Olympia 2012 – dabei sein für alle

Dabei sein sei alles, sagt man über die Olympischen Spiele. Das gilt nicht nur für die Sportler. „London 2012“ ist Medienereignis, Infrastrukturprojekt, Militäreinsatz, öffentliches Ärgernis und ein großer Spaß zugleich. Von Nona Schulte-Römer

Selbst im Brüsseler Bahnhof sind die Spiele schon zwei Tage vor der Eröffnung zum Greifen nahe. Ein Schwarm von Kameraleuten und Fotografen mischt sich unter die Reisenden. Ihr Interesse gilt dem belgischen Olympia-Team auf seinem Weg nach London. Unaufgeregt sammeln sich die Sportlerinnen und Sportler auf einem Podium zum Fototermin, schwimmen mit dem Strom in den Wartebereich des Eurostar, als reisten sie regelmäßig zu den Spielen.

Die Ruhe vor dem Wettkampf

Im Kanaltunnel spielen die belgischen Olympioniken Karten im Großraumabteil. Trügen sie nicht alle einheitliche beige Hosen mit rot-weiß-blauen Gürteln und blauen Sportschuhen, man könnte sie auch für eine ganz gewöhnliche, aber ungewöhnlich durchtrainierte Jugendgruppe halten.

In der ganzen Stadt trifft man auf Athleten. An ihren Plastikausweisen um den Hals sind sie zu erkennen. Eine russische Schwimmerin geht mit einer Teamkollegin englisch Shoppen, drei Tage später wird sie im Finale über 100 Meter Brustschwimmen den siebten Platz belegen.

„Unser Zuhause, eure Olympischen Spiele“

Dann ist der Tag der Eröffnung da: “Good morning world, welcome to our home and your Olympics”, titelt die kostenlose Zeitschrift Metro   am 27. Juli 2012. Das Organisationskomitee Locog hat sich die größte Mühe gegeben, nicht nur das Olympia-Gelände im nordöstlich gelegenen Stratford und Hackney umzukrempeln, sondern ganz London, die Briten und die ganze Welt auf „freundliche Spiele“ einzustimmen. Die Metropole ist reich dekoriert mit Wegweisern, Werbebannern und Wimpeln. Schaut auf diese Stadt, die so oft wie keine andere, nämlich schon zum dritten Mal, die Welt im Sport vereint!

Nun ist es aber die feine englische Art über die Größe des Ereignisses dennoch die Leistung der kleinen Leute nicht aus dem Blick zu verlieren und diese angemessen zu würdigen. In der National Portrait Gallery werden neben den Hauptorganisatoren und einigen englischen Sportlern auch verdienstvolle Menschen vorgestellt, die als Fackelträger in Erscheinung treten durften. Der kreative Kopf hinter der spektakulären Eröffnungsfeier, Danny Boyle, wurde nicht müde den Mitwirkenden der Show einzeln zu danken: Krankenschwestern, Mary Poppins-Double und Schafe. Sie alle waren angetreten, um Milliarden von Fernsehzuschauern zu zeigen, dass Massenszenen auch nach Peking noch beeindrucken können.

Freundlich und gewinnbringend

Doch was wäre das Großereignis ohne die „Spielemacher“, die rund 70.000 ehrenamtlichen Helfer, Ordner und Physiotherapeuten. In ihrer pink-roten Arbeitskleidung mit London 2012-Logos mischen sie sich auf Bahnhöfen unter das Sportpublikum auf dem Weg nach Stratford, scheuen weder weite Wege noch Mühen.

Das große Geld verdienen andere. Auf 9,3 Milliarden Pfund ist das Olympia-Budget gestiegen. Tickets für die Eröffnungsfeier kosteten zwischen symbolischen £ 20,12 und symbolträchtigen £ 2.012 und die Souvenir-Shops quellen über. „Verkauft wird so ziemlich alles, worauf man das Olympia-Logo drucken kann“, sagt Matthew. Der Architekturstudent wird bis zum Ende der Spiele am 12. August auf dem Olympia-Gelände Fanartikel verkaufen, um seine geplante USA-Reise zu finanzieren. Eine Stunde Arbeitszeit geht täglich für die Refinanzierung der Fahrtkosten drauf. Immerhin funktioniert entgegen aller Horrorszenarien die Anbindung: Aus dem tiefen Süden der Stadt führen mindestens fünf Wege nach Stratford, hat Matthew herausgefunden.

Infrastrukturprojekt mit Folgen

Das war nicht immer so. Olympia 2012 war von Anfang an auch ein Stadtentwicklungsprojekt für den Osten der Metropole, bis dahin eine Problemzone auf der Londoner Landkarte. Sieben Jahre wurde geplant und gebaut. Schienentrassen und hunderte Kilometer Kabel verlegt. Pünktlich zu Olympia ist das 200 Hektar große Gelände um Stratford Station nun Internet- und verkehrstechnisch bestens vernetzt, so gut, dass selbst an Bushaltestellen fernab des Olympia-Parks vor Beeinträchtigung gewarnt wird. Immerhin ist man in diesem Sommer, anders als im Falle winterlicher Schneetreiben, auf den Ausnahmezustand vorbereitet. Wer im Stadtzentrum arbeitet, wird ermutigt, für die Dauer der Spiele von zuhause zu arbeiten oder Verkehrsknotenpunkte zu meiden.

Im benachbarten Viertel Hackney Wick ist vom sportgetriebenen Strukturwandel bisher wenig zu merken. Kleine Ladenbesitzer berichten enttäuscht vom business as usual. Doch die ruhigen Tage zwischen zerfallenden Lagerhallen und kreativwirtschaftlicher Produktion in preiswerten Fabrikhallenstudios scheinen auch hier gezählt. Wenn die Sportler, Organisatoren, Zuschauer und Sicherheitsleute erst abgezogen und einige der Stadien wieder abgetragen sind, sollen die neuen Infrastrukturen ihre Anziehungskraft weiter entfalten und den Londoner Osten nachhaltig aufwerten.

Das glanzvoll neu gestaltete Shopping Center neben Stratford Station bildet schon heute einen Anziehungspunkt. „Früher war alles grau“, erinnert sich eine junge Frau. Das bunte Treiben in ihrer herausgeputzten Nachbarschaft gefällt ihr. Die Olympischen Spiele wird sie aber nicht besuchen, weil sie es sich nicht leisten kann, ihrer Arbeit in einem Hotel fernzubleiben. Um sich mit Fragen der Gentrifizierung zu befassen, fehlt ihr die Zeit.

Nah und doch fernsehen?

Andere Einwohner von Stratford, haben zwar die Bauarbeiten hautnah miterlebt, aber keine Eintrittskarten mehr zu den ausverkauften Events bekommen. „Kein Zugang zum Gelände ohne Ticket“, stellt einer der Ordner in neonfarbener Weste vor den Absperrgittern um Olympia klar. Trotzdem bleiben zum Schrecken der Organisatoren Plätze auf den Tribünen leer. Das dämpft die Euphorie und ist medial fatal. Noch einmal fungiert die Britische Armee als Lückenfüller. Nachdem die Männer in Uniform schon Polizei und privaten Sicherheitskräften zu Hilfe kommen mussten, sind sie nun in Zivil dazu abgestellt, die olympischen Ränge zu besetzen. Wenigstens so lange, bis es dem Organisationskomitee gelungen ist, das Publikum hinter den Fernsehgeräten hervorzulocken.

Zwar ist die TV-Variante angesichts der überfüllten Metropole und des wechselhaften Wetters sicher nicht die schlechteste Lösung. Doch Sport allein macht eben noch kein Olympia. Der Erfolg von London 2012 hängt von vielfältigen Teamleistungen ab. Dabei sollten neben Medaillen und Umsatz nicht das aus dem Blick geraten, was außerdem zählt: Heute der Spaß der Beteiligten an der Sache und morgen die Folgen des sportlichen Umbauprojekts für die Gegend um Stratford. Leider lassen sich individuelle Begeisterung oder der Wandel städtischer Räume weniger leicht messen und in Tabellen oder Budgets darstellen.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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