Haere mai – Willkommen in Neuseeland

Oder eher: Willkommen im Stuttgarter Linden-Museum. Eine Sonderausstellung entführte dort in unbekannte Welten – nach Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke, wie die indigene Bevölkerung der Maori ihre Heimat Neuseeland nennt. Ein Veranstaltungsbericht von Larissa Willy

Das Linden-Museum Stuttgart zeigte vom 1. April bis zum 14. Oktober 2012 die Ausstellung „Maori: Die ersten Bewohner Neuseelands“ und informierte über die Geschichte der ersten Siedler der Insel und deren „Entdecker“. Die Maori machen heute fünfzehn Prozent der Bevölkerung Neuseelands aus und ihre Lebensweise und Traditionen sind allgegenwärtig. Trotz der Exportschlager Ta moko und Haka blieben die Geheimnisse um das Volk der Maori dem Rest der Welt bisher aber weitestgehend unbekannt.

Um dies zu ändern wurden in Stuttgart 104 eindrucksvolle Exponate präsentiert. Darunter waren Ausstellungsstücke des Museums Volkenkunde Leiden, aber auch aus Dresden und diversen privaten Sammlungen in England und Neuseeland. Doch nicht nur die Ausstellungsstücke zogen die Besucher in ihren Bann. Das breite Programm reichte von Thementagen zur Kunst des Tätowierens, über Flötenworkshops, bis hin zu Aufführungen des Haka-Tanzes und Autorenlesungen. Auch für die kleinen Entdecker hatte das Museum einiges vorbereitet. So konnten die Kinder spannenden Erzählungen lauschen oder selbst beim Haka mitmachen.

Witi Ihimaera, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autoren Neuseelands, las aus seinen Werken, wie dem Bestseller Whale Rider von 1987, und neueren Romanen, wie The Parihaka Woman von 2011. Der mehrfache Literaturpreisträger verarbeitet in seinen Texten persönliche Erfahrungen, seine Herkunft, aber auch die Geschichte seines Volkes.

Selbstverwirklichung durch Handwerk und Kunst

Der rituelle Tanz, genannt Haka, ist ein elementarer Bestandteil der Maori-Kultur. So gibt es verschiedene Tänze, die unterschiedliche Absichten verfolgen, wie den Kriegstanz zur Einschüchterung der Gegner und Motivation der eigenen Krieger oder den Tanz, um die Toten zu verabschieden. Den Meisten ist der Haka wohl durch den neuseeländischen Nationalsport Rugby bekannt. Mit einer eindrucksvollen Performance bringt die Nationalmannschaft „All Blacks“ die Knie ihrer Gegner regelmäßig zum Zittern.

Tänzen, Geschichten und Festen wird durch Musik Ausdruck verliehen und sie geht Hand in Hand mit allen gesellschaftlichen Ereignissen. Somit sind Gesang und Instrumente von besonderer Bedeutung. Sie strahlen eine Kraft aus, aus der die Gemeinschaft Selbstbewusstsein und Vertrauen schöpft. Gesang dient der Weitergabe von Tradition, Wissen, Legenden und hat auch in Form von kinderliederähnlichen Texten eine erzieherische Funktion.

Die bereits erwähnten Ta moko sind traditionelle Tätowierungen am Körper, die dem Kenner etwas über sozialen Rang, Abstammung und Persönlichkeit des Trägers verraten. Mit einer Rückbesinnung auf die alte Tradition ist das Tragen von Moko – auch im Gesicht – in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen.

Ein Volk zum Anfassen

Abgesehen vom bunten Programm, wurden der Ausstellung und der Anzahl der Exponate räumliche Grenzen gesetzt. Den Besuchern wurde dadurch nur eine Einführung in die so unvertraute und faszinierende Welt der Maori möglich gemacht. Dies soll keine übermäßige Kritik an der Ausstellung sein, denn die Maori sind kein Volk, welches im Museum studiert werden kann. Ihre Kultur ist lebendig, ein fester Bestandteil Neuseelands und dort auch überall spürbar. Sie ist erfolgreich in das tägliche Leben integriert und ist Teil des neuseeländischen Selbstverständnisses. Hier hat das Linden-Museum einen wertvollen Beitrag dazu geleistet, dies den Besuchern bewusst zu machen.

Die direkte Zusammenarbeit von Museum und Institutionen aus Neuseeland, zum Beispiel der Haka-Tänzer „Te Matarae i Orehu“ und dem Te Puia Maori Arts and Crafts Institute, verlieh der Ausstellung eine Authentizität, die das Volk der Maori greifbar machte. Vielen Ausstellungen fehlt diese reale Beziehung und es entsteht das Gefühl, man schaue sich eine hinter dicken Glasscheiben eingefrorene Darstellung an. Es ist mit Sicherheit nicht einfach, der Lebendigkeit dieser Kultur gerecht zu werden. Aber im Zusammenhang mit der verstärkten Rückbesinnung auf alte Traditionen ist das Wissen darüber umso wertvoller.

Interkultureller Austausch – ein teures Unternehmen

Ausstellungen dieser Art kosten immer mehr, als sie einbringen. Das Ausleihen von Exponaten, die es meist nur im Paket als ganze Ausstellung gibt, ist eines der teuersten Probleme, die Museen für Volkskunde zu bewältigen haben. Den Museen geht es dabei nicht um Profit, doch mit einer Besucherzahl von 32.000 Interessierten war die Sonderausstellung in Stuttgart ein voller Erfolg. Einen direkten Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast Neuseeland war, gab es ursprünglich nicht. Allerdings wurde die „Maori“-Ausstellung in das Rahmenprogramm übernommen und sogar der ursprüngliche Zeitraum verlängert.

Die Verantwortlichen des Linden-Museums und die an der Ausstellung beteiligten Maori wollten vor allem eine Botschaft senden. Es ging darum, Gemeinschaft zu demonstrieren, Offenheit zu zeigen und ein Erbe zu teilen, das nicht nur für das Volk der Maori von Wert ist. Veranstaltungen dieser Art tragen immer wieder zu einem Informationsaustausch bei, der für unsere heutige Gesellschaft so wichtig geworden ist. Das Eintauchen in andere Kulturen und deren Erleben sind wichtiger denn je, um die Verständigung untereinander auszubauen.

Problembewältigung im Paradies

Die ständigen Anstrengungen der Maori um Selbstbehauptung und Wahrung ihrer Kultur verdienen allerdings mehr als nur eine Ausstellung oder eine Buchmesse. Jahrzehntelang wehrten sie sich gegen die rücksichtslose Enteignung durch europäische Einwanderer und gegen die Entwurzelung, die damals in alle Lebensbereiche eindrang. Ihre Geschichte ist ihnen daher umso wichtiger. Sie wissen genau, wo sie herkommen und wer ihre Vorfahren sind. Das gibt Sicherheit und erfüllt die Maori mit Stolz.

Ein Land wie Neuseeland, in dem zwei Völker – Indigene und ehemals europäische „Besatzer“ – in der Vergangenheit nicht immer friedlich miteinander lebten und wo die Folgen bis heute spürbar sind, nimmt daher eine Vorbildfunktion ein. „Maori: Die ersten Bewohner Neuseelands“ – und auch jede weitere Ausstellung über die Maori – ist deshalb von unschätzbarem Wert, um uns immer wieder daran zu erinnern.

Einer Gesellschaft wie der unsrigen, die sich im Laufe der Zeit immer mehr an der Zukunft orientiert hat, fehlt diese Verwurzelung ebenso. Unser modernes Leben ist oft von Orientierungslosigkeit und Unsicherheit geprägt. Das Wissen um unsere Familiengeschichte, Bräuche und Traditionen könnte auch uns wieder mehr Halt geben, ohne dass wir dafür unsere Lebensweise aufgeben oder ändern müssten.


Die Bildrechte liegen beim Linden-Museum Stuttgart (Skulptur, Foto Anatol Dreyer), dem Museum Volkenkunde Leiden (Portrait, Foto Krijn van Noordwijk) und der Autorin (Versammlungshaus).


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