Nockherberg 2012: Seehofer, Ude und das verschobene Derblecken

Auch in diesem Jahr haben die Politiker beim Starkbieranstich am Nockherberg in München ihr Fett abbekommen. Die Rede sollte zorniger sein und das Singspiel bayerischer werden. Tatsächlich wurde aber in der Rede gewitzelt und erst im Singspiel so richtig derbleckt. Ein Kommentar von Steven Carthy

Kommentare sollen den Finger in die Wunde legen. Oder zumindest eine starke These verfolgen. Vielleicht sollten sie im Zusammenhang mit dem Nockherberg auch ein wenig derblecken. Aber der Nockherberg in diesem Jahr bot dafür nicht allzu viel Angriffsfläche. Die Rede von Luise Kinseher, der Mama Bavaria, war schärfer als im letzten Jahr, aber so recht anecken konnte sie nicht. Eher hat sie die Politiker bemuttert, wie auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nach dem Spektakel treffend bemerkte.

Die Rede der Bavaria war schärfer, aber sie hat den Politikern eher den Spiegel vorgehalten als ihnen die Zähne gezeigt. Lustig war es aber in jedem Fall, Luise Kinseher hat ihre Rolle sehr gut ausgefüllt. Dennoch: Im Vergleich zu den Fastenpredigten vor ihr war es ein wenig zu unscharf. Es war eben lustig, nur lustig; und anders als man es von einer Nockherberg-Predigt gewöhnt ist.

Ein bayerischer Nockherberg

Überraschend war, dass das eigentliche Derblecken erst im Singspiel stattfand. Denn erst dort wurden die knallharten Anspielungen auf politische Verfehlungen gemacht. Erst dort gab es Kritik am Atomausstieg nach Fukushima, wurde Ex-Bundespräsident Christian Wulff mehrfach subtil aufs Korn genommen und abermals und nochmals mit dem scheiternden Karl-Theodor zu Guttenberg abgerechnet und erst dort wurde der Umgang der Politiker mit der Schuldenkrise köstlich veräppelt.

Und auch erst im Singspiel traten die Doubles von Münchens OB Ude und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer in die Wahlkampfarena ein. Und wie: Ude und Seehofer lieferten sich gleich einen Gstanzl-Slam vom feinsten, mit Worten, die die Originale nie vor einer laufenden Kamera von sich geben würden – auch nicht am Nockherberg. Doch leider geriet der Gstanzl-Contest etwas zu kurz. Gerade als sich die Kontrahenten so richtig aufeinander eingeschossen hatten, gaben sie sich schon wieder „High Five“ und beendeten ihren „Battle“. Schade. Da hätte man mehr daraus machen können.

Das war dann wohl neben Seehofers Lederhosen, Hadertauers Dirndl und Stefan Dettls Alphorn das bayerische Element am Nockherberg, das Regisseur Alfons Biedermann im Vorfeld angekündigt hatte. Oder meinte Biedermann damit dass es thematisch wieder mehr um Bayern als um die bundesdeutsche Politik gehen würde? Gar um Bayern und die Landtagswahl 2013? Dann hat es gepasst. Auch wenn das doch eigentlich das Thema für den Nockherberg im kommenden Jahr sein sollte. Die Veranstalter scheinen sich wohl heute schon sicher zu sein, dass das Jahr 2012 politisch noch mehr Zündstoff liefern wird und weder die Debatte um Griechenland noch der Sinkflug der FDP vorbei ist.

Running-Gags und Running-Gagsinnen

Biedermann hat nun seine Marschrichtung vorgegeben und sicher wird Herr Ude auch im nächsten Jahr seine Mitbürger und Mitbürgerinnen sowie Geldbeutel und Geldbeutelinnen begrüßen. Und auch die Mini- und Midi-Dirndl der weiblichen Komparsen werden wieder dabei sein. Der Starkbieranstich bot dieses Jahr im Vergleich zu 2011 weniger Showeffekte und dafür mehr Substanz, verschob aber leider das Derblecken: Von der Fastenpredigt in das Singspiel.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers zum Nockherberg 2012.


Die Bildrechte liegen bei Torsten Müller.


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2 Kommentare auf “Nockherberg 2012: Seehofer, Ude und das verschobene Derblecken

  1. Alle sind begeistert! ALLE? Ich nicht!
    Es hat sich gezeigt, dass die Politprominenz heuer mit Samthandschuhen angefasst worden ist.
    Kein Wort über die politisch herbeigeführte Armut in Deutschland. Kein Wort über den Sparwahn, der gerade die Ärmsten trifft. Kein Wort über den Privatisierungswahn bei dem Volksvermögen preiswert verscherbelt wird. Kein Wort über die ungerechte und überteuerte Riester-/Rürüp-Rente, die die Altersarmut in keiner Weise lindert.. Kein Wort über die „neue Armut“ in Griechenland, die von uns (Deutschland) mit verschuldet wurde und wird.
    Ich könnte hier noch ewig weitermachen. Themen hätte es also genug gegeben. Leider hat man sich dafür entschieden, nur leichte Kost zu servieren.

    Nockherberg ADE

  2. Ein ausgemachter schmarrn war das. Der Herr Biedermann soll lieber bei seinem seichten Bully-Blödsinn bleiben, einen gescheiten Humor hat der Mann nämlich nicht.

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