„Streitet euch!“

Eine Podiumsdiskussion mit Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer und dem Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei Gregor Gysi – Thema: Protest. Resultat: Viel Show. Ein Veranstaltungsbericht von Gilda Sahebi

Wie verbringe ich meinen Samstagabend in Tübingen? Eigentlich muss ich lernen, es ist Prüfungszeit. Doch da fällt mein Blick auf ein Flugblatt, das eine Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Moderne Protestformen“ ankündigt – die Gäste? Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag und Jan Fleischhauer, Journalist und Redakteur beim Spiegel, außerdem die Tübinger Protestforscherin Jasmina Gherairi und ein Medienkoordinator von Attac, Mike Nagler.

Gysi und Fleischhauer – zwei Zeitgenossen, die sicher viel über Protest zu berichten haben! Der eine protestiert im Bundestag geradezu mit körperlicher Verve, so dass er nach seinen Reden stets aussieht, als sei er soeben einen Marathon gelaufen. Der andere protestiert lauthals durch seinen schwarzen Kanal. Meine Entscheidung ist getroffen. Mal schauen, was es über Protest und Rhetorik zu lernen gibt.

Protest oder Streit?

Der Hörsaal – die Podiumsdiskussion wird vom Rhetorikseminar der Universität Tübingen ausgerichtet – ist bis auf den letzten Platz besetzt. Jungs in weiten bunten Stoffhosen, Frauen mit Dreadlocks und junge Herren in Poloshirts sitzen nebeneinander und schauen gespannt nach vorne.

Ein Blick in den Saal lässt vermuten: Vorteil Gysi. Ich befinde mich eben in Tübingen. Es wird eine Eröffnungsrede gehalten, die mit einem lauten „Streitet euch!“ beendet wird, gefolgt von einem mit Begeisterungsrufen durchsetzten Applaus. Ich bin angesichts des Jubels etwas verwundert, da es doch um Protestformen und nicht um Streit gehen soll – aber Streit kann ja durchaus konstruktiv sein.

Der Attac-Vertreter ist aufgrund einer Verspätung der Bahn noch nicht anwesend, die junge Wissenschaftlerin sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen ganz vorne auf ihrer Stuhlkante und sieht aus, als könne sie es kaum erwarten anzufangen. Gysi sieht mit seinem braunen Anzug mit Krawatte etwas altbacken aus und hat, schon bevor es losgeht, einen hochroten Kopf, was wahrscheinlich eher seiner körperlichen Konstitution als seinem Gemütszustand geschuldet ist. Fleischhauer trägt ein hellblaues Hemd, die obersten Knöpfe lässig offen, dunkelblaues Jackett und die Augenbrauen über seiner runden Brille sind weit nach oben gezogen.

Von Piraten und alten Kommunisten

Der Moderator, Dr. Olaf Kramer, Dozent für Rhetorik an der Uni Tübingen, eröffnet nach einigen einleitenden Worten das erste große Thema des Abends: Die Piratenpartei. Sehr interessant, immerhin konnte sich zeitweilig jeder zehnte Bundesbürger vorstellen, eine Partei zu wählen, die, nun ja, kein politisches Programm hat. Wenn das mal kein Ausdruck von Protest ist! Gysi erklärt, warum er denkt, dass die Piraten auf lange Sicht nicht bestehen werden: „Sie gehen sicher den normalen Weg, und dann hat sich’s auch wieder erledigt.“

Fleischhauer wundert sich daraufhin, dass Gysi als „alter Kommunist“ doch viel mehr Verständnis für eine Partei wie die der Piraten aufbringen müsste. Gysis Replik – „Wie kommen Sie darauf, dass ich alt bin?“ – sorgt für umfassende Erheiterung. Fleischhauer verzieht keine Miene und fährt, die Augenbrauen noch immer nach oben gezogen, fort.

Mit was er fortfährt, habe ich recht schnell wieder vergessen, aber vielleicht hat ja Gysi noch etwas Interessantes zu den Piraten zu sagen. – Oh, doch nicht direkt zu den Piraten. Denn bevor Gysi nochmal etwas zu den Piraten sagt, möchte er dem Publikum zunächst den Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Politiker erklären. Der Journalist bewerte eben nur und meine, es sei wichtig, den Politiker gleich zu Beginn einer solchen Diskussion zu diskreditieren („alter Kommunist“) – er als „Po-li-ti-ker“ aber würde Fleischhauer nie bewerten, deswegen sei er, Gysi, fairer. Klar.

Nun gut, das mag vielleicht keine unmittelbare Relevanz für die Frage nach den Piraten haben, aber der Saal tobt geradezu. Es bleibt ja noch genug Zeit, um über Protest zu reden.

Links, Rechts und Sahra Wagenknecht

Die junge Protestforscherin, Frau Gherairi, meldet sich zu Wort und versucht, den wissenschaftlichen Aspekt des Aufstiegs der Piraten zu beleuchten. Allerdings ist es nicht besonders leicht, ihr zu folgen, da sie sehr schnell redet. Fast scheint es, als wolle sie so viele Fakten wie möglich unterbringen, bevor dem Publikum angesichts all dieser Informationen langweilig wird. Und tatsächlich – das Gemurmel im Publikum wird lauter. Und Frau Gherairi noch schneller. Mein Versuch, akustisch zu verstehen, was sie sagt, und die Information gleichzeitig zu verarbeiten, schlägt leider fehl. Sie scheint – wie Platon in seiner Kritik an der Rhetorik – dem Irrglauben anzuhängen, dass Rhetorik der Wahrheitsfindung diene und nicht der Begeisterung der Massen.

Gysi ist schon wieder an der Reihe und schimpft über SPD, Agenda 2010, Hartz IV und Afghanistan. Er erntet lauten Applaus und einige Occupy-Agree-Handzeichen. Fleischhauer spielt derweil mit einem Stück Kreide und hat die Augenbrauen noch immer weit nach oben gezogen, so als würde er sich fragen, warum er sich diesen linken Haufen überhaupt zumutet. Der Moderator wirft ab und zu interessante Fragen ein, die allerdings meist unbeantwortet bleiben. Eine letzte Erkenntnis zu den Piraten kommt von Herrn Fleischhauer: Sahra Wagenknecht sei in Gysis zerfallender Partei Die Linke die Einzige, die „über intellektuelle Kapazitäten“ verfüge.

Als nächstes geht es um die Kategorien von Rechts und Links und deren Beziehung zu Protestbewegungen. Fleischhauer legt dar, dass alle Protestbewegungen nun einmal links seien, und dass sich die Linken in dieser Hinsicht leider gar nicht allzu sehr von der extremen Rechten unterscheiden würden, da dieselben antikapitalistischen Einstellungen auch dort zu finden seien. Beide gleich doof sozusagen. Ob er das wirklich so sieht oder nicht sei dahingestellt, jedenfalls macht es ihm sichtlich Spaß, das gesamte Publikum gegen sich aufzubringen. Die Medienschelte von Seiten des zu spät gekommenen Attac-Sprechers Mike Nagler – Stichwort öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung – wird denn auch mit freudigem Applaus honoriert. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass nicht mehr allzu viel Zeit bleibt, um Erkenntnisse über moderne Protestformen zu gewinnen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

„Friss Atommüll!“

Bald erfahre ich, dass Herr Wowereit die Flugrouten des neuen Berliner Flughafens aus Boshaftigkeit über das Haus von Herrn Döpfner geleitet habe (Fleischhauer), und dass Franzosen protestfreudiger seien als Deutsche (Gysi). Außerdem weiß ich nun, dass Protest, bei dem „Scheiben eingeschlagen werden“, mehr bringe, als wenn man nur redet (Nagler), und dass ein im Publikum hoch gehaltener bunter Regenschirm auch eine Art von Protest sei (Gherairi).

Herr Kramer bricht schließlich die Diskussion ab, um das letzte Thema des Abends zu besprechen: Die „Arabellion“. Dies erweist sich allerdings als Mission Impossible (nicht, dass der Arme es nicht immer wieder versuchen würde), da die Diskutanten seine Fragen schlicht ignorieren. Zum Schluss fallen noch einige Schlagworte wie „Kapitalismus ist doof“, „Verstaatlichung von Banken“, „Lidl-Verkäuferin“, „Banken-Zocker“, und man erfährt von Fleischhauer, dass er in Kommentaren zu seiner Kolumne schon mal aufgefordert wird: „Fleischhauer, friss Atommüll, Arschloch“.

Etwas erschlagen von all den Nicht-Informationen gehe ich in dieser lauen Sommernacht nach Hause und versuche den unangenehmen Gedanken zu unterdrücken, dass eine ernsthafte politische Auseinandersetzung vielleicht gar nicht erwünscht ist. Politik soll Unterhaltung sein. Ich wünschte, ich wäre bei meinen Büchern geblieben.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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