, die nur am Rande mit Produktivität zu tun hat.“

Stellt Minsky das Problem der langfristigen Erwartungsbildung in den Vordergrund, so werden schnell die Grenzen einer präventiven Wirtschaftspolitik klar. Minskys Beschreibung des Phänotyps riskanten Wirtschaftens wird in der aktuellen Wirtschaftskrise jedoch umso klarer. Was Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger in seinem Buch Manias, Panics and Crashes über Jahrhunderte von Spekulanten und Hochstaplern erzählt, wird von Minsky in ein einfaches Konzept gepackt. Die Madoffs, AIGs, Lehman Brothers oder Dresdner Kleinworts im Voraus zu identifizieren vermag Minskys Modell nicht. Was es jedoch ermöglicht ist das wirtschaftswissenschaftliche Unisono in Krisenzeiten: „Wir haben es ja gesagt.“

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Aber folgt aus Minskys Diagnose, „die Malaise der kapitalistischen Staaten ist zum Teil iatrogen – die Krankheit des Patienten wurde von Ärzten ausgelöst“, dass Politik nur durch die Einsicht der Instabilität Handlungsfähigkeit zurückgewinnen kann? Oder ist es notwendig, getreu der Lehren der österreichischen Schule, jede Krise ohne Widerstand über sich ergehen zu lassen?

So wie Hoffnungen und Erwartungen eine wichtige Rolle für Spekulanten und Finanzmärkte einnehmen, so gilt dies auch für deren Wächter – Politiker und Regulierer. Nicht fand die stärkste Intervention in die US-amerikanische Bankenlandschaft – der Glass-Steagall-Act – 1933 im Schatten der Großen Depression statt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Aufhebung gerade dieses Gesetzes zu ungehemmter Spekulation führte. Jahre nach dem schweren Beben der Finanzkrise des Jahres 2007 steht eine Antwort seitens der Politik nach wie vor aus.

Getreu Minskys Modell lässt sich hier ebenfalls eine hohe Spekulationsbereitschaft feststellen – um Arbeitsplätze, Großbanken und Wirtschaftsstandorte. Das Konzept der endogenen Instabilität von Finanzmärkten kennt kein Ende – und die nächste Runde hat bereits begonnen. Die Systemfrage allerdings ist mit einem Schüler Keynes, des Begründers eines Klassenkompromisses auf Pump, freilich nicht zu denken.

Griechenlands neue Mythen

Aber sind Strukturreformen wie besagter Glass-Steagall-Act im Zeichen der Staatsschuldenkrise noch machbar? Können wir, oder besser: die Griechen, die Nachfahren des Odysseus, der dem Mythos ein Schnippchen schlug, dem schicksalhaften Fluch der Verschuldung entkommen? Der griechische Premier Papadimos jedenfalls hat Recht, wenn er sein Land nicht unter der Kontrolle von Technokraten wähnt, sondern unter der „Kontrolle der eigenen Geschichte“.

Hyman P. Minsky: Instabilität und Kapitalismus
diaphanes, 160 Seiten
ISBN 978-3-03734-144-5, 14,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim diaphanes Verlag (Cover).


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