Patient, heile Dich selbst!

Der amerikanische Patient liegt auf dem Untersuchungstisch des US-Experten Josef Braml. Der erfahrene Transatlantiker legt ein faktenreiches Gutachten vor und stellt dem Kranken ein beunruhigendes Gesundheitszeugnis aus. Von Markus Rackow

In seinem Buch Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet analysiert Josef Braml, derzeit Mitarbeiter bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sein Lieblingsthema: die USA. Er attestiert den Vereinigten Staaten kein sehr gutes Gesundheitszeugnis.

Zunächst widmet er sich den innenpolitischen Problemen: soziale Spaltung, ideologische Grabenkämpfe, der Notenbankpolitik und Schuldenanhäufung, um dann den Blick auf Energie- und Außenpolitik zu richten. Abschließend zeigt er Potentiale im Bereich der erneuerbaren Energien auf und gibt Empfehlungen – für die USA wie für Europa.

Einflussmöglichkeiten der Europäer

Insbesondere das in den USA übliche System der „revolving doors“, des häufigen Wechsels zwischen Positionen inner- und außerhalb der legislativen und exekutiven Institutionen, biete den Europäern Einflussmöglichkeiten: Abgeordnetenmitarbeiter etwa könnten schnell in hohe Positionen wechseln. Hier gilt es aus Sicht des Autors also, Bande zu knüpfen oder eigene Experten einzuschleusen. Gerade vor den Präsidentschaftswahlen sollten Europäer deshalb Ideen in „Think Tanks“ einfließen lassen.

Der Autor berichtet hier aus eigener Erfahrung, da er selbst als legislativer Berater im Kongress, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für einen Think Tank und als Berater für die Weltbank tätig war.

Ein uneinsichtiger Patient

Als Patienten wollen sich die Amerikaner jedoch nicht offiziell zu erkennen geben. Die USA wirken eher wie ein ansteckender Insasse einer Quarantänezone. Hegemonial wirken die USA nicht aus freier Gefolgschaft, sondern weil alle Staaten von deren Wohl und Wehe abhängig sind. Die USA befinden sich offenbar noch immer in der Phase der Verdrängung ihrer Erkrankung.

Dass dieses zombieartige Verhalten sowohl zu absurden Phantasmen und Erlösungserwartungen als auch zu ebenso großer Frustration und Zynismus bei anderen führt, lässt sich seit geraumer Zeit innen- wie außenpolitisch beobachten. Bramls Buch bietet hier reichhaltiges und gut komprimiertes Anschauungsmaterial: Fast jede Aussage ist belegt, ein reicher Endnotenapparat unterstreicht die Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt des Autors. Beunruhigende Randnotizen und Informationen werden zutage gefördert: das Menschenrechtsengagement in Birma als Resultat von chinesischen Pipelines; der Drohneneinsatz erledige die These des demokratischen Friedens, dass Demokratien nicht für Kriege stimmen; Organisationen dominierten die losen Parteiverbände; Venezuela lasse Armen im Nordosten der USA verbilligtes Heizöl zukommen. All dies wirft ein düsteres Licht auf die Lage der USA.

Oberflächensondierung ohne Tiefgang

Der enzyklopädische Anspruch führt allerdings zu Kurzatmigkeit, dem schlagwortartigem Abklappern vieler Fakten und geht selten in die Tiefe. Allenfalls ein Schwerpunkt auf die Außen-, vor allem aber auf die Energiepolitik ist erkennbar. Doch dieser Fokus hat seine Tücken. Eine von Bramls Beobachtungen ist ein zunehmender Isolationismus, der den Blick des Arztes vor allem nach innen richten sollte, scheinen doch dort die Widersprüche nicht minder eklatant.

Nur widmet sich die Hälfte des Buches der Energiepolitik, vor allem den Konkurrenten wie China und Russland, und nimmt den wachsenden, auch militärischen Wettlauf relativ unkritisch hin. Zugegeben: Die Energiepreise scheinen Obamas zuletzt wieder steigende Popularitätswerte zu gefährden. Aber rechtfertigt das dieses Hauptaugenmerk? Zwar zeigt Braml Auswege aus der Ölabhängigkeit der USA auf, nämlich mit amerikanischem Gründergeist in erneuerbare Energien zu investieren. Doch welches Land hat sich das derzeit nicht auf die Fahnen geschrieben? Kann darin die Lösung aller Probleme bestehen?

Uneingelöste Antwortversprechen

Bramls Buch ist auch in anderer Hinsicht problematisch: Es geht implizit von der hegemonialen Rolle der USA und der Furcht des Westens vor deren Niedergang aus. Der Supermacht USA wurden aber schon oft die Totenglocken geläutet. Vielleicht wird ihr Niedergang so oft an die Wand gemalt, weil er bereits Realität ist?

Was aus den Gesundheitsproblemen des kranken Mannes am Atlantik folgt, bleibt leider weitgehend offen. Dass die USA unter dem Etikett „Multilateralismus“ Kriegskosten und Sicherheitslasten an die EU oder NATO abdrücken wollen, ist eher Beobachtung des Faktischen denn Prognose. Die versprochenen Antworten, die im Untertitel anklingen, werden jedoch nicht geliefert. Außer, dass wir uns darauf einstellen sollen, wird der Leser aber im Dunkeln gelassen. Angesichts der klaren Ausrichtung des Buches mag man das weniger dem Autor, als dem Klappentexter anlasten.

Am Ende des Tages bleibt dem Leser ein flüssig geschriebenes Buch, das hochaktuell, aber ohne sich im medial gehypten Vorwahlkampf zu verlieren, die Situation zusammenfasst – eine Art Rede zur Lage der Nation, nur schonungsloser. Wen das zunehmend erratische Verhalten der USA noch verwundern sollte, dem bietet Bramls Buch einen gelungenen Einstieg. Tiefschürfende Untersuchungen bleiben aber aus, da der Untersuchende wohl nicht zu viel Blut sehen kann.

Josef Braml: „Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet.“
Siedler Verlag, München 2012, 224 Seiten
ISBN 978-3886809981,
19,99 Euro

 

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers zur US-Präsidentschaftswahl 2012.


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und bei Claudia Pfeil (Autor).


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