Das Gespenst, das man rief

Die Ökonomik überspielt ihr Scheitern am „Gespenst des Kapitals“, meint der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Sein Buch ist eine Generalabrechnung mit der Finanzökonomie. Von Markus Rackow

Das von großer Belesenheit zeugende Buch Gespenst des Kapitals des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl erscheint in der von ihm editierten Reihe minima oeconomica. Deren Titel spielt auf Adornos Minima Moralia an und deutet die Suche nach Freiheit in einer totalitären Welt an. Der Kapitalismus, dieser „weltweite soziale Großversuch“, sei ein fait social total, konstatiert Vogl.

Die Luftschlösser der Ökonomik

Vogl versucht die ökonomische Theorie durch einen Angriff auf ihre Fundamente zu entzaubern: „Die Möglichkeit ökonomischer Theorie hängt an der Unterstellung, dass ökonomische Dynamiken selbst gesetzmäßig verlaufende Prozessformen seien“.

Ebenso wie die Theodizee sei aber die in Anlehnung daran so bezeichnete Oikodizee gescheitert. Wie Leid und Katastrophen nicht mit dem Glauben an einen allmächtigen und gütigen Gott vereinbar sind, so ist die ewige Wiederkehr von Wachstumskrisen und Börsencrashs nicht mit der Annahme eines optimalen und effizienten Marktes vereinbar.

Die Ökonomik überführt der Autor ihrer Betriebsblindheit: Im Lauf ihrer Geschichte behauptete sie zunächst, der Markt würde die Eigeninteressen durch die „unsichtbare Hand“ ausgleichen, um später dem nicht minder illusionären Konzept des Wettbewerbs zu verfallen. Dabei übersah sie allzu gern, dass Wettbewerb stets politisches Produkt, also keineswegs naturwüchsig sei. Trotz dieser Gespensterhaftigkeit habe sich ökonomisches Wissen als Erkenntnis naturgesetzlicher Evidenz behauptet und im selben Zug „die wirtschaftlichen Tatsachen geschaffen […], mit deren Entzifferung es sich selbst konfrontiert.“ Daher sei es auch keine Ideologie, bestimme doch das Sein der Ökonomie das Bewusstsein der Ökonomik und umgekehrt.

Finanzkapitalismus – Band und Motor der Gesellschaft

Der Markt sei für die neoklassische Ökonomik der Ort sozialer Ordnung schlechthin gewesen und habe den fiktiven Gesellschaftsvertrag durch einen zivilisierten Naturzustand unterlaufen. Dies gelte umso mehr für die heutige Finanzökonomie, in der die Reproduktion von Finanzkapital „Modell für alle anderen ökonomischen, sozialen und kulturellen Formen der Reproduktion“ geworden sei – ein von Vogl mit Michel Foucault als „Bioökonomik“ bezeichneter Zustand. Neoliberale Politik ziele durch Aktivierung von Humankapital auf die Harmonisierung sozialer und ökonomischer Reproduktionsbedingungen.

Die Aristotelische Chrematistik, die sogenannte Erwerbskunst, die Geld aus Geld schafft, „[sprengt] das Format der Tauschgerechtigkeit, sie unterminiert die naturrechtliche Verankerung des Gemeinwesens“. Sie übergehe die spätestens seit Marx fragwürdige Tauschgerechtigkeit und gelte daher als eine monströse, natürliche wie künstliche Schöpfungsform. Vogl erhebt diese Erwerbskunst dort, wo sie zum „Maß gesellschaftlicher Vitalität geworden ist“, zum Definitionskriterium für eine kapitalistische Ökonomie, die ihre eigenen Reproduktionsbedingungen schafft. Ist das, was das antike Gemeinwesen zerrüttet habe, heute der letzte Anker des unsrigen?

„Weder Klassen noch Parteien, sondern nur das Band finanzieller Beteiligungen“ verbinde heute die Individuen. Wenn der Staat um seiner Integrität Willen für Schuldausfälle bürgen muss, kommt zwar das politische Primat zum Vorschein, die Politik jedoch scheint dem Gespenst, das es rief, ausgeliefert.

Ein postmodernes Schneeballsystem?

Als Geburtsstätte des Finanzkapitalismus sieht der Autor die Bank of England an, die „die räuberischen Akte eines räuberischen Königtums“ legalisieren sollte. Ende des 18. Jahrhunderts entband der Gesetzgeber sie dann von der Pflicht, ihr Kapital mit Realgeld zu decken. So löste sie den Staatsbankrott, um an ihm selbst zu profitieren, aber mit der Maßgabe, dass Ansprüche auf Bargeld von nun an nicht mehr realisiert werden konnten. Dadurch verschob sich „die repräsentative Kraft der Zeichen“ hin zur Fähigkeit, „durch Selbstreferenz Übertragungen zu leisten“. Die Zirkulationssphäre sei somit autonom geworden, bilanziert Vogl. Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973 habe sich eine solche „Krise der Repräsentation“ im globalen Maßstab wiederholt. Der Autor führt diese Prozesse als Basis postmoderner Theorien an. Ist der Finanzmarkt also auch der Ursprung der Postmoderne?

Der Finanzmarkt als „Markt der Märkte“ sei also ein alchemistisches Schneeballsystem, das aus Versprechen Gold erzeugt. Finanzkapital nimmt laut Vogl zukünftige Profite vorweg und verschulde sich durch Erwartungserwartungen. Der „Traum des Kapitals [ist] Vergessen“. Die Finanzökonomie lebe vom ewigen Aufschub, dem Aufhalten des Tags der Abrechnung.

Der nackte Zufall

Der Fluchtpunkt dieses Prozesses liege „in einer Zukunft nach der Zukunft“. Im Versicherungsfall komme es dann zum „Einbruch unbeherrschbarer Kontingenz“ der Zukunft oder besser: der selbst erzeugten, illusionären Zukunft. Der Finanzmarkt, so Vogls Kronzeuge, der Mathematiker Benoît Mandelbrot, sei ein turbulentes, aber „strukturiertes Chaos“. Der nackte Zufall lasse eine „Fortsetzung der Operationen oder einen Kollaps gleichermaßen möglich“ erscheinen.

Der Finanzkapitalismus verstrickt sich unter Missachtung aller Kassandrarufe in den Schuldzusammenhang, in dem viele bei vielen, aber alle bei der Zukunft in der Kreide stehen. Dies entspricht nach Walter Benjamin, den Vogl en passant zitiert, dem Kultischen, dem Mythos des Kapitalismus. Gibt es also keinen Ausweg aus dieser Verstrickung?

Hedgefonds und Finanzderivate sicherten Risiken des willkürlichen Finanzmarkts wiederum mit Risiken ab oder wetten auf künftige Geschäfte. „Die Spekulation“, so Vogl, „wird zum Normalfall finanzökonomischer Transaktion.“ Mit ihren Rechenmodellen wird die Finanzökonomik wie ihr klassisches Pendant „enacted theory“, die sich durch ihre Anwendung im Hochfrequenz-Börsenhandel zirkulär beweise, indem sie sich im Takt mit den Finanzmärkten adaptiere und ihren Takt mit angebe.

Bleibt dem Fatalismus zu frönen?

Es scheint, dass sich für Vogl implizit eine Reformmöglichkeit andeutet, um die Abhängigkeit vom Markt zu reduzieren: Durch eine Kritik ihrer Axiome soll der Geltungsanspruch der neoklassischen Ökonomik gebrochen werden, um sie politisch nutzbar zu machen. Vogls Buch mag hier eine Etappe von vielen sein. Eine Unstimmigkeit aber durchzieht das Büchlein: Der Autor changiert zwischen der Betrachtung von Markt und Kapital einerseits als „kondensierte soziale und politische Macht“, als „opaken und wilden Überraschungsraum, in den sich unsere Gesellschaften hineinfinanziert haben“, und andererseits der Beschreibung dieser Prozesse als selbststeuerndem Verhängnis.

Vogls Ansicht, „noch niemand – auch nicht der Kapitalismus – ist an seinen Widersprüchen zugrunde gegangen“, polemisiert gegen geschichtsphilosophische Grundfeste des Marxismus. Der Kapitalismus sei Resultat von Raubzügen, kein evolutionäres Produkt. So übergeht Vogl das Potential des Kapitalismus, eine andere Gesellschaftsform hervorzubringen. Nach der Lektüre des Buches dürfte der Leser jedoch geneigt sein, diesen Pessimismus zu teilen und imKommunismus nur noch das Gespenst zu sehen, das Karl Marx einst in Europa hat umgehen sehen.

 Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals
diaphanes, 224 Seiten
ISBN 978-3-03734-116-2, 14,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim diaphanes Verlag (Cover), Whatknot (Wand, Creative Commons), Digiart2001 | jason.kuffer (Schnee, Creative Commons)


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