Nationalfeiertag auf Deutsch

Trotz Oktoberfest und Kaiserwetter: Am Bürgerfest, das neben dem offiziellen Festakt zum Tag der deutschen Einheit in München stattfand, nahmen Hunderttausende teil. /e-politik.de/ war vor Ort, um die Stimmung einzufangen. Ein Veranstaltungsbericht von Angela Kirschbaum und Laila Schmitt

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat derzeit das Amt des Bundesratspräsidenten inne, und so richtete in diesem Jahr Bayerns Hauptstadt turnusgemäß die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit aus. Zum 22. Mal jährte sich das Inkrafttreten des Einigungsvertrages. Wie üblich gab es neben dem offiziellen Staatsakt ein Bürgerfest, bei dem sich bereits am Vortag des 3. Oktober die staatlichen Institutionen und die einzelnen Bundesländer bürgernah präsentieren konnten.

Der Feiertag selbst begann mit einem ökumenischen Gottesdienst in der St. Michaelskirche unter Leitung des katholischen Kardinals Reinhard Marx und des evangelischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm. Zahlreiche hochrangige Gäste waren gekommen, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle. Im Anschluss marschierten sie durch die Münchner Innenstadt, vorbei an einigen Tausend Schaulustigen, zum Nationaltheater, wo der offizielle Festakt stattfand.

Der Tag als Auftrag

Im Gedränge hinter den Absperrungen unterhalten wir uns mit zwei Jugendlichen, die einen ersten Blick auf die Politprominenz erhaschen wollen. Aufgrund ihres ehrenamtlichen Engagements sind sie eingeladen worden, später im Rahmen des Bürgerfestes mit hochrangigen Politikern über aktuelle politische Themen zu diskutieren. Die beiden verstehen den Tag der Deutschen Einheit auch vor allem als Auftrag, auf den Zusammenhalt der Gesellschaft zu achten. Dabei erscheint ihnen die „Mauer in den Köpfen“ nicht mehr als besonderes Problem, die eigentliche Kluft in Deutschland tue sich nun zwischen Arm und Reich auf.

Währenddessen hielt Bundestagspräsident Norbert Lammert im Nationaltheater traditionsgemäß die Festrede zum Staatsakt. Mit „Stolz und Dankbarkeit“ blickte er darin auf ein „freies, vereintes, demokratisches Deutschland“. Die Erfolge und Errungenschaften der deutschen Einheit seien deutlich sichtbar, aber „manches bleibt noch zu tun“.

Was genau, das blieb an diesem Tag unausgesprochen. Kern der Rede war vielmehr die deutsche Europapolitik. Es müsse nun an die Zukunft gedacht und Europa vereint werden, denn die Weiterentwicklung Europas sei „in deutschem Interesse“. Besonders dankte Lammert „den ausländischen Freunden und Partnern, ohne die wir heute nicht den Geburtstag des wiedervereinigten Deutschlands begehen könnten.“

Das Mitmachmuseum der deutschen Politik

Neben dem Nationaltheater pulsierte derweil das Bürgerfest. Die zweitägige Veranstaltung vereinte Deutschland im Herzen der Münchner Innenstadt. Im Hofgarten präsentierten sich die Verfassungsorgane: Spiele und interaktive Stationen ließen das politische System Deutschlands erfahrbar werden, auf recht pädagogische Art und Weise wurden die Elementarbausteine politischer Bildung vermittelt. Zahlreiche Politiker nahmen an Diskussionen und Gesprächsrunden teil. Als wir später am überfüllten Pavillon des Bundesrates vorbeischlendern, flimmert auf einem Bildschirm neben Horst Seehofer einer der Jungen, mit denen wir vorhin gesprochen haben, vertieft in eine Debatte über die Regulierung der Finanzmärkte.

Einige Ministerien nutzten ihre Ausstellungsfläche allerdings vor allem zur Präsentation ihrer aktuellen Werbekampagnen. Am Stand des Bundesfamilienministeriums wurde man von großen Kinderaugen aufgefordert, Tagesmutter zu werden, und die Gäste im Pavillon des Verkehrsministeriums sollten ihre Liebsten per Videobotschaft daran erinnern, „immer vorsichtig zu fahren, denn das Leben ist schön“.

Die angrenzende Ludwigstraße wurde für zwei Tage zur „Ländermeile“. Hier stellten sich die 16 Bundesländer nicht nur kulinarisch und musikalisch vor, sondern warben auch teils offensiv um Touristen und Investoren. Eine Mitarbeiterin im Pavillon Sachsen-Anhalts berichtet uns erfreut von der stetig steigenden Zahl der Urlauber aus „dem Westen“ und dem großen Interesse der Festbesucher am „Land der Frühaufsteher“. Nur die Bayern seien noch etwas zurückhaltender. Allerdings weiß die Dame auch von vereinzelten abfälligen Stimmen zu berichten, von Besuchern, die ihren Frust über die angebliche Faulheit der Menschen in den neuen Bundesländern an ihr und ihren Kollegen abließen.

Gefühle der Vereinigten

Über die große wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in den neuen Bundesländern – und den Stellenmangel in vielen anderen Branchen – sprechen wir auch mit einer kleinen Familie, die die Ländermeile entlangspaziert. Er stammt aus Bayern, sie aus der ehemaligen DDR, von der Insel Usedom. Nun sind die beiden in München glücklich vereint. Obwohl sie sich im Westen willkommen und akzeptiert fühlt, glaubt sie, dass viele Menschen in ihrer alten Heimat noch Vorurteile hegen und die „Wessis“ als arrogante Einzelkämpfer wahrnehmen. Beide könnten sich einen Umzug in die neuen Bundesländer gut vorstellen – wenn da nicht die schwierige wirtschaftliche Lage wäre.

Dass die deutsche Einheit wirtschaftlich und gesellschaftlich noch längst nicht abgeschlossen ist, findet auch ein älterer Herr aus Singen, den wir am Currywurststand treffen. Eigentlich ist er für das Oktoberfest angereist, aber der Tag der Deutschen Einheit bedeutet ihm sehr viel und er drückt seine Hochachtung vor dem aus, was bisher geleistet wurde. Was die noch zu vollziehende wirtschaftliche Angleichung und das Niederreißen der Mauerreste in den Köpfen der Menschen betrifft, mahnt er zur Gelassenheit: „Wir brauchen mehr Geduld – wir haben ja Zeit.“

Zumindest für die persönliche Annäherung von „Ossis“ und „Wessis“ bot das Bürgerfest zahlreiche Gelegenheiten. Insgesamt richtete München ein Einheitsfest aus, wie es verfassungspatriotischer nicht hätte sein können, sehr pädagogisch und vielleicht nicht ganz leidenschaftlich. Aber es war ein Fest, das zu Deutschland passt.

 

 

 


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Wissenswerte: Die DDR und die friedliche Revolution

„Friedensgrenze“ mitten durch Berlin

Deutschland, das sind immernoch wir

Ein Kommentar auf “Nationalfeiertag auf Deutsch

  1. Zu meiner Schande war ich nicht vor Ort – aber dank des anschaulichen Augenzeugenberichts der beiden Autorinnen kann ich es mir leibhaftig vorstellen. Besonders gut hat mir gefallen: „sehr pädagogisch und vielleicht nicht ganz leidenschaftlich. Aber es war ein Fest, das zu Deutschland passt.“ 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.