Der hohe Preis amerikanischer Freiheit

Will man die ideologischen Grenzziehungen innerhalb der USA im Kontext der Präsidentschaftswahlen verstehen, ist es wichtig, Geschichte, Kultur und die zwiespältigen Mentalitäten der Supermacht im Blick zu behalten. Bernd Stövers Opus bietet einen fundierten Überblick über die Werte und Gemütslagen des Landes. Von Christoph Rohde

Mit seinem Werk United States of America – Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart liefert Bernd Stöver, Professor für Neuere Geschichte in Potsdam, eine Universalgeschichte der Vereinigten Staaten. Die Widersprüche des Landes zwischen Moralismus und knallharter Realpolitik werden ebenso sichtbar gemacht, wie die Mythen und Realitäten in „God’s own country“. Mit kritischer Distanz, aber ohne populistisches Amerika-Bashing, gelingt dem Historiker ein großer Wurf.

Zweischneidiger Freiheitsbegriff

Goethes Gedicht „Amerika, du hast es besser“ von 1788 drückt das Verhältnis des alten Europa zum neuen Kontinent bereits exakt aus: zwischen Bewunderung und Kritik oszilliert die Einstellung zu den Werten und Taten der jungen Nation USA. Auch Stövers Werk trägt dieser Ambivalenz Rechnung.

Standen die neu gegründeten USA für die bewusste Abgrenzung zur statischen europäischen Aristokratie und für das Einüben neuer Formen von Partizipation und Demokratie in den jungen Kolonien, griffen die überwiegend christlichen Einwanderer zugleich auf „bewährte Methoden“ der Landaneignung zurück, vermerkt der Historiker in kritischem Gestus. Ihr basisdemokratisches, anti-papistisches Christentum galt nicht für vermeintliche Barbarenvölker wie die indianischen Ureinwohner, die mit brutalen Methoden deportiert oder sogar ausgerottet wurden – nur so war die schnelle Westwärtswanderung der weißen Siedler möglich. Die an der Siedlungsgrenze begangenen Untaten wurden jedoch durch den extremen Freiheitsmythos verdrängt, der den Zusammenhalt der neuen Bewohner des Kontinents im Sinne einer Zivilreligion, des Manifest Destiny, ermöglichte. Die Illusion einer grundsätzlichen Unschuld des tatsächlich sehr machtbewussten und keineswegs pazifistischen Amerikas lebt gegenwärtig unter Neokonservativen und in der Christlichen Rechten weiter, wie Stöver deutlich aufzeigt.

Wenn die Freiheit der Völker von Tyrannen auf dem Spiel stand, dann gingen die USA stets voran, so der Historiker. Dabei ist der amerikanische Freiheitsbegriff zweischneidig. Denn bereits mit der Monroe-Doktrin von 1823 forderten die USA Hegemonie über die westliche Hemisphäre ein, womit bis ins 21. Jahrhundert eine selektive Interventionspraxis in souveränen Staaten Latein- und Mittelamerikas legitimiert wird. Eigentlich sehen die USA ihre Staatsgründung als Befreiung von den britischen, spanischen und französischen Kolonialherren. In dieser Tradition standen liberale politische Konzepte, wie zum Beispiel Woodrow Wilsons 14-Punkte-Programm und die Schaffung des Völkerbundes. Doch wenn es um globale Interessen ging, so Stöver, waren die USA besonders im Kalten Krieg jederzeit bereit, Allianzen mit Diktatoren einzugehen. Auch im Falle des „arabischen Frühlings“ setzen die USA auf den Sturz von Despoten, die sie bis vor kurzem noch gestützt haben. Ihre Motivationen sind dabei in den seltensten Fällen, entgegen entsprechender Rhetorik, rein idealistisch.

Kulturelle „soft power“

Auch die Entwicklung einer spezifischen US-Kultur und deren Bedeutung für die Identität des Landes kommen bei Stöver nicht zu kurz. In beeindruckender Weise stellt der Autor dar, wie viele amerikanische Persönlichkeiten sich schon frühzeitig der Wirkung von Massenmedien und Selbstdarstellungsprozeduren bewusst waren. So strickten Wild-West-Helden wie Wyatt Earp mit Hilfe von Fotografen und Zeitungsredakteuren schon zu Lebzeiten ihren Mythos, der dann durch das Filmgenre Mitte des 20. Jahrhunderts zur Legende ausgebaut wurde. Überhaupt zeigt Stöver die herausragende Rolle Hollywoods für die amerikanische „soft power“, welche die USA zu jener Nation machte, deren kulturelle Innovationen weltweit Bewunderung fanden.

Des Weiteren stellt der Autor dar, wie die USA durch das Einverleiben und die Variation indianischer oder schwarzafrikanischer Traditionen eine eigene Identität herstellten, die beispielsweise im Jazz, der Gospelmusik oder im Genre des Musicals sichtbar werde. So seien die USA in der Populärkultur, wie auch im Bereich von Architektur und Hochtechnologie, nach dem Zweiten Weltkrieg zu uneingeschränkten Trendsettern geworden.

Kritik an sozialpolitischen Entwicklungen

In Bezug auf die Sozialpolitik zeigt Stöver, dass in den USA keine größere sozialistische Bewegung Fuß fassen konnte, weil das Ethos „vom Tellerwäscher zum Millionär“ kollektiven Gleichheitskonzepten von vorne herein den Boden entzog. Die scharfen Debatten um die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung unter Barack Obama lassen sich nur mit dem eigentümlichen Liberalismusverständnis vieler Amerikaner erklären. Doch der Historiker verdeutlicht auch, dass es Phasen gab, in denen die USA unter dem Druck objektiver ökonomischer Verhältnisse zu einer Sozialdemokratisierung neigten – so unter Theodore Roosevelt mit seiner Anti-Trust-Gesetzgebung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zu Zeiten des New Deal unter Franklin D. Roosevelt und während Lyndon B. Johnsons „Great Society“-Ansatz. Die Reagan-Jahre und die beiden Amtszeiten George W. Bushs führten jedoch zu einer Rücknahme vieler sozialer Errungenschaften – eine Tatsache, die von Stöver durchaus kritisch gesehen wird.

Übersichtliche, detailreiche Darstellung

Der Historiker verfolgt klare Leitfäden in der Geschichte der Vereinigten Staaten, ohne auf wesentliche Details zu verzichten. Dabei fällt er unaufdringliche Urteile zu bestimmten Entwicklungen, macht sie jedoch auch verständlich. Im Gegensatz zu manchen selbstgerechten, offen anti-amerikanischen Abhandlungen ist hier eine große Kulturgeschichte gelungen, die für die breite Öffentlichkeit gut lesbar ist und die das Urteil über die USA letztlich dem Leser selbst überlässt.

Bernd Stöver: „United States of America – Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart“
C.H. Beck, München, 2012, 763 Seiten mit 84 Abbildungen
ISBN 978-3-406-63967-8, 29,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei bei C.H. Beck (Cover) und der Gerda Henkel Stiftung (Portrait).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

We, the people

Patient, heile dich selbst!

Von Kranken, Clinch und Brokkoli

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.