Gibt es Privatheit im Facebook-Zeitalter?

Drei neue Studien zur Medienwirkungsforschung im digitalen Zeitalter zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven, weshalb die Grenze des Öffentlichen zum Privaten immer weiter verschwimmt. Mittlerweile kann fast jeder ungewollt zu einer skandalisierten Person werden. Von Christoph Rohde

Christian Schertz, Professor für Medienrecht an der TU Berlin und Dominik Höch, Anwalt für Medienrecht, haben in ihrem Buch Privat war gestern – Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören gezeigt, wie sensationalistische TV- und Internet-Formate zur Auflösung der Sphäre des Privaten beitragen und wie wenig die meisten Menschen auf diese Entwicklungen vorbereitet sind.

Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunika- tionsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz, betont in seinem Buch Die Mechanismen der Skandalisierung – zu Guttenberg, Kachelmann, Sarrazin & Co.: Warum einige öffentlich untergehen – und andere nicht mit Hilfe ausgefeilter Inhaltsanalysen die Entwicklung des Prozesses der Skandalisierung in der Gesellschaft und fragt, ob Skandale diese moralisch reinigen oder destabilisieren.

Aufbauend auf dieser klassischen Skandaltheorie zeigen Bernhard Pörksen, Tübinger Professor für Medienwissenschaft, und seine Mitarbeiterin Hanne Detel, wie schnell Menschen aufgrund der allumfassenden Existenz der Kommunikationstechnologie in den Fokus einer breiten, möglicherweise sogar globalen Öffentlichkeit geraten können – mit allen unkalkulierbaren Folgen für Promis, Unternehmen und einfache Leute. Alle drei Bücher bieten innovative Beiträge zur Medienwirkungsforschung und zeigen das Tempo und die Dramatik der damit verbundenen sozialen Veränderungen prägnant auf.

Der fahrlässige Umgang mit sensiblen Daten

In ihrem Buch Privat war gestern zeigen Schertz/Höch auf, wie radikal sich in kurzer Frist die Einstellungen der Deutschen zur Privatheit gewandelt haben. Waren vor zwei Jahrzehnten analog entwickelte Urlaubs- oder Partyfotos für Außenstehende absolutes Tabu, scheuen sich Millionen Deutsche nicht, ihre Fotos und „Statusberichte“ für eine breite Öffentlichkeit in Facebook, Flickr oder Picasa sichtbar zu machen. Die einfachen technischen Möglichkeiten führen dazu, dass sich Menschen keine Gedanken darüber machen, wem sie sich freiwillig ausliefern – einer für unerfahrene und unreife Persönlichkeiten potenziell bedrohlichen Öffentlichkeit. Die Autoren begründen zunächst kurz aber plausibel, warum eine Privatsphäre für die menschliche Würde und eine funktionierende Gesellschaft elementar wichtig ist.

Dann veranschaulichen sie, wie Menschen ihr Alltagsleben für private TV-Formate in naiver Weise für ein paar Euro entblößen, von den Sendern jedoch mit den Langzeitfolgen dieses Exhibitionismus allein gelassen werden. Aber auch im Internet, wo rachsüchtige Ex-Liebhaber sexuelle Privatheiten von Frauen offenbaren oder Cybermobbing betreiben, lauern diverse Fallstricke, die die Existenz junger Menschen ruinieren können. Der vor allem Jugendliche anziehende „Casting-Wahn“ zwinge potenzielle Teilnehmer, ein besonders spektakuläres Privatleben zu offenbaren. Die Kontrolle über selbiges ginge den jungen Leuten dann verloren. Die Sender hingegen nutzten diese naive Bereitschaft zum Exhibitionismus schonungslos aus.

Wenige Lösungsansätze

Die Diagnose der technisch und medial bedingten Gefahren für den Persönlichkeitsschutz überzeugt – die Lösungsansätze bleiben hingegen diffus. Die Autoren loben bestimmte Formen der Regulierung wie z. B. das Jugenschutzmodul der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in der Suchmaschine Google. Maßnahmen dieser Art tragen jedoch eher Selbstverpflichtungscharakter als rechtliche Verbindlichkeit. Lösungsansätze für die Legislative finden sich nicht in dem Buch. Vollständig vernachlässigt werden dagegen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre mit Hilfe digitaler Mittel – Stichwort zum Beispiel Bundestrojaner.

Wie Skandalisierung Erfolg hat

Hans Mathias Kepplinger hat eine Skandaltheorie vorgelegt, die auf der Auswertung Tausender von Skandalberichten sowie Hunderten von Interviews mit Politikern, Managern und Journalisten beruht. Das Ergebnis ist eine Theorie der Skandalisierung, die die Medienwirkungsforschung erheblich bereichert. Allerdings basiert das empirische Material mehr auf „klassischen“ Skandalisierungsprozessen, die von den Massenmedien verstärkt werden. Internet-Phänomene werden nur am Rande abgehandelt.

Skandale liegen in Kepplingers Studie dann vor, wenn die eindeutige Mehrheit der Bevölkerung mit Empörung auf einen Sachverhalt reagiert und Konsequenzen fordert. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Missstand objektiv vorliegt oder nicht; Skandale sind gesellschaftliche Konstruktionen. Der Autor weist auf eine bedeutende Zunahme erfolgreicher Skandalisierungen in der deutschen Öffentlichkeit hin und führt dies auf sich verändernde technologische Bedingungen einerseits und auf die zunehmende Medialisierung der Politik andererseits zurück. Seit den sechziger Jahren wird die Skandalisierung des politischen Gegners als taktisches Kampfmittel eingesetzt, mit negativen Folgen für die Legitimität des politischen Systems per se, meint Kepplinger.

Journalistische Selbstreferenz

Ein wesentlicher Faktor bei der Skandalisierung von Sachverhalten ist die Struktur der Medien. Diese ist tendenziell hierarchischen Charakters. Einige Leitmedien diktieren nicht nur die Themensetzung, sondern auch die inhaltliche Tendenz der Berichterstattung. Kepplinger zeigt, dass Journalisten besonders sensibel für die Urteile ihrer Kollegen sind; die Folge ist eine journalistische Selbstreferenz, die dafür sorgt, dass eine Ausgewogenheit von Argumenten durch den erzeugten Meinungsdruck nicht mehr zu erreichen ist. Hier zeigt sich der Autor von Elisabeth Noelle-Neumanns Idee der Schweigespirale beeinflusst. Die Moralisierung des Sachverhalts führt zur Personalisierung oftmals komplexer Themen und zu einer dem Gegenstand oft völlig unangemessenen Vereinfachung. Wer beispielsweise nach Fukushima noch für Atomkraft ist, muss nach dem Tenor zahlreicher Medien ein böser Mensch sein, wenn nicht gar ein Hazardeur, der die Zukunft der Menschheit aufs Spiel setzt, oder ein Lobbyist „der“ Atomindustrie.

Doch nicht immer sind die Verhältnisse so eindeutig. Im Falle der Sarazzin-Skandalisierung kam es zu einem „publizistischen Konflikt“, denn hier teilte sich das Meinungsklima in etwa gleich große Lager von Kritikern und Befürwortern. Kepplinger bestreitet die These, dass die Zahl und Größe von Skandalen ein Indikator für die Funktionsfähigkeit des politischen Systems darstellt. Denn die Zahl der Skandale nehme auch dann zu, wenn die Zahl der gesellschaftlichen Missstände gleich bleibe. Der konservative Unterton der Analyse ist unübersehbar, aber nicht von Nachteil, denn Kepplinger stellt die einfache Annahme in Frage, dass mehr gesellschaftliche Transparenz automatisch zu einer demokratischeren Gesellschaft führt.

Wie Skandale im Internetzeitalter entfesselt werden

Einen wesentlichen Beitrag zur Skandalforschung liefern Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem Werk Der entfesselte Skandal. Die Ubiquität und Universalität der Kommunikationstechnologie führen zu einer dramatischen Entprivatisierung des sozialen Lebens. Jeder kann einen Skandal auslösen, und jeder kann Opfer eines selbigen werden.

Vom streitenden Bewohner Hongkongs in einem Vorortbus bis zur scheinbar unbeobachtet Erdbebenopfer beschimpfenden chinesischen Jugendlichen reichen die Geschichten, die aus Durchschnittsmenschen Opfer so genannter Shit-Storms werden lassen. Die Verfasser beschreiben entlang von Leitthesen den Prozess, wie aus kleinen Wutgemeinden globale Empörungsgemeinschaften werden, die die mediale Hinrichtung der Normverletzer fordern. Sie zeigen, dass mediale Prozesse von ihren Urhebern oft nicht mehr steuerbar sind.

Zensur bewirkt meist das Gegenteil des Intendierten

Die Welt der sozialen Netzwerke ist auch von PR-Profis nicht mehr beherrschbar. Werden missliebige Informationen von einem Unternehmen gelöscht oder gerichtlich verhindert, dann tritt genau das Gegenteilige des beabsichtigten Effekts ein, der sogenannte „Streisand-Effekt“. Durch den Akt der Informationsunterdrückung wird erst das Interesse auf eine Situation kapriziert, die sonst wohl kaum besondere Beachtung gefunden hätte. Ein gutes Beispiel stellt die Greenpeace-Kampagne gegen den Nestlé-Konzern in Bezug auf deren Kitkat-Riegel dar. Greenpeace hatte in einem Youtube-Clip den Riegel gegen den Finger eines Amazonbewohners eingetauscht, um auf die von Nestlé mitverursachte Abholzung des Regenwaldes hinzuweisen. Die Gegenmaßnahmen des Konzers verschafften dem Clip erst globale Aufmerksamkeit.

Aufgrund der vorstehend geschilderten Mechanismen ist es umso wichtiger, die Wirkungen von webbasierten Auftritten möglichst genau zu antizipieren. Die Autoren sprechen vom „kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters“, der lautet: Handle stets so, dass dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“

Das Werk diagnostiziert in glänzender Weise zahlreiche noch unerforschte Phänomene der digitalen Welt. Strategien zur Eindämmung der gravierendsten Auswirkungen des digitalen Prangers in Form beispielsweise von staatlichen Regulierungen liefern sie jedoch nicht. Das wäre in dieser sich dynamisch entwickelnden Domäne wohl zu viel des Guten gewesen. Dennoch ist diese „digitale Dystopie“ für ein breites Publikum dringend ans Herz zu legen.

Drei wesentliche Beiträge

Alle drei Beiträge zur Medienwirkungsforschung betrachten die Entgrenzungsprozesse der digital-medialen Welt mit Skepsis. Schertz’ und Höchs Werk Privat war gestern konzentriert sich auf die Diagnose der technikbedingten Entprivatisierung in unserer Gesellschaft und ist deshalb für Pädagogen, Medienschaffende und internet-affine gesellschaftliche Multiplikatoren besonders zu empfehlen.

Kepplingers Die Mechanismen der Skandalisierung besticht durch empirische und sozialpsychologische Fundierung. Er stellt die bedenkliche Verschiebung der Funktion des Skandals von einer wünschenswerten gesellschaftlichen Aufklärung hin zu einem politischen Kampfmittel dar. Das Buch ist gut lesbar und für Journalisten und Politiker ein Muss.

Pörksen und Detel fesseln den Leser durch die Darstellung der asymmetrischen Beziehung zwischen teilweise minimaler Ursache und riesiger Wirkung im Falle von netz-induzierten Skandalen. Ihr Buch sollte eine weite Verbreitung finden, vor allem bei jungen Leuten, die sich häufig völlig naiv den scheinbaren Freiheiten des Netzes hingeben.

Schertz, Christian/Höch, Dominik: „Privat war gestern – Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören“
Ullstein Verlag, Berlin, 2011. 256 Seiten
ISBN 978-3-550-08862-9, 19,99 Euro

Kepplinger, Hans Mathias: „Die Mechanismen der Skandalisierung – zu Guttenberg, Kachelmann, Sarrazin & Co.: Warum einige öffentlich untergehen – und andere nicht“
Olzog Verlag, München, 2012, Hardcover 224 Seiten
ISBN 978-3-789-28248-5, 26,90 Euro

Pörksen, Bernhard/Detel, Hanne: „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“
Herbert von Halem Verlag, Köln, 2012, 248 Seiten
ISBN 978-3-869-62058-9, 19,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag (Cover, Portrait Kepplinger), Till Broenner (Portrait Schertz/Höch) und Literaturtest (Portraits Detel und Pörksen)


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