Arguing over the Bomb – Zivilgesellschaft und nukleare Abrüstung Teil 1

Die (trans-)nationale Zivilgesellschaft spielt in der Entstehung, Festigung und Verbreitung von Normen, die den Besitz und die Handhabung von Nuklearwaffen betreffen, eine wichtige Rolle. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie – genauer, mit welchen Frames – zivilgesellschaftliche Akteure die Legitimität der Norm des Nichtbesitzes von Nuklearwaffen kommunizieren. Er konzentriert sich hierbei auf die gegenwärtige Welle des Aktivismus gegen Nuklearwaffen. Von Martin Senn

Der Einfluss, den Zivilgesellschaft auf die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse ausüben kann, hängt von drei Faktoren ab: von der Gelegenheitsstruktur als Summe von externen Möglichkeiten und Beschränkungen, von der internen Beschaffenheit der zivilgesellschaftlichen Netzwerke und Organisationen und schließlich von den Frames, durch die zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Anliegen vermitteln. Auf letztere konzentriert sich die folgenden Analyse. Ein Frame lässt sich grundsätzlich als „mentales Modell“ begreifen, durch das Akteure verstehen, in welcher Situation sie sich befinden und welche Handlungen in dieser Situation angemessen oder notwendig sind. Benford und Snow übersetzen die Aufgaben von Frames in eine Typologie, die zwischen diagnostischen, prognostischen und motivierenden Frames unterscheidet.

Erstere erklären die gegenwärtige Situation, also das Problem, mit dem sich eine zivilgesellschaftliche Gruppe konfrontiert sieht, während prognostische Frames Lösungen für das Problem aufzeigen. Mit dem Kommunizieren von Problemen und Lösungen ist es jedoch nicht getan, da sich ein geteiltes Problembewusstsein nicht notwendigerweise in aktives Engagement für eine Lösung übersetzt. Dieses – für die Zivilgesellschaft äußerst wichtige – Engagement soll durch die Verwendung von motivierenden Frames erreicht werden, mittels derer die Schwere und Dringlichkeit eines Problems dargestellt und vermittelt wird, dass ein Adressat zur Lösung dieses Problems beitragen kann und muss. Eine weitere Möglichkeit der Motivation liegt in „Ungerechtigkeits-Frames“, die durch die Identifikation eines als ungerecht gelabelten Zustandes und dafür verantwortliche Akteure zur Aktivität motivieren sollen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Frames einen Adressaten eher überzeugen, wenn sie von angesehenen oder charismatischen Personen befördert werden, mit den Werten und Handlungen der zivilgesellschaftlichen Gruppe sowie in sich konsistent sind und eine Verbindung zum bestehenden Wissen und dem alltäglichen Leben der Adressaten aufweisen.

Risiken des (z weiten) Nuklearzeitalters

Den Ausgangspunkt für die Frames der untersuchten zivilgesellschaftlichen Gruppen bildet ein Master-Frame, in dem festgestellt wird, dass sich die Menschheit an einem Kipp-Punkt (Tipping Point) beziehungsweise an der Schwelle zu einem zweiten Nuklearzeitalter befindet. Von diesem wird erwartet, dass die Zahl an (potenziellen) Nuklearwaffenstaaten weiter im Wachsen begriffen ist und in naher Zukunft sogar explosionsartig steigen könnte. In einer solchen Welt epidemischer Proliferation, so die Einschätzung weiter, würde nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines Nuklearwaffeneinsatzes steigen, sondern es würden sich vor allem auch für terroristische Akteure mehr Möglichkeiten bieten, sich Nuklearwaffen(-technologien) und spaltbares Material anzueignen. Das Szenario eines nuklearen Terroranschlages ist ein zweiter zentraler Faktor, der den problematischen Charakter des neuen nuklearen Zeitalters konstituiert. Die Schwere des Problems wird hierbei verdeutlicht, indem es als Bedrohung für die gesamte Menschheit oder zukünftige Generationen beschrieben wird. Dessen Urgenz wird durch Verwendung von Metaphern wie dem Countdown to Zero und dem Tipping Point zum Ausdruck gebracht. Diese versinnbildlichen sowohl die näherkommende Katastrophe als auch die ablaufende Zeit für (die Abschaffung von) Nuklearwaffen. Der Master-Frame folgt somit insgesamt dem etablierten Sicherheitsdiskurs, dessen Kernelemente die Identifikation einer existenziellen Bedrohung, eines sich schließenden Zeitfensters und einer Lösungsmöglichkeit bilden.

Unterhalb dieses Master-Frames lassen sich zwei Trends im diagnostischen Framing der Zivilgesellschaft identifizieren. Während sich das Framing der Eliten auf den Aspekt der Unsicherheit konzentriert, bedienen sich die untersuchten Kampagnen eines breiteren Spektrums an Frames, um die Illegitimität des Besitzes von Nuklearwaffen zu vermitteln. Der Unsicherheits-Frame besteht aus der Feststellung, dass Nuklearwaffen keinen Garanten, sondern vielmehr ein Risiko für die Sicherheit ihrer Besitzer darstellen. Als erste Begründung für diese Feststellung werden die Konsequenzen angeführt, die sich aus dem Besitz von Nuklearwaffen und der stagnierenden Reduktion bestehender Arsenale ergeben. Neben der Wirkung als Anreiz oder Vorwand für weitere Proliferation von Nuklearwaffen und dem Druck auf das Nichtverbreitungsregime, den bestehende Nukleararsenale ausüben, wird hierbei vor allem auf die Fehleranfälligkeit der Technologie und deren Kontrolle verwiesen. Durch das Aufzeigen der Möglichkeit beziehungsweise der Unausweichlichkeit eines Unfalls mit Nuklearwaffen werden diese vom ultimativen Garanten nationaler Sicherheit zu einem Risiko für den Besitzer stilisiert.

Im Gegensatz zu den bisher genannten Teilen des Unsicherheits-Frames, die von Eliten und Kampagnen verwendet werden, bleibt die Unsicherheit nuklearer Abschreckung als zweite Begründung lediglich eine Randerscheinung im Framing der Kampagnen, spielt aber eine zentrale Rolle im Framing der Eliten. Diese verweisen zunächst auf einen grundsätzlichen Widerspruch von Nuklearwaffen als Instrumente der Massenvernichtung und deren historischer Wirkung als Garant von Sicherheit und Stabilität und betonen, dass dieser Widerspruch einzig unter den spezifischen Bedingungen des Ost-West-Konfliktes aufgelöst werden konnte. Im Gegensatz zum überschaubaren Abschreckungsverhältnis zwischen Ost und West, in dem beide Seiten die Prinzipien nuklearer Abschreckung teilten und angesichts der dramatischen Konsequenzen eines Nuklearkrieges ein hohes Maß an Vorsicht walten ließen, werden für das neuen Nuklearzeitalter komplexere Verhältnisse zwischen einer Vielzahl von Akteuren erwartet, deren Willen und Fähigkeit zum verantwortlichen Umgang mit Nuklearwaffen als unsicher oder – im Fall terroristischer Akteure – als nicht existent angesehen werden. Der Feststellung, dass nukleare Abschreckung gegen terroristische Bedrohungen wirkungslos ist, wird hierbei besonderes Gewicht eingeräumt.

Lesen Sie den zweiten Teil hier.


Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.


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