Wladiwostok – die verbotene Stadt

Nur die Wenigsten in Europa können sich etwas unter dem „Fernen Osten“ Russlands vorstellen. Der Gefangene Forell aus dem Roman „Soweit die Füße tragen“ entfloh diesem mit den Worten „So schön kann die Hölle sein“. Von Felix Riefer

9288 Kilometer von Moskau entfernt liegt die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn in Wladiwostok. „Beherrsche den Osten“ so die im Namen anvertraute Aufgabe der 1860 als Marinevorposten gegründeten Stadt am Pazifik. Die Anlehnung an Wladikawkas „Beherrsche den Kaukasus“ den man bis heute nicht als beherrschbar bezeichnen kann, soll kein gutes Omen verheißen. Die sogenannten Asiatischen Tigerstaaten machen der wirtschaftlich von Moskau vernachlässigten Region enormen Druck. Beherrscht wird hier der Markt von den Russen schon lange nicht mehr. Am markantesten vor Augen geführt durch die Gebrauchtwagen, die das Verkehrsbild dominieren. Diese lassen den auch in Russland üblichen Rechtsverkehr für den westlichen Reisenden irritierend erscheinen, denn die meisten Fahrzeuge sind Gebrauchtwagen aus dem benachbarten Japan und haben daher ihre Fahrerseite rechts.

Ein Stück Europa in Asien

Angekommen in der zur Sowjetzeiten verbotenen Stadt wird der Reisende schon beim Verlassen des Bahnhofs von einer Lenin-Statue begrüßt. Diese geht jedoch im lauten Getobe des Rynoks (Markt) direkt auf dem Bahnhofsvorplatz der gegenüberliegenden Straßenseite völlig unter und wird nur noch von den Touristen bemerkt. Die Einheimischen würdigen den einstigen Revolutionshelden nicht eines Blickes. Es scheint als fehle es den Russen an Echtzeithelden um dem inflationären Gebrauch des Iljitsch-Monumentes in ganz Russland – wie Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin hier humorvoll genannt wird – entgegenzuwirken. Nichts deutet darauf hin, dass es noch vor 25 Jahren nur unter enormen Aufwand möglich war – insbesondere für Ausländer – diese Produktionsstätte von U-Boten und Kriegsschiffen, sowie den Hauptstützpunkt der russischen Pazifikflotte, bereisen zu dürfen.

Dem, den Russen oft ­ zu Recht ­ vorgeworfene, „notorisch unterentwickelten Dienstleitungssektor“ wird in Wladiwostok standhaft Paroli geboten. Nahezu auf jeder Straße und in jeder scheinbar noch so unbegehbaren Ecke finden sich Cafés, Bars und Restaurants, so dass man auch um sieben Uhr morgens in einem „Narodnij“ Café, einem für das Volk, frühstücken kann.

Ein Café „für das Volk“

Hier im westlich-amerikanisch anmutenden Ambiente wird auch deutlich warum es diesen Namen erhalten hat. Zum einen sind die Preise der angebotenen Speisen durchaus entgegenkommend und zum anderen schmücken hier zahlreiche sowjetische Ikonen in Form von realen Personen, wie dem Kosmonauten Jurij Gagarin, oder Symbolen, wie dem berühmten Hammer-und-Sichel-Emblem, aber auch in Form einer riesigen Karte der ehemaligen Sowjetunion, bei der die westlichen und südlichen Republiken von der RSFSR abgespalten sind, jede weiße Fläche des Lokals.

Doch die Straßen Wladiwostoks haben bei Weitem nicht nur Fastfood als neuentstandene Dienstleistung zu bieten, auch Schönheitssalons, Fotografen, Handwerker aller Art, Reisebüros, Rechtsberatung oder Firmenstandorte (wie der eines großen Logistikunternehmens) bereichern hier die Angebotslandschaft, die sich in Russland nach wie vor noch nicht überall vollends entfalten konnte.

„Gastarbeitery“ und „die Gelben“

Es tut sich was im Fernen Osten Russlands! Noch vor wenigen Jahren konstatierte Peter Scholl-Latour Perspektiv- und Trostlosigkeit für Wladiwostok. Doch die nach offiziellen Angaben 15 Milliarden US-Dollar, welche in die Entwicklung des Fernöstlichen Föderalen Bezirks investiert werden sollen, scheinen zumindest in Wladiwostok erste Zeichen einer Modernisierung hervorzurufen. Dem nüchternen Beobachter bleibt jedoch lediglich die Hoffnung, dass ein nicht allzu großer Teil dieser Summe im Korruptionssumpf versinkt und tatsächlich die Projekte erreicht. In der lokalen Presse sickern hin und wieder Meldungen durch, die von einer unregelmäßigen oder gar keiner Vergütung der, zumeist illegal, arbeitenden Migranten aus Zentral Asien berichten. Es soll sogar ein Anschlag aus Protest auf eine der Brücken geplant worden sein. Das Wort „Gastarbeiter“ wird in Russland erst seit den frühen 1990er Jahren für die aus dem Kaukasus und Zentral Asien kommenden Menschen verwendet, die zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen und für einen Hungerlohn auf den Baustellen im ganzen Land arbeiten.

Die so oft diskutierte „Überflutung durch die Gelben“ lässt sich nicht bestätigen. Auf den Straßen Wladiwostoks arbeiten zwar hin und wieder Menschen, die man auf den ersten Blick den Han-Chinesen zuordnen würde, jedoch sind auch hier im Fernen Osten die Arbeitskräfte meist südländischen Typs. Im Gespräch mit einem einheimischen „Businessman(wie man Geschäftsleute hier gerne nennt) , der mehrere Modeboutiquen besitzt, läst sich eine leichte Resignation bemerken, denn eines seiner Kinder ist mit einem chinesischen Staatsbürger verheiratet, jedoch mehr als eine befristete Aufenthaltserlaubnis sei nicht zu bekommen. Insgesamt sollen es Chinesen hier sehr schwer haben legal im Land zu bleiben. Er selbst ist ein Russe koreanischer Abstammung. Seine Familie ist noch vor dem Zweiten Weltkrieg nach Chabarowsk, der Hauptstadt des Fernen Ostens, gezogen und habe keine Schwierigkeiten aufgrund seiner Abstammung.

APEC Summit 2012

Wladiwostok bereitet sich zur Zeit auf den für das kommende Jahr geplanten Gipfel der Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) vor. Dieser soll auf der Insel Russki stattfinden. Für die Russländische Föderation bedeutet dieser Gipfel viel. Man möchte sich von einer Seite zeigen, die nicht den Erwartungen der Weltöffentlichkeit über das russische Hinterland entspricht. Und tatsächlich wird die ehemals verbotene Stadt zum Schauplatz eines in der Zukunft immer bedeutsameren Gipfels werden. Den Asiatischen Tigerstaaten wird die kommende Epoche zugerechnet. Die Chance dem anderen Kopf des Janus jetzt mehr Bedeutung zu verleihen, sollte von der Regierung in Moskau nicht ungenutzt bleiben. Die New York Times spöttelt über die sich im Bau befindende Brücke zur Russki Insel „der Kreml baut seine eigene Brücke nach Nirgendwo“ und möchte damit auf die Urwaldbrücke über den Whanganui River in Neuseeland anspielen, welche real ins Nichts führt. Tatsächlich soll aber eben jener Summit auf dieser Insel stattfinden und nicht nur die zahlreichen neuentstandenen und entstehenden Unterhaltungs- und Tourismusanlagen, sowie die sanierte und modernisierte Innenstadt vorgeführt werden. Eine zweite Schrägseilbrücke, welche die zwei Uferseiten des Goldenen Horns miteinander verbinden soll, befindet sich zur Zeit ebenfalls im Bau. Des Weiteren investiert der russische Staat stark in den Ausbau der Wladiwostoker Universität sowie in den Ausbau des Wladiwostoker International Airports. Dieser soll seinen Passagiertransfer von derzeit rund einer Million auf fünf Millionen pro Jahr erhöhen.


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