Integration gibt’s nicht zum Nulltarif

16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland. Von ihnen wird Mitwirkung gefordert, ihr Engagement aber wenig gefördert. Eine Arbeitsgruppe hat nun konkrete Vorschläge gemacht. Von Hayati Demirtas

Die Frage der Integration von Zuwanderern hat in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Dies zeigt sich sowohl in der aktuellen Integrationspolitik, als auch in ihrer Aufwertung zu einem bundespolitischen Handlungsfeld durch den Integrationsgipfel, der dieses Jahr zum fünften Mal stattfand.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat angesichts einer aktuellen Studie, „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“, mangelnde Integrationsbereitschaft beklagt. Die Integration funktioniert aber nicht auf Kommando, sondern braucht Zeit und vor allem die Mitarbeit der Migranten.

Das Motto lautet „Fördern und Fordern“

Die gesellschaftliche Verschmelzung ist ein fortschreitender Prozess, der sowohl in der Verantwortung der Bevölkerung als auch der Zuwanderer selbst liegt. Daher erweist sich eine ausgewogene Mischung aus Fördern und Fordern als gewinnbringend für alle.

Integration hat eine zukunftsweisende Bedeutung, denn sie ist für Gesellschaft und Wirtschaft in gleicher Weise wichtig. Migranten müssen die gemeinsamen Werte und Grundsätze, wie die verbindliche Rechtsordnung, Freiheit und das humanistische Menschenbild, mitgestalten und -tragen. Die deutsche Wirtschaft ist auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen.

Migrantenorganisationen sind heute wichtige zivilgesellschaftliche Akteure und gesellschaftliche Partner, deren Potenzial verstärkt genutzt und gefördert werden muss. Die Erwartungen an sie sind gerechtfertigt, doch bloße Forderungen ohne gleichzeitige Unterstützung sind fruchtlos. Manfred Stehle, Amtschef des Ministeriums für Integration in Baden-Württemberg, erklärte kürzlich in einer Rede: „Geld in Integration ist gut angelegt, gescheiterte Integration ist viel teurer.“

Von Nichts kommt nichts

Für Integrationsarbeit fehlt es vielen Migrantenorganisationen jedoch meist an Geld. Nur die wenigsten bekommen geregelte Zuschüsse aus den Mitteln des Bundes, der Länder oder der Kommunen. Bundesweit stehen zahllose Vereine und Verbände vor der Herausforderung, mit ihren geringen Ressourcen und den bestehenden Hürden für Fördermittel dennoch zum Integrationsprozess beizutragen. Das Ergebnis ist allzu oft nur befriedigend.

Den Organisationen fehlt es nicht selten an Räumlichkeiten. Oft dient die Privatadresse der Vereinsführung als Kontaktadresse und die Arbeit wird überwiegend ehrenamtlich geleistet. Projektorganisationen an den Wochenenden, Korrespondenzen am Abend nach der hauptberuflichen Tätigkeit, Hausaufgabenhilfe für Schüler, politische Bildung etc. und letztlich die hohen Erwartungen der Gesellschaft und Politik an die Migranten: Ein schier unmögliches Unterfangen, dies alles leisten zu wollen.

Ein Hilferuf an den Bund

Im Rahmen des vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geförderten Projektes „Strukturelle Förderung von Migrantenorganisationen“ ist eine Arbeitsgruppe geschaffen worden, die aus dem Paritätischen Gesamtverband und sieben Migrantendachverbänden besteht. Ihr Ziel ist die Erarbeitung von Vorschlägen für eine strukturelle Förderung von Migrantenorganisationen. Dieser Zusammenschluss von bundesweit aktiven Migrantenorganisationen fordert mehr Unterstützung für ihr gesellschaftliches Engagement. Im Rahmen der Arbeitsgruppe entstand 2011 ein Positionspapier, in dem Chancengleichheit, Anerkennung und vor allem gleichberechtigte Teilhabe gefordert werden.

Das Positionspapier zeigt die  Arbeitsbedingungen und die Leistungen der Organisationen auf und unterbreitet konkrete Vorschläge, die ihnen eine langfristige Teilhabe ermöglichen sollen. Notwendig seien dabei beispielsweise zugeschnittene Fördermöglichkeiten der Grundausstattung von Vereinen und Verbänden. „Migrantenorganisationen werden zunehmend Aufgaben übertragen, für die sie jedoch materiell und personell nicht ausreichend ausgestattet sind. Größere Verantwortung und stärkeres gesellschaftliches Engagement der Migrantenorganisationen, die von Politik, Wirtschaft, Forschung, Zivilgesellschaft, Stiftungen und Presse erwartet werden, können jedoch nur durch eine bessere Ausstattung dieser Organisationen realisiert werden“, sagte Mijo Marić im Namen der am Projekt beteiligten Migrantenverbände.

Die Ergebnisse wurden am 28. März 2012 der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Prof. Dr. Maria Böhmer (CDU), im Bundeskanzleramt vorgestellt. Die Vorschläge werden derweil gemeinsam von den beteiligten Organisationen und den Vertretern zuständiger Ministerien bis Ende 2012 ausgewertet und weiterentwickelt, um die Beteilung der Migrantenorganisationen zu optimieren.


Die Bildrechte liegen bei Walter Owens und sind seiner Fotoserie zum Islam in Deutschland entnommen.


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