Dafür sollten wir uns nichtverschulden müssen! – Teil 1

Weltweit brodelt es, Bürger gehen auf die Straße. In Chile will man sich die Ungerechtigkeiten des Bildungssystems nicht länger gefallen lassen. Nur wer zahlt, darf lernen – dagegen wehrt sich vor allem die Jugend mit aller Macht, auch mit der Macht der Neuen Medien. Öffentlichkeitswirksam werden die Proteste inszeniert. Wird die chilenische Regierung weiterhin mit Knüppeln auf Demonstranten einschlagen oder einlenken? Leonor Abujatum Berndt

Sicherlich wird 2011 weltweit als das Jahr der erstarkten sozialen Bewegungen ins kollektive Gedächtnis eingehen. Der arabische Frühling, der Volksaufstand in Tunesien, die spanischen Indignados, die Revolution in Ägypten, die Proteste in Israel, Kolumbien und Portugal sowie die Occupy-Bewegung in den USA zeugen von einem generellen Unmut, der in den unterschiedlichsten Kontexten die Menschen auf die Straßen treibt. Die Demonstranten einen die Forderungen nach mehr Demokratie und Chancengleichheit. Weltweit wurden die Wut und Empörung über die Entscheidungsträger und das neoliberale Wirtschaftssystem, welches die sozialen Ungleichheiten weiter vertieft, dezidiert zum Ausdruck gebracht. Die Frage, die sich angesichts dieses Protestgewitters stellt, ist, ob wir vor einer sich solidarisierenden internationalen Bewegung stehen, die auf Dauer systemrelevant werden könnte. Eindeutig festzustellen ist jedoch, dass die Regierungen der jeweiligen Länder repressiv auf die Proteste reagierten. Gemeinsam ist diesen Bewegungen, dass es sich um gesellschaftlich stark heterogene Gruppen handelt, die sich immer weiter politisieren und dazu tendieren, mit den traditionellen Protestarten zu brechen. Sie sind sowohl innovativ, kreativ als auch technologisiert und schaffen es, Aufmerksamkeit und Sympathie zu wecken. Zu diesen Protesten des Jahres 2011 gehört auch die chilenische Bildungsbewegung.

Die Jugend Chiles thematisierte zwar vorrangig das Problemfeld Bildung, jedoch wurden dadurch generelle Fragen aufgeworfen. Die jungen Chilenen sehen die formale Demokratie neoliberaler Ausprägung kritisch. Makroökonomisch betrachtet handelt es sich bei diesem Land im letzten Winkel der Weltkarte um ein auf regionaler Ebene kaum zu übertreffendes und international oft zitiertes Erfolgsmodell wirtschaftlicher Entwicklung. Jedoch geht die Schere zwischen Arm und Reich erschreckend weit und immer weiter auseinander. In der von der Militärdiktatur 1980 verabschiedeten Verfassung wurden die Weichen gestellt, um das neoliberale System flächendeckend und schockartig einzuführen. Nahezu alle Bereiche, darunter auch die Bildung, werden seitdem maßgeblich oder komplett vom Markt geregelt. Präsident Sebastián Piñera erinnert daran, dass „nichts im Leben umsonst ist“, und bezeichnet Bildung dementsprechend als „Konsumgut“. Als reine Ware ist diese zu einem Privileg zahlungskräftiger Konsumenten degradiert worden, wodurch soziale Mobilität und Chancengleichheit (fast) unerreichbar bleiben.

Wissen ist Macht, aber Geld ist Wissen

Die soziale Ausgrenzung wird laut UNESCO bereits im Kindesalter durch die dreiteilige Formel des Schulwesens zementiert: Wohlhabende haben Zugang zu einer qualitativ hochwertigen, privaten Schulbildung; Angehörige der Mittelschicht können sich in vom Staat subventionierten, halb privaten Einrichtungen mit Profitausrichtung nur Mittelmaß leisten und die Armen werden mit einer unwürdigen öffentlichen Schulbildung abserviert.

Da der Staat von den Gesamtkosten für öffentliche Hochschulausbildung nur 15 Prozent trägt, ist der zu zahlende Privatanteil der höchste weltweit. Dabei zählen die Studiengebühren Chiles, selbst die der euphemistisch sogenannten staatlichen Universitäten, mit durchschnittlich 350 Euro monatlich ebenso zu den
teuersten. Die Mittel- und Unterschicht kann sich die Studiengebühren einfach nicht leisten und Stipendien sind rar. Daher sind sie dazu gezwungen, Studienkredite mit Zinsen zwischen fünf und sieben Prozent aufzunehmen, die sie in der Regel zwölf Jahre lang abbezahlen – äußerst rentabel für die Banken.

Hinzukommt, dass trotz des Gesetzes, das den universitären Einrichtungen Bereicherung verbietet (die Idee war, dass die Einnahmen in Forschung, Lehre oder Ausstattung reinvestiert werden), das Hochschulsystem in der Praxis ein Geschäft geworden ist, worunter die Qualität vor allem privater Universitäten sehr stark leidet. Der chilenische Staat stellt die Freiheit der Unternehmer über das Recht des Volkes auf Bildung.

Lesen Sie den zweiten Teil hier.


Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.


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