Die Familie Krupp – 200 Jahre Kanonenkönige

Die Ambivalenz von technologischer Brillanz und moralischem Dilettantismus spiegelt die Historie zahlreicher deutscher Familienunternehmen mit Weltbedeutung wider. So auch die Geschichte der Familie Krupp, der zum 200. Gründungstag des Unternehmens zwei Biographien gewidmet sind. Von Christoph Rohde

Kaum ein deutsches Unternehmen ist in Glanz und Elend so eng mit der Geschichte des Landes verbunden wie Krupp, meint Historiker Harold James von der Universität Princeton. Mit seinem Buch Krupp – Deutsche Legende und globales Unternehmen liefert er einen faszinierenden Einblick in die Innovationsfähigkeit der frühen Krupps, aber auch erschütternde Analysen ihres politischen Konformismus in den Zeiten der deutschen Imperialismen unter Wilhelm II. und Hitler. Auch die Zukunftskonzepte des Krupp-Konzerns unter dem heutigen globalen Wettbewerbsdruck auf dem Stahlmarkt kommen nicht zu kurz.

Norbert F. Pötzl, Spiegel-Redakteur, hat eine unautorisierte Biographie über Berthold Beitz vorgelegt, eine „Jahrhundertfigur“ der deutschen Wirtschaft. Beitz, der einer bei dem berühmten Historiker Golo Mann in Auftrag gegebenen Biographie die Veröffentlichung verweigert hatte, ließ auch Pötzls Recherchen ins Leere laufen. Stattdessen autorisierte er eine Arbeit von Joachim Käppner von der Süddeutschen Zeitung. Umso erfreulicher ist die Veröffentlichung von Beitz – eine deutsche Geschichte, die alles andere als eine Festschrift für Beitz ist, sondern auch dunkle Punkte in dessen Leben aufzeigt.

Lebendige Industriegeschichte

Der Aufbau eines Unternehmens war zu Beginn des 19. Jahrhunderts kein Zuckerschlecken. Und so beginnt die Geschichte der großen Krupp-Dynastie mit der Episode des Scheiterns von Friedrich Krupp. Dieser war Erfinder und Techniker, aber kein Kaufmann. Seiner Witwe Therese Krupp und ihrem Vater ist es zu verdanken, dass das Unternehmen eine vernünftige Organisationsstruktur und Kapitalbasis bekam. Sie hatten erkannt, dass das innovative Stahlgussverfahren, das Friedrich entwickelt hatte, ökonomische Perspektiven eröffnete.

Sohn Alfried hatte mit Prägemaschinen für Stempel und Münzen Erfolg. Dazu gelang es ihm, aus der industriellen Revolution Nutzen zu ziehen. Seine nahtlosen Reifen für Lokomotiven und die Eisenbahnwagen waren Absatzschlager. Dazu passt, dass das aus drei übereinander gelegten Radreifen bestehende Firmenlogo schließlich von Alfred Krupp 1875 persönlich entworfen wurde.

Soziale Errungenschaften und gefährliche Staatsnähe

Krupp wird vom Autor als typischer rheinischer Kapitalist gezeichnet. Die große Staatsnähe im Kaiserreich wird von James nicht kritisch hinterfragt, dafür lobt er die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft des global agierenden Unternehmens.

Auch macht er deutlich, wie es Krupp gelang, durch den Aufbau sozialer Einrichtungen wie Arbeitersiedlungen, Krankenhäuser und Kindergärten die Loyalität seiner Arbeiter zu gewinnen. Seine Beweggründe waren nicht nur altruistischer, sondern vor allem auch gesellschaftspolitischer Natur. Denn die anspruchsvollen Facharbeitertätigkeiten in der Eisen- und Stahlproduktion erforderten motivierte und qualifizierte Arbeiter; außerdem konnte Krupp damit sozialistischen Tendenzen in der Arbeiterschaft entgegenwirken.

Unpolitische Nazi-Kumpanei

James’ Biographie ist keine politische Abrechnung mit den Krupps. Sie zeigt, wie der Unternehmer im Dritten Reich die Autonomie über seine Geschäftstätigkeiten allmählich verlor, sich dann aber opportun an die politischen Vorgaben der Nazis hielt. Der „Kanonenkönig“ hatte keine ethischen Bedenken und dachte – wie viele Unternehmer in der Nazizeit – nur an seinen Gewinn.

Bis zu 100.000 Zwangsarbeiter mussten in Krupp-Werken unter widrigsten Bedingungen schuften. Ein moralisches Urteil über das Verhalten von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach umgeht der Autor bedauerlicherweise. Er stellt lediglich fest, dass glückliche historische Umstände – der beginnende Kalte Krieg – zur Amnestierung des vom Nürnberger Internationalen Strafgerichtshof zu 12 Jahren Haft verurteilten Krupp-Chefs führten.

Der Wandel der Unternehmenskultur

Besonders gelungen ist die Analyse der Veränderung der Unternehmensstruktur seit dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich sind hier die Person Berthold Beitz und dessen Strategie als Architekt des Umbaus an erster Stelle zu nennen. Trotz des negativen Klangs des Namens Krupp in der Nachkriegszeit sei es der Firma gelungen, Elemente eines Familienunternehmens mit einer stabileren Eigentümerstruktur zu verbinden, so James.

Beitz schaffte es, neue Investoren für das Unternehmen zu engagieren und die Schuldenkrise der Firma unter Kontrolle zu bringen. Die Umwandlung des Unternehmens unter dem globalen Preisdruck gelang mit Hilfe der Unterstützung der nordrhein-westfälischen Landesregierung.

ThyssenKrupp ist das Resultat der Fusion unterschiedlicher Unternehmenskulturen mit Unterstützung von Politik und Banken. James ist es gelungen, eine gut lesbare, spannende Geschichte der Krupps zu schreiben, die durch eine intensive Bebilderung die Vorstellungskraft des Lesers anregt. Zum 200. Geburtstag des Familienunternehmens verzichtet der Autor auf eine wirkliche Kritik am „Kanonenkönig“, aber er zeigt offen die Fakten auf, die dem Leser ein eigenes Urteil ermöglichen.

Der demystifizierte Beitz – ein Held wider Willen

Mit einem weit kritischeren Gestus ist Norbert Pötzls unautorisierte Biographie geschrieben. Dennoch findet hier keine Abrechnung mit Beitz statt. Pötzl zeigt, dass Beitz’ Drang nach Exzellenz und Bedeutung unersättlich war, mit positiven und negativen Folgen.

Dass Beitz während des Krieges in Polen Hunderten von verfolgten Juden das Leben gerettet hatte, wurde erst spät bekannt. Dies spricht für den Charakter Beitz’, der seinen Aufstieg unabhängig von dieser bewundernswerten Tat bewerkstelligte. Als Koordinator für die Ölindustrie im Kaukasus gelang es ihm, viele Juden vorgeblich als „Facharbeiter mit kriegsnotwendigen Funktionen“ zu beschäftigen, so dass diese nicht in die Todeszüge nach Auschwitz gebracht wurden. Beitz wird in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, obwohl er in Bezug auf den Nationalsozialismus später erheblichen Anstoß erregte.

Der Zweck heiligt die Mittel

Beitz’ Weg während und nach dem Krieg war von Glück gepflastert. So wurde er von einem übereifrigen Oberst Mitte April 1945 fast als Deserteur liquidiert, doch sein Kompanieführer rettete ihm geistesgegenwärtig das Leben. Auf dem Weg nach oben begegneten ihm in administrativen Positionen in Ostdeutschland zur rechten Zeit die richtigen Personen und im Hamburg von Schmidt und Springer schaffte er es mit Leichtigkeit in die Kreise der High Society.

Dabei habe es Beitz nicht gestört, so der Autor, wenn einflussreiche Leute überzeugte Nazis gewesen waren. Im Gegenteil, Beitz nahm einige NS-Größen sogar als Zeuge vor Gericht in Schutz. In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur weist der Autor auf diese Ambivalenz in Beitz’ Verhalten hin: „Am Erstaunlichsten war für mich ja die Erkenntnis, dass der Judenretter Beitz, der mit menschlichem Mut und aus gewiss unpolitischen Motiven dem Holocaust ein Stück Widerstand entgegen gesetzt hatte, dass derselbe Beitz sich nach dem Krieg in der Gesellschaft alter Nazis so wohl gefühlt hat.“

Guter Diplomat, schlechter Ökonom

Beitz wurde von Alfried Krupp Ende 1953 zu dessen persönlichem Vertrauten benannt und übte das Amt als Generalbevollmächtigter bis 1967 aus. Daraus entwickelte sich ein geradezu symbiotisches Verhältnis, das persönlich jedoch distanziert blieb. Es gelang dem rastlosen „Diplomaten“, die Produktionsbeschränkungen des Konzerns im Stahl- und Waffensektor geschickt zu umgehen. Er steht wie kaum ein Anderer für die Deutschland AG.

Mit seinen Geschäften mit Osteuropa, die sogar zu einer Freundschaft mit Erich Honecker führten, legte Beitz die Grundlage für die spätere Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Zunächst hatte sich der umtriebige Beitz eine Rüge der Regierung Adenauer eingehandelt, als er Röhren-Geschäfte mit der Sowjetunion einfädelte, denn dies verstieß nach deren Interpretation gegen die Hallstein-Doktrin.

Kaufmännisch hingegen hätte Beitz den Krupp-Konzern durch seinen expansionistischen Gigantismus fast in den Konkurs getrieben, meint Pötzl. Ohne die Überführung des Krupp-Konzerns in eine Stiftung im Jahr 1967 wäre das Unternehmen kaum überlebensfähig gewesen.

Persönliche und Unternehmensbiographie in einem

Die unautorisierte Beitz-Biographie erweist sich als Glücksfall, denn der Autor schafft es, eine Festschrift zu vermeiden. Pötzl gelingt eine hervorragende Synthese aus persönlicher Biographie und Unternehmensgeschichte. Wer sich für Industriegeschichte, Produkt- und Prozessinnovationen sowie für technische Verfahren im Stahl- und Investitionsgütersektor interessiert, dem bietet James’ Krupp-Geschichte einen ausgezeichneten Überblick.

James, Harold: „Krupp. Deutsche Legende und globales Unternehmen“
C. H. Beck, München, 2011, 344 Seiten
ISBN 978-3-406-62414-8 , 19,99 Euro

Pötzl, Norbert F.: „Beitz – Eine deutsche Geschichte“
Heyne Verlag, München, 2011, 512 Seiten
ISBN 978-3-453-17955-4 , 22,99 Euro


Die Bildrechte liegen beim C.H. Beck Verlag (Cover James), der Yale University (Porträt James), Random House (Cover Pötzl) und Ernst Schneider (Porträt Krupp).


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