Ein rachsüchtiges Monster

Jörg Baberowski sieht in Stalins psychopathischem Wesen den Ursprung des Stalinismus. In seinem neuen Buch Verbrannte Erde zeichnet der Berliner Historiker Stalins Herrschaft nach und revidiert eigene Thesen. Er gewährt Einblick in einen gnadenlosen Herrschaftsapparat. Von Bert Große

Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt als Josef Stalin (1878–1953), gehörte ohne Zweifel zu den prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der sowjetische Diktator steht für den Aufstieg des Kommunismus in Osteuropa und den Sieg über den deutschen Nationalsozialismus. Zugleich ist seine Schreckensherrschaft auch Sinnbild für die dunkelsten Kapitel des letzten Jahrhunderts. Abermillionen „Volksfeinde und Schädlinge“ kamen in seinem Terrorsystem zu Tode, Stalins Wüten in Gesellschaft, Militär und kommunistischer Partei brachte die Sowjetunion an den Rand des Ruins.

Jörg Baberowski, Lehrstuhlinhaber für die Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt-Universität, hat eine interessante neue Deutung von Stalins Persönlichkeit und Herrschaft vorgelegt. In Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt widerspricht er früheren Thesen: Nicht das „System“ oder externe Zwänge seien in erster Linie für die Gewalttätigkeit des politischen Systems verantwortlich, vielmehr seien die mentale Prägung und Gewalterfahrungen einer kleinen Gruppe Kommunisten rund um Stalin der Auslöser gewesen. Männer, die in ihrem politischen Kampf gegen das Zarenreich Gewalt erfahren und mit Selbstverständlichkeit angewendet hätten. Allen voran Stalin, der in seinem Machtkampf um die Führung der kommunistischen Partei im Wortsinn über Leichen gegangen war und glaubte, sich nur durch ein System bedingungsloser Abhängigkeit an der Spitze halten zu können.

„Stalin war, daran ließen die Dokumente, die ich inzwischen gelesen hatte, keinen Zweifel, Urheber und Regisseur des millionenfachen Massenmordes. Das kommunistische Experiment des neuen Menschen gab den Machthabern eine Rechtfertigung für die Ermordung von Feinden und Aussätzigen. Aber es schrieb ihnen den Massenmord nicht vor. Und so sprachen Stalin und seine Gefährten auch nicht von der schönen neuen Welt, wenn sie darüber berieten, was mit den vermeintlichen Feinden ihrer Ordnung geschehen sollte. Sie sprachen stattdessen über Techniken der Gewalt. Erst im Ausnahmezustand konnte ein Psychopath wie Stalin seiner Bösartigkeit und kriminellen Energie freien Lauf lassen.“

Gewalttätig aus Schwäche?

Trotz aller gewalttätigen Potenz zeichnet Baberowski den Bolschewismus als schwaches System, der jenseits der Metropolen Moskau und Leningrad nie die Menschen erreichen konnte und der – entgegen aller Versprechungen – kein positives Zukunftsbild anzubieten hatte. Statt Erfolge im Aufbau eines neuen Systems musste vor allem die Landbevölkerung über Dekaden Hunger, Entbehrung und Vertreibung erleiden. Selbst wenn punktuelle Fortschritte zu verzeichnen waren, etwa beim Aufbau einer eigenen Schwerindustrie, riefen doch immer neue Kampagnen zu weiteren Entbehrungen und zum „Kampf gegen die Volksfeinde“ auf.

Viele Fakten der „Säuberungen“ werden nicht zum ersten Mal dargelegt, doch es bleibt ein Faszinosum, mit welcher Kaltblütigkeit Stalin unter Feinden und Freunden morden ließ. Selbst Mitglieder des engsten Zirkels mussten jahrelang mit falschen Anklagen rechnen, Familienmitglieder denunzieren oder sich öffentlich demütigen lassen. Die systematische Vernichtung der Militärspitze hätte fast zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg geführt. Nur die Begnadigung erfahrener Offiziere wie Konstantin Rokossovsky ermöglichte der Roten Armee letztlich den Sieg.

Mord an den Mördern

Und selbst Stalins getreue Henker aus dem Innenministerium der Sowjetunion (NKWD) standen bereits auf den Todeslisten kommender „Verschwörungen“. Den NKWD-Führern Genrich Jagoda und Nikolai Jeschow wurden auf Stalins Befehl Schauprozesse gemacht, die natürlich in die Exekution mündeten. Und Lawrenti Berija überlebte seinen Herrn nur um wenige Monate. Aber auch die „Mörder des Alltags“ standen stets mit einem Bein im Grab. Es ist bezeichnend, dass 1937, zur Hochzeit des „Großen Terrors“ in der Moskauer NKWD-Zentrale, kein einziger Tschekist länger als ein Jahr überlebte.

Ob man dem Autor in seiner Grundannahme zustimmt oder nicht, Baberowski hat ein wichtiges Buch vorgelegt, das die beiden Biographien von Simon Sebag Montefiore hervorragend ergänzt. Auch wenn es fast 100 Jahre nach der Machtergreifung der Bolschewiki schwerfällt, die seelische Abartigkeit eines Einzelnen als ausschlaggebendes Moment für die Unterdrückung einer ganzen Nation anzunehmen, so argumentiert der Historiker doch konzise, ohne zum Psychoanalytiker zu werden.

Jenseits aller moralischen Fragen bleibt zu konstatieren, dass der Stalinismus trotz aller systemischen Defizite mit all seinen Konsequenzen mehr als 30 Jahre lang die Geschicke der Sowjetunion und Europas, ja sogar der ganzen Welt bestimmte. Jörg Baberowski hat dazu beigetragen, dass die Erinnerung an dieses perverse, menschenverachtende System nicht verblasst.

Baberowski, Jörg: „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“
Verlag C.H. Beck, München, 2012, 606 Seiten
ISBN 978-3-406-63254-9, 29,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag C.H. Beck (Buchcover) bzw. sind gemeinfrei (Propaganda-Plakat mit Frau, Propaganda-Plakat aus dem Zweiten Weltkrieg).


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