Die Geschichte einer neuen Aufklärung

Der derzeitige Öko-Boom in Deutschland hat eine bewegte und spannende Vorgeschichte. Joachim Radkau legt die historischen Wurzeln der grünen Bewegung frei und zeigt die vielfältigen Versuche der Menschen, ihre Umwelt zu schützen. Von Andreas Riemann

Öko-Strom, Bio-Lebensmittel und E-Autos – „Öko“-Themen sind seit einigen Jahren sehr beliebt in unserer Gesellschaft und werden viel diskutiert. Deutsche und europäische Unternehmer und Politiker streiten über die Energiewende und die Senkung von CO2-Emissionen. Immer wieder erregen besonders Zielkonflikte die Gemüter: Der Anbau von Pflanzen für Bio-Sprit verschärfe den Hunger in der Welt, hieß es jüngst. Der 2011 beschlossene Atomausstieg banne zwar die Gefahr der Kernenergie, führe aber zum Bau neuer Kohlekraftwerke, die dem Klima schaden, wie Kritiker warnen. Dass die vielfach auftretenden Zielkonflikte und heutigen Umweltprobleme nicht neu sind, zeigt der Bielefelder Historiker Joachim Radkau in seinem spannenden und lehrreichen Werk Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte.

Er hat damit eines der wichtigsten Bücher zum neuen Öko-Boom geschrieben. Obwohl Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit heute in aller Munde sind, herrsche doch „totale Unkenntnis“ in der Öffentlichkeit und der Umweltbewegung selbst über ihre Geschichte, so der Autor. Um an die vielen Ideen und Anhänger dieser Bewegung zu erinnern, blickt Radkau kritisch und nachdenklich auf die Umweltbewegung seit dem 18. Jahrhundert zurück – ein fast unmögliches Unterfangen, wie er eingangs eingesteht. Dennoch ist ihm eine beachtliche Untersuchung gelungen, die das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung und Teilnahme ist. Schließlich sieht sich Radkau als Teil dieser Bewegung.

Radkau konzentriert sich auf typische Einzelgeschichten, fragt nach wiederkehrenden Motiven und Konflikten und geht in Exkursen der Rolle der Frauen, der Medien oder der Gewalt nach. Die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Forschungsliteratur bindet er gekonnt und gut lesbar in seine Darstellung ein, zerlegt dabei Begriffe wie Umwelt und Ökologie mit ihren sehr unterschiedlichen Bedeutungen und kommentiert verschiedene Forschungsdebatten.

Ökologische Revolution als neue Aufklärung

Die zentrale These seiner Studie lautet, dass die ökologische Revolution um 1970 eine „Ära der Ökologie“ einläutete. Eine schlichte und dennoch erstaunliche Chronologie offenbart die Häufung von ökologischen Initiativen um das Jahr 1970. Ursächlich für diese Verdichtung, die sich in Ereignissen wie dem Earth Day, der Greenpeace-Gründung, der VN-Umweltkonferenz in Stockholm und der Studie des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums manifestiert, war allerdings keine beängstigende Katastrophe à la Tschernobyl, wie man vermuten würde. Nein, es waren schlicht die Umweltprobleme selbst.

Diese waren nicht neu, wie Radkau zeigt. Die Bewohner der industrialisierten Städte um 1900 plagten Müll und Gestank, die Böden in den USA der 1930er Jahre erodierten und ließen Sandstürme über das Land fegen. Raubbau an der Natur war zudem um 1800 in den deutschen Ländern schon bekannt, als das Holz knapp wurde.

Um 1970 aber nahmen die Umweltprobleme neue Ausmaße an. Die Gesellschaft konnte die Dinge nicht mehr einfach weiterlaufen lassen wie bisher. Die Raumfahrt hatte den Menschen gezeigt, dass sie nur diesen einen Planeten bewohnen können. Visionen von einer Auswanderung auf andere Planeten wurden rar, die Ausbeutung der Erde dagegen immer evidenter. Am Anfang der Öko-Ära stand keine Panikmache, wie Radkau beobachtet. Die ökologische Revolution sei eine Sache des Intellekts, weshalb er in seinem Buch von einer „neuen Aufklärung“ spricht.

Die Bewegung der Bewegung

Radkau gelingt es, bei den unzähligen Umweltinitiativen, Aktivisten, Ereignissen, nationalen Diskursen und widerstreitenden Interessen wiederkehrende Motive auszumachen, die die Öko-Ära prägen: saubere Luft und sauberes Wasser, die Gefährdung des Klimas, die Grenzen des Wachstums, eine ökologisch nachhaltige Energieversorgung und schließlich die Angst vor der unsichtbaren Gefahr der Kernenergie. Viele Menschen wurden und werden davon bewegt, nicht nur in den Bürgerinitiativen. Gerade auch Ministerien und Behörden prägten den Umweltschutz, wie zum Beispiel das Bundesinnenministerium, das seit Ende der sechziger Jahre wegweisende Gesetze verabschiedete, etwa das Verbot von Blei in Benzin oder die gesetzliche Regelung der Abfallbeseitigung.

Man müsse sich, so Radkau, vom stereotypen Bewegungsbegriff lösen. Bewegung sei nicht nur der Protest auf der Straße. Überhaupt gab und gibt es nicht die eine Umweltbewegung. Es gehe um die Bewegung der Bewegung. Und da habe es von allen Seiten Impulse gegeben, von unten wie von oben und aus fast allen Ländern der Welt.

Besonders lesenswert sind die Kurzbiographien von bekannten und unbekannten Umweltaktivisten, die Radkau in seine Darstellung integriert. Dazu gehören auch die „weiblichen Helden“, die in ihren Biographien die „Triebkräfte und Spannungen der Umweltbewegung“ verkörpern: Petra Kelly etwa, die charismatische Gründerin der Grünen, die sich in einer „vagabundierenden Spiritualität“ verlor, oder Celia Hunter, eine „Outdoor-Aktivistin“, die Alaska vor der Ausbeutung der Rohstoffe schützen wollte und dabei im Büro landete.

Max Webers Thesen als Anregung

Diese Karriere steht zugleich exemplarisch für den Vorwurf der Bürokratisierung und Erstarrung, dem sich viele Umweltbewegungen oft ausgesetzt sehen. Radkau, der sich neben der Umweltgeschichte intensiv mit Max Weber beschäftigt hat, verweist auf dessen These von der unvermeidlichen Institutionalisierung. Sicher seien viele kleine Aktivistengruppen, ob Greenpeace, BUND oder NABU, zu riesigen bürokratischen Apparaten mutiert. Diese Entwicklung habe es aber auch schon vorher gegeben. Und nur größere Gruppen mit Zugang zum Establishment könnten im Umweltschutz wirklich etwas erreichen. Ohnehin sei ohne staatliches Eingreifen selten etwas zu bewegen.

Max Weber führt Radkau auch in anderen Zusammenhängen an, etwa bei der Frage nach charismatischen Führungspersonen und Märtyrern der Umweltbewegung. Weber zufolge besitzt ein charismatischer Herrscher neben außeralltäglichen Qualitäten zugleich etwas Apokalyptisches. Der gewaltfreien Umweltbewegung allerdings waren Märtyrer und Angst schürende Szenarien fremd – obwohl die „Vision vom ökologischen Selbstmord“ um 1970 weit verbreitet war und derartige Apokalypsen nach ihrem Messias verlangten.

Es gibt keine Patentlösung

Die Geschichte der Umweltbewegungen zeigt, dass es keine Patentlösung für die ökologischen Probleme gibt. Alle Lösungswege sind nur „vorläufig und zeitgebunden“. Daher ruft Radkau zur Vorsicht mit Werturteilen auf: So „moralisch widerwärtig“ der Emissionshandel zum Beispiel auch sei, er sei doch allemal besser als „schöne Worte“.

Die Ära der Ökologie regt zum Nachdenken an. Es ist eine spannende Lektüre für alle, die sich mit Umweltthemen beschäftigen und die jüngere Weltgeschichte aus einem anderen Blickwinkel betrachten wollen.

Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte.
C.H. Beck, München 2011. 782 Seiten
ISBN 978-3-406-61372-2, 29,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei: C.H.Beck Verlag (Cover), eSeL.at (Radkau, Creative Commons)


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2 Kommentare auf “Die Geschichte einer neuen Aufklärung

  1. Also mich würde ja mal interessieren ob die Verbindung mit recht(sradikal)en Gedankengut auch offen gelegt werden bzw der Widerspruch zur derzeitigen Wirtschaftsordnung. Zertifikatehandel ist tatsächlich nur ein weiterer Versuch „Kohle“ zu machen, zielführend für den Umweltschutz ist er nicht

  2. 782 Seiten – der Mann hat solide recherchiert und wird durch den beträchtlichen Umfang dem Thema und seiner Bedeutung gerecht. Ich fürchte nur, dass gerade aufgrund dieses Umfang kaum jemand das Buch lesen wird. Leider.

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