Mehr Fachkräfte durch neue Bildungskonzepte

Deutschlands wichtigste Ressource sind seine Menschen. Trotzdem versäumt es die Gesellschaft, das vorhandene Humankapital zu entwickeln. Eröffnet das innovative Konzept „Offene Hochschule“ neue Perspektiven? Von Karolina Engenhorst und Iris Pufé

Laut Statistischem Bundesamt lag die Geburtenrate 2010 in Deutschland bei 1,39 Kindern pro Frau; für eine konstante Bevölkerungszahl bräuchte es zwei bis drei Kinder. Bis ins Jahr 2050 könnten bei dieser Geburtenrate bis zu zehn Millionen Arbeitskräfte wegfallen. Bereits 2013 gehen mehr Menschen in Rente, als neue Arbeitskräfte auf den Markt strömen. Diese Daten beweisen, dass Deutschland schrumpft und dauerhaft mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen haben wird.

Ein Grundproblem liegt zudem in der Ausbildung der Arbeitskräfte. Es werden vor allem Hochqualifizierte gesucht. Gegenwärtig gibt es jedoch einen Angebotsüberhang von 1,3 Millionen eher gering qualifizierten Arbeitskräften. Dies bietet wiederum auch Chancen, denn mithilfe gezielter Qualifikationsstrategien könnten viele dieser Menschen zu Fachkräften ausgebildet werden. Weitere Lösungsansätze bestünden in der Reintegration langzeitarbeitsloser Hochqualifizierter sowie von Müttern nach der Babypause oder einer flexibleren Zuwanderungspolitik.

Ressourcen besser entwickeln

Deutschland sollte seine ungenutzten Reserven aktivieren, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Bietet die Bildungspolitik Ansätze, um eine bessere Ressourcennutzung zu gewährleisten? Wie setzt sie die Rahmenbedingungen für mehr soziale Mobilität, sodass Menschen auf Grundlage besserer Bildung ihre ökonomische und damit auch ihre soziale Stellung verbessern können? Derzeit hängt der schulische Erfolg eines Kindes in Deutschland immer noch sehr stark vom sozialen Status der Eltern ab. Ziel der Politik müsste es sein, einen besseren Zugang zu Bildung unabhängig von der sozialen Schicht und anderen Vorprägungen zu ermöglichen.

Das Bildungswesen weist aber auch positive Entwicklungen auf. Zum einen gab es nie mehr Abiturienten; das einstige Elitesiegel des Bildungsbürgertums wird endlich massentauglich. Zum anderen können MeisterInnen und FachwirtInnen seit 2009 den allgemeinen Hochschulzugang erlangen und somit unabhängig von ihrer Vorqualifikation ein Studium jeglicher Art an Deutschlands Hochschulen aufnehmen.

Ist ein Studium für Berufstätige zu riskant?

Nehmen wir das Beispiel einer 36-jährigen Goldschmiede-Meisterin. Ihren beruflichen Erfolg, ihr eigenes Unternehmen oder ihr Familienleben will sie mit einem Vollzeitstudium nicht aufs Spiel setzen. Ein klassisches Bachelor-Studium an den meisten deutschen Hochschulen würde jedoch diese Risiken mit sich bringen; dazu kommen Versagensängste als weitere Hemmschwelle. Nicht umsonst hat sie sich einst nach der Schule für eine Ausbildung entschieden: „Mit meinen 36 Jahren neben 18-jährigen Abiturienten zu sitzen und zu büffeln – ob ich mir das antun soll?“ Obwohl talentiert und lernfreudig, entscheidet sie sich für die sicherere Variante.

Das „Nein“ zur akademischen Weiterbildung von MeisterInnen belegen auch die Zahlen der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Mit knapp 17.000 Studierenden rekrutiert sie gerade einmal 0,7 % aus Berufstätigen mit Arbeitserfahrung, aber ohne formellen Hochschulabschluss. Erschreckenderweise ist dies eine für ganz Deutschland repräsentative Zahl, die an den Universitäten tendenziell sogar noch niedriger ist; nur private Einrichtungen haben höhere Quoten.

Neue Bildungskonzepte

„Mehr soziale Mobilität!“ könnte der Leitspruch des Projektes „Offene Hochschule Oberbayern“ (OHO) lauten. Im Rahmen der Initiative „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) versucht hier die Hochschule München zusammen mit der Hochschule Ingolstadt ein Studienangebot zu schaffen, das sich an „nicht-traditionelle“ Studierende richtet.

Der erste berufsbegleitende Bachelor-Studiengang „Unternehmensführung“ startet bereits zum Wintersemester 2012/13. Er entsteht in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern und richtet sich an Handwerksmeister und Betriebswirte. Absolventen sollen hier handfestes Werkzeug für Führungsaufgaben in ihren Betrieben vermittelt bekommen; bei Projektarbeiten und in Fallstudien werden alltägliche Probleme behandelt. Bisherige Studienleistungen und Weiterbildungen verkürzen die Studiendauer. So wird das Konzept zu einem „wirklich fairen Angebot“, konstatieren die beiden verantwortlichen Professorinnen und Prodekaninnen der Fakultät für BWL der Hochschule München, Claudia Eckstaller und Ingrid Huber-Jahn. Selbiges bestätigt auch Lothar Semper, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer.

Duales Studium – ein Angebot für Praktiker

Auch die Zielgruppe sieht durch das Studienangebot neue Möglichkeiten. Fragt man die TeilnehmerInnen einer Informationsveranstaltung nach ihren Beweggründen für ein solches Studium, erhält man Antworten wie diese: „Neue Denkansätze und Arbeitsweisen“, „Ansehen und Standing bei den Kollegen“ oder auch „Meine persönliche Weiterentwicklung“. Der Präsident der Handwerkskammer, Heinrich Traublinger, der lange Zeit für ein solches Studienangebot gekämpft hat und für den sich damit fast schon ein Traum erfüllt, nennt seine Maxime: „Für unsere Absolventen soll gelten: Kein Abschluss ohne Anschluss.“

Ein weiteres Beispiel, das zeigt, wie soziale Mobilität befördert werden kann, liefert die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Vor fast vier Jahrzehnten hat sie sich als erste deutsche Hochschule des dualen Studiensystems angenommen, das heißt eines Hochschulstudiums mit fest integrierten Praxisblöcken in Unternehmen. Von „klassischen“ Studiengängen unterscheidet es sich durch einen stärkeren Praxisbezug. Unabhängig von den Fördermitteln warb die DHBW um nicht-traditionelle Studienzielgruppen. 2008 rief sie den Studiengang „Unternehmertum“ ins Leben, der sich auch an Unternehmer richtet, die ihren Horizont berufsbegleitend erweitern möchten. „Nach anfänglichen Kleinstgruppen haben die Kurse mittlerweile 25 bis 30 Teilnehmer – mit einer sehr niedrigen Abbruchquote“, so Studiengangsleiter Prof. Dr. Armin Pfannenschwarz. Auch das Angebot der Hochschule München hat bereits über 400 Interessenten. Im Mai 2012 begann die mit Spannung erwartete Bewerbungsphase.

Praktische Bildung als soziale Chance?

Durch innovative Angebote wie die „Offene Hochschule“ oder duale Studiengänge können Hochschulen nicht nur ihren Bildungsauftrag erweitern, sondern auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Im Sinne von Verteilungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Nachhaltigkeit eröffnen sie so Menschen neue Chancen, die ein starres Bildungssystem nicht bieten würde. Praxisorientierte Angebote wie die oben genannten weisen in die richtige Richtung. Auch die zunehmende Vielfalt an Bildungskonzepten gibt Anlass zur Hoffnung. Der Weg zu einer fairen und gleichberechtigten Bildungspolitik ist trotzdem noch weit. Die gute Nachricht ist aber: Die demografische Entwicklung Deutschlands erzwingt innovative Ansätze geradezu. Allein schon aus wirtschaftlichen Gründen werden nachhaltige Bildungskonzepte an Boden gewinnen.


Weiterführende Literatur:

Destatis/WZB/DIW: Datenreport 2011. Der Sozialbericht für Deutschland

Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (2010): Perspektiven von Ausbildung und Arbeit im demografischen Wandel


Die Bildrechte liegen bei: Breßler aus der deutschsprachigen Wikipedia (Bevölkerungspyramide, Creative Commons) und der Hochschule München und der Handwerkskammer für München und Oberbayern (Handwerker).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Dossier: Nachhaltigkeit – Wunsch und Wirklichkeit

Erschreckendes Portrait der deutschen Gesellschaft

Bildung und soziale Gerechtigkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.