„Der Nockherberg stärkt immerhin die Demokratie“

Zum zweiten Mal wird Luise Kinseher am 7. März 2012 die Fastenpredigt auf dem Münchner Nockherberg halten. Im /e-politik.de/-Interview spricht sie über die Bedeutung des Starkbieranstichs, vorbildliche und unvorbildliche Amtsträger und über die politische Zukunft Bayerns. Ein Interview mit Luise Kinseher von Angela Kirschbaum

Die Schauspielerin und Kabarettistin Luise Kinseher hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Sie studierte Theaterwissenschaft, schrieb ihre Magisterarbeit über Sigi Zimmerschied und trat lange Zeit in volkstümlichen Theaterstücken auf, bevor sie mit eigenen Soloprogrammen die Kleinkunstbühnen des Landes eroberte. Ihr aktuelles Programm einfach reich feierte im Oktober 2010 Premiere. 2011 hielt sie auf dem Münchner Nockherberg in der Rolle der „Mama Bavaria“ als erste Frau überhaupt die Fastenpredigt und setzte sich vom anklagenden Stil ihrer Vorgänger durch mehr augenzwinkernde Milde ab. Am 7. März 2012 wird sie den Politikern erneut den Spiegel vorhalten.

/e-politik.de/: Erinnern Sie sich an die erste Fastenpredigt, die Sie bewusst wahrgenommen haben?

Luise Kinseher: Ich habe immer noch Walter Sedlmayr im Ohr. Seine freundliche Stimme voller Hinterlist. Allerdings war der Nockherberg in den Augen der eher linksgerichteten Kabarettisten jener Zeit eine CSU-Veranstaltung unter Gleichgesinnten. Bis schließlich Bruno Jonas kam und sich als erster Kabarettist in die Höhle des Löwen wagte, allerdings lange nach Franz Josef Strauß!

/e-politik.de/: Wie würden Sie einem Kölner die Fastenpredigt erklären?

Kinseher: Das ist etwa so ähnlich wie eine politische Büttenrede in Anwesenheit der gesamten Landesregierung samt Opposition, ohne Kölsch – dafür mit Salvator.

/e-politik.de/: Provokant gefragt: Hat der Nockherberg überhaupt eine politische Bedeutung?

Kinseher: Er hat mittlerweile eine irrsinnige mediale Bedeutung bekommen, er wird seit drei Jahren in voller Länge live übertragen. Millionen Menschen schauen zu, sind gespannt, diskutieren, schimpfen, amüsieren sich. Der Nockherberg ist ein Massenereignis, das große Aufmerksamkeit genießt. Insofern kann er eine politische Bedeutung haben, wenn man ihn als eine Veranstaltung sieht, in der Lust am politischen Geschehen geweckt wird. Das stärkt immerhin die Demokratie.

/e-politik.de/: Wie entstand die Rolle der Bavaria?

Kinseher: Alfons Biedermann hatte die Figur als Rolle im Singspiel 2010 vorgesehen, ich habe sie übernommen und sie ist mir geblieben.

/e-politik.de/: Ihre Rolle verlangt von Ihnen ja vor allem tadelnde Worte. Könnten Sie drei deutsche Politiker nennen, die Sie gerne loben würden – und wenn ja, wofür?

Kinseher: Winfried Kretschmann – ich finde, er schafft als Ministerpräsident wunderbar den schwierigen Spagat der Grünen zwischen Realpolitik und deren Idealen. Seine Stärken sind seine Gelassenheit und Authentizität. Der aus Bayern geflohene Ex-Finanzminister Georg Fahrenschon hat seine Sache gut gemacht, er war behutsam und nicht polternd. Und ich mag Andrea Nahles, ihr Herz schlägt glaubwürdig für soziale Gerechtigkeit.

/e-politik.de/: Was für Rückmeldungen haben Sie letztes Jahr nach Ihrer ersten Fastenpredigt bekommen? Hat sich der eine oder andere Politiker hinterher unter vier Augen bei Ihnen beschweren wollen?

Kinseher: Nein, sicher nicht. Ansonsten war die Reaktion positiv. Manchen hat es nicht gefallen, aber das nehme ich auch als Kompliment.

/e-politik.de/: Und was haben Sie sich vorgenommen, dieses Jahr anders zu machen?

Kinseher: Ich werde kürzer, griffiger und zupackender sein.

/e-politik.de/: In früheren Interviews haben Sie gesagt, dass Sie von jedem Politiker annehmen, dass er sein Amt mit gewissen Idealen angetreten hat – auch wenn er diesen dann in der Realität nicht gerecht zu werden vermag. Gestehen Sie Christian Wulff auch Ideale zu? Und ist das Amt jetzt, wo Horst Seehofer stellvertretender Bundespräsident ist, endgültig ruiniert?

Kinseher: Sehr gute Frage! Horst Seehofer ist ja rein zufällig Bundespräsident, anders hätte er wohl keine Chance gehabt. Christian Wulff sehe ich mittlerweile als tragische Figur. Sein Abgang hatte Ähnlichkeit mit Guttenberg. Langwierig und zäh, ein ewiges Rausreden und Lügen. Grund ist eine gnadenlose Selbstüberschätzung und fehlende Demut. Beide waren der festen Überzeugung, dass sie gut sind für das Land und Großartiges leisten. Verfehlungen werden nicht als solche betrachtet, sondern passieren halt mehr oder weniger unabsichtlich, wenn man so im Tatendrang für das Gute steht. Ich glaube wirklich, dass beide so gedacht haben, deshalb haben sie auch beide die Aufdeckung ihrer „Vergehen“ als ungerechte Hetzjagd empfunden. Man lernt daraus: „Das Gute wollen“ allein schützt nicht vor Fehlern. „Das Gute wollen“ ist nur Teil eines übersteigerten Egos.

/e-politik.de/: Über welchen politischen Skandal des letzten Jahres wurde Ihrer Ansicht nach in der Öffentlichkeit viel zu wenig geredet?

Kinseher: Ich habe den Eindruck, dass über die wirklichen Skandale in unserer Gesellschaft gar nicht geredet wird. Entweder sind sie zu komplex, als dass man sie überhaupt in eine Schlagzeile bringen könnte, oder es gibt keinen Schuldigen, den man konkret anprangern kann. Für mich sind das die beiden Hauptkriterien, die gewährleistet sein müssen, um einen Skandal in die Öffentlichkeit zu bringen. Für die restlichen müssen Sie viel lesen, zuhören und sich vor allem nicht verarschen lassen wollen.

/e-politik.de/: Stehen Sie eigentlich im Kontakt mit Ihren Kollegen, die dieser Tage in ganz Bayern ebenfalls Fastenpredigten halten? Gibt es da einen Austausch zwischen Gleichgesinnten, eine Art Predigerstammtisch?

Kinseher: Nein gar nicht. Jeder kocht sein eigenes Predigtsüpperl.

/e-politik.de/: Haben Sie im Kabarett jetzt noch Ziele? Gibt es noch einen höheren Gipfel als den Nockherberg?

Kinseher: Der Nockherberg ist für mich eine Herausforderung, die mir großen Spaß macht und mich ziemlich motiviert. Aber das wichtigste für mich sind meine Kabarettprogramme, die formal und inhaltlich gar nichts mit dem Nockherberg zu tun haben. Da wird es für mich in Zukunft natürlich immer weitergehen, mit neuen Ideen und Inhalten.

/e-politik.de/: Glauben Sie, dass 2014 ein SPD-Ministerpräsident derbleckt werden wird?

Kinseher: Das wäre dann in der Tat die wirklich historische Wende auf dem Nockherberg! Mal sehn. Hauptsache, es bleibt spannend!

Das Interview wurde per E-Mail geführt. Es ist Teil des Dossiers Nockherberg 2012.

Der Starkbieranstich wird am 7. März 2012 ab 19:00 Uhr live im Bayerischen Fernsehen übertragen.


Die Bildrechte liegen bei Derek Henthorn.


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Ein Kommentar auf “„Der Nockherberg stärkt immerhin die Demokratie“

  1. Leider ist das heuer komplett daneben gegangen. Die diversen Nettigkeiten haben der Politprominenz ausnehmend gut gefallen. Bavaria darf sicher nächstes Jahr wieder antreten.

    Leider hat das gefehlt, weswegen die Redner in den Jahren zuvor gehen mussten. Der BISS. Das ist Schade!

    Nockherberg ADE

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