Auch im Alter gut vernetzt

Facebook, Twitter und Co. gehören für die meisten jungen Menschen zum Alltag. Doch Social-Media-Angebote sind schon lange kein Privileg der Jugend mehr. Immer mehr Menschen der Altersgruppe „50 plus“ sind in den sozialen Netzwerken aktiv. Von Hayati Demirtas

Nina, Migrantin aus Kasachstan, ist vor kurzem 63 Jahre alt geworden. Ihr jüngster Sohn hat ihr seinen alten Laptop geschenkt. „Es hat sogar Internet“, verkündet Nina stolz. Anfangs war sie etwas ratlos, wie das genau funktioniert oder wofür man „dieses Internet“ benutzt, aber sie ist neugierig. Sie legt die Hände in den Schoß, blickt leicht verschämt und hilflos. „Ich weiß nicht, wie das geht“, sagt sie und ergänzt entschieden, dass sie es lernen möchte.

Nina ist nicht allein, so wie ihr geht es vielen der Altersgruppe „50 plus“. Das Internet und besonders Social-Media-Angebote, wie beispielsweise Facebook und Twitter, gehören mittlerweile für einen Großteil der Bevölkerung zum täglichen Leben. Nun erreichen sie auch die höheren Altersgruppen.

Demografische Entwicklungen

Das belegt die jüngste Studie des Branchenverbands für Information und Telekommunikation (BITKOM). Mittlerweile sind 60 Prozent der Nutzer zwischen 50 und 69 Jahren auf Social-Media-Plattformen angemeldet – Tendenz steigend. Im Jahr 2010 lag dieser Wert noch bei 17 Prozent. Diese Zahlen überraschen nicht, wenn man sich den Altersaufbau der Bevölkerung ansieht. Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. veröffentlichte in einer soziodemografischen Erhebung Daten, wonach 43,5 Prozent der Bevölkerung bereits 50 Jahre und älter sind.

Zur demografischen Lage und künftigen Entwicklung des Landes hat die Bundesregierung letztes Jahr einen Bericht vorgelegt. In diesem heißt es, dass bereits in den kommenden beiden Jahrzehnten der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung deutlich steigen wird. Die 65-Jährigen und Älteren werden im Jahr 2030 etwa 29 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Im Jahr 2060 wird dann jeder Dritte (34 Prozent) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben, und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

„Odnoklassniki“ – Die russische Antwort auf Facebook

Vor zwei Jahren erfuhr Nina von der populären russischen Social-Media-Plattform Odnoklassniki, das übersetzt etwa soviel bedeutet wie „Klassenkameraden“. Über 35 Millionen Menschen sind dort bereits registriert, alleine in Deutschland etwa zwei Millionen. Nina freut sich über dieses Angebot. „So kann ich russisch schreiben, weil mein Deutsch nicht gut ist“, erzählt sie. Ähnlich wie bei Facebook kann man dort Benutzerprofile erstellen, Fotos hochladen und an Themengruppen teilnehmen.

Die vielfältigen Angebote stoßen zunehmend auf das Interesse älterer Menschen. Neben den klassischen Anwendungen nutzt Nina die Seite auch zum Austausch von Kochrezepten und Tischdekorationen. Dies sei wichtig für eine gute Gastgeberin. Sie betont dieses Angebot, weil Nina großen Wert auf einen angemessenen Empfang ihrer Freunde und Familie legt, auch wenn sie seit Jahren kaum Gäste empfangen kann. Vor fünf Jahren ist Nina an Krebs erkrankt und seither körperlich sehr angeschlagen. Mit Ausnahme kleiner Ausflüge, wie z. B. notwendiger Einkäufe, verbringt sie viel Zeit zu Hause – oft alleine.

Die Gefahr der Isolation für ältere Menschen

„Manchmal bin ich einsam und möchte meine Freunde sprechen“, verrät Nina. Einige von ihnen leben noch in Kasachstan, doch die meisten sind in Deutschland. Ihr Mann arbeitet bei Pirelli, die beiden erwachsenen Söhne sind bereits vor Jahren ausgezogen. Sie selbst ist wegen ihrer Krebserkrankung Frührentnerin und empfindet den Kontakt über das Internet tröstlich und als sinnvollen Zeitvertreib.

Dieses Schicksal teilt Nina mit vielen Anderen. Unbehagen und Scheu vor der Technologie schirmen aber weiterhin viele Menschen in Ninas Alter vom gesellschaftlichen Leben im Internet ab.

Die Forschung hat die Problematik längst erkannt

Die Fraunhofer-Gesellschaft arbeitet derzeit an Anwendungen für ältere Menschen, welche die interaktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen sollen. Die Projekte SilverGame, spielebasierte Multimedia-Anwendungen für ältere Menschen, und SmartSenior, altersgerechte Assistenzsysteme, sollen helfen, die intuitive Bedienbarkeit zu fördern und Ängste abzubauen.

Nina gesteht, dass kleine Irrtümer im Umgang mit dem alten grau-bläulichen Laptop sie verunsichern. „Jetzt habe ich wieder die rechte und linke Maustaste verwechselt“, ruft Nina erbost. Sie beißt auf ihre Lippen und öffnet das versehentlich geschlossene Internetfenster erneut. Schnell übertüncht sie ihr Ärgernis und bietet süße Piroggen an, Teigtaschen, gefüllt mit Quark, Zucker und eingelegten Rosinen. Das Rezept dafür hat sie auf der Plattform „Odnoklassniki“ gefunden.


Die Bildrechte liegen bei Moma Propaganda und waren eine Werbekampagne für das MaxiMidia Seminar 2009.


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