Nockherberg 2012: Lasst Euch nicht verarschen!

Die Fastenpredigt ist bestes politisches Kabarett, das Singspiel hervorragendes Entertainment. Wer behauptet, der Nockherberg sei zu sanft, irrt sich. Eine kritische Zusammenfassung und Bewertung der Salvatorprobe 2012. Von Torsten Müller

Politisches Kabarett ist eine Übersetzungshilfe. Es hilft dabei, die Zeitungen zu verstehen und die Politiker zu durchschauen. Auf der Münchner Starkbierprobe auf dem Nockherberg, wo die Politiker – vom Bundespräsidenten bis zum nächsten zukünftigen bayerischen Ministerpräsidenten – über die humoristischen Spitzen lachen müssen, kann man das bestens nachvollziehen. Die Kommentare zur Fastenpredigt und dem Singspiel sind als Bestandteil des Ganzen zu betrachten – erst sie fügen den Auflagen von Kinseher & Co. die Pointe bei.

Humor à la Bavaria

Luise Kinseher hat in ihrer zweiten Fastenpredigt in der Rolle der Mama Bavaria bewiesen, dass sie eine hervorragende Übersetzerin ist. Auch hat sie erneut gezeigt, wie tragfähig die Figur der Mama Bavaria ist. Sie verstand es mit Bravour, ihrer Predigt weitere Ausdrucksebenen beizufügen. Es geht hier nicht nur um den Text, sondern auch um den schauspielerischen Vortrag und das Setting.

Wenn die Mama weint, Seehofer ins Gesicht schreit, wenn sie singt und ihr Podest verlässt, so ist das integraler Bestandteil des Vortrags. Man kann es nicht oft genug sagen: Unter Luise Kinseher ist auf dem Nockherberg das Medium die Aussage. Das ist Humor à la Bavaria und ihre herausragende Leistung.

Das Ferkel-Orakel

Die Rede beginnt mit der aufziehenden Schlammschlacht um die Landtagswahlen 2013. „Noch nie waren neben dem amtierenden Ministerpräsidenten so viele zukünftige Ministerpräsidenten anwesend.“ Beim Wahlkampf geht es scheinbar um die größte und schönste Sau. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der auf Hubert Aiwangers Hof eine Sau in den Himmel streckt, um zu beweisen, dass er etwas von Landwirtschaft versteht und volksnah ist. Aiwanger wiederum, dessen Ferkel Hans Olaf Henkel sei, wolle zeigen, dass er, der Jäger, wirtschaftlichen Sachverstand habe. Seehofers Sau ist Edmund Stoiber, der „Ötzi aus Wolfratshausen“, den er als Joker zum politischen Aschermittwoch reanimiert hat.

Wie die SPD, „dieses überstandige Fassl“, überhaupt ein ganzes Bierzelt am Aschermittwoch füllen konnte, bleibt der Bavaria ein Rätsel. Wohl nur mit umgeleiteten Kaffeefahrten. „Da habt’s aus 50 Jahren CSU endlich mal was gelernt.“ Die Freien Wähler machen eine Politik, „da ist für jeden was dabei“. Als Jäger schieße man eben so lange in den Wald, bis man mal einen Hirschen trifft. So auch beim Wahlkampfthema Internet. In der Zeit, in der Aiwanger „schnö-llör-ös In-tör-nöt auf dem Lond“ fordert, hat ein Pirat bereits seinen Mitgliedsantrag ausgefüllt.

Bei all den politischen Säuen fragt sich Mama Bavaria daher, ob sie durch das Ferkel-Orakel die Wahlen gewinnen wollen. Dieses gibt sie ihnen mit auf den Weg: „Ich sehe Euch schon kentern, weil die Piraten den Landtag entern.“ Das heißt so viel wie: Außer Show nichts gewesen. Die Bürger sähen in den Fahnen, die CSU, SPD und Freie Wähler in den Wind halten, keine tragfähigen Konzepte. Der Wahlkampf sei also eine Schlammschlacht um das größte Ferkel nicht um das beste Programm. Welch rosige Zukunft für Bayern.

Kröten sammeln

Danach geht es alsbald ums Geld. Das politische Ziel der CSU, Bayern bis 2030 schuldenfrei zu machen, nahm die Bavaria ihrem Horsti nicht ab. „Du bist ein ausg’schamter Zocker. Du springst mit beiden Beinen in die Scheiße, aber nur weil Du vorher weißt, dass sie nicht tief genug ist, um darin zu ersaufen.“ Seehofers opportuner Populismus lässt sich nicht oft genug erwähnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Wähler verarscht vorkommen. Das Bild der „Kuh Yvonne der CSU“ für Horst Seehofer beschreibt sein Taktieren wunderbar. Er reißt aus, schweigt, lässt sich wieder zähmen. „Aber Du weißt, wohin das führt? Ich sage nur Gut Aiderbichl.“

Die wahre Kröte allerdings sei Finanzminister Markus Söder, der „Prinz Charles des CSU“, der ewige Nachfolger, aus dem „einfach nichts wird, ja zumindest nichts seriöses“. Jetzt sammelt er die Kröten: Länderfinanzausgleich, „Lex München“, Landesbank-Wohnungen. Söders Beuteverhalten sei das einer Kröte: „Zunge raus und schau’n, was kleben bleibt.“ Von einem Plan könne keine Rede sein.

Kröten werden auch in Griechenland gesammelt. Die politische Klasse allerdings stehle sich aus der Verantwortung. Seehofer befrage lieber das Volk. „Horsti, Du spielst doch kein politisches Schach, Du spielst Wer wird Millionär. ‚I habe keine Ahnung, befragen wir das Publikum.’“ Doch „wenn es um Europa geht, dann sitzen wir doch alle im selben Boot, und zwar auf der Costa Concordia. Für den Luxus zum Schnäppchenpreis fahren wir volles Risiko, und gehen wir in Schieflage, so fallen die Kapitäne ins Rettungsboot.“ Darauf kann man nur trinken. „Prost auf den Weltuntergang“ – gute Miene zum bösen Spiel.

Lasst Euch nicht verarschen

Die Rede ist durchzogen von vielen Anspielungen und schnellen Themenwechseln. Diese haben inhaltlich gemein, dass es sich meist um schleichende Skandale dreht, die keine klaren Schuldigen haben und daher nicht so medienwirksam sind. Es geht um die Bildungspolitik in Bayern, die Lebensmittelskandale, die an Ilse Aigner abzuperlen scheinen, die Energiewende um den neuen bayerischen Umweltminister, den aber noch gar keiner kennt, sowie um den neuen Konzertsaal für München, mit dem sich Kunstminister Heubisch schmücken möchte, anstatt sich um die Universitäten zu kümmern.

Wenn Mama Bavaria über die dritte Startbahn am Münchner Flughafen redet, wird deutlich, worauf sie mit diesen Themensetzungen hinaus möchte. Bei der geplanten Abstimmung sollen die Münchner über die Startbahn in Freising abstimmen. „Münchner, die eventuell gar nicht wissen, wo der Flughafen is. Ja, Flughafen, wie? – vom Hauptbahnhof aus oder was?“

Alle diese Themen folgen Luise Kinsehers Diktum: Lasst Euch nicht verarschen! Schaut hin, was sie Euch verkaufen wollen. Hier ist ihr Kabarett beste Übersetzungshilfe! „Ich weiß nicht, an wen ich da eigentlich hi red. – Haaaaalloooo! Is da jemand?“ bleibt als einziger Hilferuf.

Bewaffnen gegen die Bewulffung

Nepotismus und Korruption sind in Bayern seit Franz Josef Strauß nicht nur auf dem Nockherberg an der Tagesordnung – so natürlich auch dieses Mal. „Für bayerische Verhältnisse ist der Wulff ein Dilettant. Gegen Franz Josef Strauß ist er ein windiger Anfänger.“ Luise Kinseher bringt es auf den Punkt: „Die bayerischen Amigos würden weder sich mit Kleingeld abgeben, noch denken sie je daran, irgendetwas zurückzuzahlen.“

Die Kritikpunkte an Gauck – wilde Ehe und unbedachte Äußerungen – passen auf Seehofer, den Interims-Bundespräsidenten, wie die Faust aufs Auge. „Horsti, sei froh, dass Du das nur 30 Tage machen musst.“ Länger würde er wohl nicht überdauern. Dass gerade auch aus der CSU diese Kritik geäußert wurde, war der Anlass für Mama Bavaria, es Horsti heimzuzahlen. „Der Horsti hat mich kürzlich angerufen und gemeint, er bräuchte Geld. Wie, ist schon wieder jemand schwanger?“ Dass sich danach einige Politiker über die Witze über das Familienleben mokierten, ist eine der Pointen, die auf eine Auflage Kinsehers folgten. Man muss sich „bewaffnen gegen die Bewulffung“.

In Bayern lacht man Kritik weg und treibt sein übles Spiel weiter. Daher muss Mama Bavaria ihre Kinder auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. „Ihr seid’s ein Hosenschoaß der bayerischen Geschichte.“ Nichtsdestoweniger wird er im neuen Bayerischen Museum in Regensburg ausgestellt werden. Abzuwarten bleibt, wer es als Ministerpräsident eröffnet: Seehofer oder doch Ude? – „Aber Horsti, vielleicht bleibt Dir das erspart, weil der Ude sich verfahrt.“ Wir werden es sehen.

Das Singspiel: „Nockherberg gegen den Schuldenberg“

Das Singspiel war nicht so anspielungsreich wie die Rede, unter dem Motto „Nockherberg gegen den Schuldenberg“ wurde vielmehr der Hammer ausgepackt. Die Liedtexte der Gesangseinlagen waren durchweg brilliant. Auch die schauspielerischen Leistungen waren teilweise mehr als nur überzeugend. Einzig die Neubesetzung von Angela Merkel (Christin Marquitan) fiel etwas aus dem Rahmen.

In Markus Söders (Stephan Zinner) Benefizgala sollte Geld für den Schuldenabbau in Bayern gesammelt werden. Es ging um den Konkurrenzkampf zwischen Söder und Christine Haderthauer (Angela Ascher), den Wahlkampf zwischen Horst Seehofer (Wolfgang Krebs) und Christian Ude (André Hartmann) sowie um den Atomausstieg, weswegen Merkel und Winfried Kretschmann (Michael Vogtmann) mitwirken durften. Der thematische Fokus lag weitestgehend auf der bayerischen Innenpolitk.

Die Highlights

Die musikalische Begleitung von Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn und Georgios Papandreu, drei Lobbyisten und Bruder Barnabas war die treibende Kraft der Revuen. Vor diesem Hintergrund konnten Söder, Haderthauer, Seehofer, Merkel, Ude und Kretschmann brillieren.

Zu den Highlights zählte der Gstanzl-Slam zwischen Seehofer und Ude, der sich leider nur über drei Strophen hinzog. „Jetzt hör amal zu, du Kachlbisla / des weiß doch a heut a jedes Kind / dass die Bayern nur wega mir / hier so besonders wohlhabend sind.“

Auch Horst Seehofers Schuldeneintreiber-Song „Taler, Taler du musst wandern“ zur Melodie von Bi-ba-butzemann wird sicher jeden der über 2 Millionen Zuschauer zum Lachen gebracht haben. Auch wenn sie ahnen, dass er ernst machen wird. „Drum zieh ich von Haus zu Haus / hol das Letzte aus euch raus.“

Angela Merkels „Ich will A-K-W“-Version von Shakiras „Waka-Waka“ profitierte von dem hervorragenden Gesang von Christin Marquitan. Die Kritik an der Atompolitik der Regierung, die sich auch auf Winfried Kretschmann erstreckte, blieb so manchem im Halse stecken. Kabarett darf das.

KTG als Pars pro toto für die CSU

Karl Theodor zu Guttenberg versuchte sich mit mehreren Comebacks: „Abermals gescheitert“, „Scheitern, jetzt erst recht“, „Ich scheiter einfach immer weiter“. Er war sicherlich die tragischste Figur des Abends, aber die Kritik galt nicht nur ihm. KTG stand als Pars pro toto für die ganze CSU. Wenn eine Strategie nicht greift, wird die nächste ausprobiert. Einmal monarchisch, einmal bürgernah, einmal folkloristisch. Fehler allerdings werden nicht eingestanden.

Auch hier kam die eigentliche Pointe erst nach dem Singspiel. Auf die Frage, ob KTG noch ein Comeback in der CSU bekomme, antwortete Horst Seehofer doch ernsthaft, dass dies bereits in diesem Jahr sein würde. Viel deutlicher kann man die Strukturen der Politik in der Komödie nicht mehr herausarbeiten. Bravo!

Sauber derbleckt

Wer also die Bewertungen der Politiker zu den Darbietungen für bare Münze nimmt, lässt sich hinters Licht führen. Dazu zählt auch die abermals unsägliche Diskussionsrunde „Sauber Derbleckt“ im Bayerischen Rundfunk, welche eine Wahlkampfplattform bot und jegliche zuvor geäußerte bittere Kritik verebben lies. Es war weise von Luise Kinseher, daran nicht mehr teilzunehmen.

Die Reaktionen der Politiker gehören zum Nockherberg dazu. Über die Qualität von Rede und Singspiel sagen sie aber nichts aus. Man sollte sich daher nicht blenden lassen, wenn der bayerische Ministerpräsident sagt: „Es war nicht schlecht, so in der Mitte“. Die diesjährige Rede ist als lustig, kurzweilig, derb und aufklärerisch zu bewerten. Die Menge an Themen in so kurzer Zeit, der vorhandene Tiefgang sowie die durchweg stimmigen Bilder waren beeindruckend. Das Singspiel hatte einen runden Rahmen und geniale Darbietungen mit nur wenigen Ausreißern. Sauber derbleckt also. Wer behauptet, der Nockherberg sei zu sanft gewesen, hat sich von Politikern und Medien täuschen lassen.

Mitschnitte der Fastenrede und des Singspiels.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Nockherberg 2012.


Die Bildrechte liegen bei: FH Gitarre (Bavaria, Creative Commons) MaretH (Ferkel, Creative Commons) Torsten Müller (Creative Commons).


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6 Kommentare auf “Nockherberg 2012: Lasst Euch nicht verarschen!

  1. Die Politprominenz wurde mit Samthandschuhen angefasst!
    Kein Wort über die politisch herbeigeführte Armut in Deutschland. Kein Wort über den Sparwahn, der gerade die Ärmsten trifft. Kein Wort über den Privatisierungswahn bei dem Volksvermögen preiswert verscherbelt wird. Kein Wort über die ungerechte und überteuerte Riester-/Rürüp-Rente, die die Altersarmut in keiner Weise lindert.. Kein Wort über die “neue Armut” in Griechenland, die von uns (Deutschland) mit verschuldet wurde und wird.
    Ich könnte hier noch ewig weitermachen. Themen hätte es also genug gegeben. Leider hat man sich dafür entschieden, nur leichte Kost zu servieren, die keinem weh tut.

    Noch nicht mal unser zweiter gescheiterter Bundespräsident wurde richtig thematisiert. Dabei wäre das ein weites Feld gewesen. SCHADE

    Anscheinend möchte die Bavaria nächstes Jahr wieder dabei sein. Diejenigen, die in den letzten Jahren richtig GUT waren, die mussten gehen. Nun hat man wohl die Richtige gefunden. Lauter nette Neckerreien gabs von Mama.

    Das Singspiel war noch nicht mal gutes Kabarett.

    Nockherberg ADE

  2. Ein weichgespültes grottenschlechtes Programm.
    Man hat den Eindruck,daß das Staatsfernsehen die schützende Hand über die Politiker gehalten hat.
    Die Bavaria total harmlos und teilweise schon kindisch.
    Das Singspiel war dann sogar darstellerisch abgrundschlecht.
    Nockherberg ist für mich erledigt.

  3. Das Derblecken auf dem Nockherberg ist immer eine Gratwanderung für die Autoren. Und jedes Jahr kommen die gleichen Kommentare. Sie oben.
    Mein Vorschlag an diejenigen denen der Nockherberg zu weichgespült etc. ist.
    Hört auf zu meckern und macht besser, wenn Ihr glaubt es besser machen zu können.
    Warum macht ihr nicht einen Antinockherberg?

  4. Hallo Maximilian,

    es gab mal richtig gute Reden aufm Nockherberg. Möglicherweise waren die Dir zu GUT. Tatition aufm Nockherberg ist eben, dass den Politikern die Leviten gelesen werden. Das war heuer in keinster Weise der Fall. Deshalb waren auch sämtliche Politiker und Du hochzufrieden. Wenn Du dazu gehörst, kann ich das verstehen. Wenn Du „normaler Bürger“ bist, dann ist das für mich unverständlich. Aber, ich muss zum Glück nicht alles verstehen.

  5. Was für ein Trauerspiel!!
    Oh selige Zeiten eines Walter Sedlmayer, Bruno Jonas oder Django Asül, wo seid ihr? Was für Höhepunkte des Jahres, auf die man sich freute und lange davon zehrte… 2012: eine zahn- und geistlose Bavaria mit bemühten, flachen Gags und aufgesetztem Lachen!!Wo war das spritzige, geistreiche und hintersinnige „Dablecka“ aus alten Tagen, in dem den Politikern das Fürchten gelehrt und der Spiegel vorgehalten wurde. Dieses Mal war letzterer auf jeden Fall blind!!
    In tiefer Depression und um ein gutes Stück geistige bayerische Kultur fürchtend!
    Susanne

  6. So schlecht war der Nockherberg noch nie! Gestohlene Zeit, mehr nicht. Da war ja sogar der Franken-Fasching in Veitshöchheim tiefsinniger, bissiger, humorvoller und geistreicher. Schade, dass man dieses Feld den seichten „Comedians“ überlassen hat.

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