Der König ist tot – es lebe der König? – Nordkorea nach Kim Jong-il Teil 1

Die Nachricht vom Tod des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong-il und der Aufstieg Kim Jong-uns zum „Großen Nachfolger“ warfen eine Reihe von Fragen sowohl hinsichtlich der generellen sicherheitspolitischen Entwicklungen in Nordostasien als auch der weiteren Entwicklungen in Nordkorea auf. Wird dem Machtwechsel ein umfassender politischer Wandel folgen? Ohne einen Regimewandel muss die Antwort ein klares Nein sein. Von Eric J. Ballbach

Kim Jong-il passed away at 8:30 a.m. on Dec. 17 from a great mental and physical strain“, so hieß es in einer von der nordkoreanischen Nachrichtenagentur am 19.12.2011 veröffentlichten Meldung; es wurde volle Loyalität des Militärs, der Partei und der Bevölkerung gegenüber der neuen Führung unter dem „Großen Nachfolger“ und „herausragenden Führer“ Kim Jong-un eingefordert. Neben der generellen sicherheitspolitischen Entwicklung in Nordostasien wirft das Ableben Kim Jong-ils und der Aufstieg Kim Jong-uns Fragen hinsichtlich der zukünftigen Innenpolitik Nordkoreas und der konkreten Ausgestaltung der Machttransformation auf. Zahlreiche internationale Medien, Politiker und Beobachter aus der Wissenschaft äußerten die Vermutung, dass das Ende der „Ära Kim Jong-il“ zu einem umfassenden (politischen) Wandel Nordkoreas führen werde. Doch wie wahrscheinlich sind solche Szenarien? Selbstverständlich ist eine abschließende Beantwortung dieser Frage zum jetzigen Zeitpunkt schwierig und auch der mangelnde Zugang zu Informationen und Entwicklungen im inneren Führungszirkel Nordkoreas wirken erschwerend. Jedoch lässt die Interpretation der jüngsten Ereignisse aus historischer Perspektive eher Kontinuität denn Wandel in Nordkorea vermuten. Denn trotz maßgeblicher prozessualer Unterschiede bei der Machtübernahme Kim Jong-uns ist ein umfassender politischer Wandel ohne einen Regimewandel nicht zu erwarten.

Unterschiedliche Wege zur Nachfolge

Als der nordkoreanische Staatsgründer und „ewige Präsident” Kim Il-sung im Juli 1994 verstarb, war die Nachfolgefrage bereits seit vielen Jahren beantwortet. Unter dem Eindruck spezifischer externer und interner Entwicklungen – wie z. B. der Entstalinisierungskampagne Chruschtschows in der Sowjetunion, dem Schicksal der Viererbande nach dem Tode Maos in China sowie der physischen Schwäche von Kim Yong-Ju – legte sich der um sein politisches Erbe besorgte Kim Il-sung bereits früh auf Kim Jong-il als Nachfolger fest. Dies verschaffte der Führung um Kim Il-sung einen großen zeitlichen Spielraum zur systematischen Vorbereitung der Machttransformation, welche bereits 1974 ihren (inoffiziellen) Anfang nahm. Nachdem Kim Jong-il die wichtigsten Stationen innerhalb der Partei und des Militärs durchlaufen und deren höchste Ämter in Personalunion eingenommen hatte, übernahm er 1997 nach einer dreijährigen „Vermächtnisherrschaft“ offiziell die Macht in Nordkorea – mit spezifischen Erfahrungen in Partei, Regierung und Militär sowie einem fest etablierten System von Verbündeten und Vertrauten. Kim Jong-il wurde also systematisch und sichtbar als Nachfolger Kim Il-sungs aufgebaut – mit gleichzeitiger „Vererbung des Führerkults“. Dass sich die gegenwärtige Nachfolge durch Kim Jong-un maßgeblich von jener Kim Jong-ils unterscheidet, wirft daher nicht nur die Frage auf, welche Konsequenzen die gegenwärtige Nachfolgeregelung für die konkrete Ausgestaltung der Macht(-verteilung) haben wird, sondern auch, ob es Kim Jong-un ebenfalls gelingt, ein stabiles System von Vertrauten und Verbündeten aufzubauen.

Wie Hayes, Bruce und von Hippel zutreffend feststellen, ist eines der zentralen Probleme der Mangel an Informationen über Kim Jong-ils dritten Sohn. „[Kim Jong-un] has as only ever appeared in public accompanied by his father after nearly 14 months in the limelight.“ In dieser relativ kurzen Zeitspanne stieg er ohne „Marsch durch die Institutionen“ eilig in die höchsten Machtpositionen auf und erhielt den Rang des Viersternegenerals – ohne tatsächliche militärische Erfahrungen.

Führerkult und Stabilität

Kim Jong-un ist – anders als Kim Jong-il – ein Nachfolger ohne besondere Erfahrung und Reputation. Er steht formal an der Spitze, da ihn sein Vater und andere einflussreiche Personen dazu auserwählt haben, die familiäre Linie sowie die Politik seiner Vorgänger fortzusetzen. Die Tatsache, dass Kim Jong-uns primäre Qualifikation erbbiologischer Natur ist, verweist auf die enorme Bedeutung, die das Regime in Pjöngjang der Aufrechterhaltung der politisch-dynastischen Nachfolgeregelung beimisst. Die Legitimität Kim Jong-uns als neuem Führer Nordkoreas ist allein darin begründet, dass er der Sohn des verstorbenen Herrschers ist. Akzeptiert man dies nicht, stellt man die Legitimität des gesamten Regimes infrage. Dieses System der familieninternen Machtvererbung mag aus „westlich-demokratischer Perspektive“ mehr als ungewöhnlich erscheinen. Es wurde daher wiederholt gefragt, wie ein solches System im 21. Jahrhundert noch existieren könne. Dabei wird jedoch übersehen, dass die familieninterne Machtvererbung kein seltenes Phänomen der internationalen Politik darstellt. Zwar bezeichnet sich das nordkoreanische Regime als eine „Demokratische Volksrepublik“, doch weist der Status der Führerfamilie Kim durchaus Ähnlichkeiten zu dem einer königlichen (Alleinherrscher-)Familie auf. Dabei gründet sich die Legitimität des nordkoreanischen Regimes auf die Legende von Kim Il-sung als Unabhängigkeitskämpfer gegen die japanische Kolonialherrschaft und dem damit verbundenen Führerkult. Mit der Vererbung politischer Macht von Kim Il-sung an Kim Jong-il ging dann auch eine Vererbung des Führerkults einher – ein Phänomen, das sich gegenwärtig erneut beobachten lässt und das nicht zuletzt dadurch erleichtert wurde und wird, dass die nordkoreanische Bevölkerung bis heute außer Monarchie, Kolonialverwaltung und der strikt autoritären Machtund Herrschaftsstruktur der Kim-Familie keine andere Form politischer Herrschaft kannte bzw. kennt.

Lesen Sie den zweiten Teil hier.


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