Wider der transgenialen Zähmung

Ende Juni 2011 wurde es wieder bunt, laut und politisch in Kreuzberg. Unter dem Motto „Queer ist nicht zählbar, nicht zähmbar“ bot der diesjährige Transgeniale CSD queer-feministischen Aktionsbündnissen die Bühne und einen wilden Mix aus politischen Statements und musikalischen Performances. Ein Veranstaltungsbericht von Giuseppina Lettieri

17 Uhr, Heinrichplatz/Kreuzberg: Noch ist es verhältnismäßig ruhig und leer am Berliner Heinrichplatz, eigentlich sogar in ganz Kreuzberg. Lediglich vereinzelt finden sich Menschen ein. Nur das große Polizeiaufgebot rund um den Platz lässt vermuten, dass sich hier in Kürze ein wummernder Demonstrationszug seinen Weg nach Kreuzberg bahnen wird.

Unter dem Motto „Queer ist nicht zählbar, nicht zähmbar“ versammelt sich auf dem Transgenialen CSD erfahrungsgemäß eine Mischung aus wild geschminkten und phantasievoll gekleideten Menschen, die Geschlechtergrenzen und Rollenzuschreibungen zwischen Mann und Frau verwischen lassen. Bei dieser Demonstration protestieren Männer auf Stöckelschuhen und Frauen mit aufgemalten Schnurrbärten und fordern lauthals ihre Rechte ein, unabhängig der Kategorien: schwul, lesbisch, bi-, trans- oder intersexuell. Von den Wagen prasseln dabei unentwegt dröhnende Technobeats auf die tanzende Menge ein.

Smash Homophobia! Against all Borders

Für das nötige Salz in der Suppe sorgt die politische Färbung der transgenialen Parade, die sich bewusst vom CSD in Berlin Mitte abgrenzen will, der zur gleichen Zeit unter dem Motto „Fairplay für Vielfalt“ seine Kreise zieht. Als Gegenentwurf zum offiziellen, gänzlich kommerzialisierten großen Bruder, setzt das transgeniale Pendant auf politische Aufklärungsarbeit gegen den glattgebürsteten Eventbetrieb, so jedenfalls der Anspruch.

Die Forderungen aus der Menge sind nicht neu, aber immer noch aktuell. Neben der öffentlichen Sichtbarmachung der sexuellen Vielfalt in der Gesellschaft geht es um den globalen Kampf gegen Homophobie, Sexismus und Diskriminierung jedweder Art durch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Dabei wird die Fahne eines solidarischen Miteinanders innerhalb der internationalen queeren Community besonders hoch gehalten.

Die Aussagen auf den Plakaten und Transparenten sind so vielfältig und farbenfroh wie die Leute, die sie in die Höhe halten. Dort liest man Aussagen wie „Mehr als Frau oder Mann“, „Gegen Rollenzwänge, Ausbeutung und Sexismus“ und immer wieder „Smash Homophobia“ und „Queers against Borders“.

Von New York nach Berlin – ein internationaler Zug

Beide Berliner CSDs gedenken mit ihrer Demonstration dem Stonewall-Aufstand von 1969 in New York. Dort kam es im Stonewall Inn in der Christopher Street zu einer tagelangen Straßenschlacht zwischen der Polizei und einer Gruppe Homosexueller. Zum ersten Mal in der Geschichte der Schwulen- und Lesbenbewegung wurde damit gegen die wachsende Polizeiwillkür und Diskriminierung von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten aufbegehrt. Dieser Aufstand ist lange her und mittlerweile gibt es in vielen europäischen und deutschen Großstädten wie Köln, München, Hamburg oder Stuttgart einen Christopher Street Day.

Die Ratten haben sich vermehrt

Als einer der Geburtshelfer des Transgenialen CSD fungierte 1997 der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus Klaus-Rüdiger Landowsky: „Es ist nun einmal so, dass dort wo Müll ist, Ratten sind, und dass dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist. Das muss in dieser Stadt beseitigt werden“. Mit dieser Aussage provozierte er den Protest vieler Schwuler und Lesben, die daraufhin mit einem Rattenwagen am großen CSD teilnahmen.

Auf dem Rattenwagen wurde symbolisch im Dreck gewühlt und auch die Teilnehmer wurden mit Dreck beworfen. Als die Polizei versuchte, den Wagen zu beschlagnahmen, meldete die Demo-Leitung den Wagen von der Demonstration ab. Aus Protest zog der Rattenwagen, mit sich solidarisierenden Teilnehmern, als Spontandemo nach Kreuzberg. In den Folgejahren erwuchs aus dieser spontanen Aktion die jährliche Organisation des Transgenialen CSD, der sich seitdem als fester Bestandteil in der queeren Community Berlins etabliert hat. Das Grau der ersten Jahre ist allerdings dem grellen Pink gewichen. Und statt mit Dreck wird mit Konfetti und politischen Statements um sich geworfen.

Beschwörung des politischen Geistes

18 Uhr, Kottbusser Tor/Kreuzberg: Der Demonstrationszug ist in Kreuzberg angekommen. Eine Elektropopband versucht beim Zwischenstopp am Kottbusser Tor, die leicht erschöpft wirkende Menge bei Laune zu halten. Immer mehr Anwohner recken ihre Köpfe aus den Fenstern, als der Zug die engen Straßen in Richtung Heinrichplatz passiert. Sie schauen entweder neugierig ob des Schauspiels, das sich ihnen auf der Straße bietet, oder fühlen sich spontan animiert, ihre Fenster zu öffnen und zu tanzen.

Um 19 Uhr beginnt die Abschlusskundgebung am Heinrichplatz. Die Geschichte des Christopher Street Day wird verlesen und bildet den Bogen zu der daraus erfolgten transgenialen Emanzipation. In den Redebeiträgen melden sich hauptsächlich queer-feministische Aktionsgruppen zu Wort. Den Anfang macht Saideh Saadat-Lendle von LesMigraS, die vor allem gesellschaftskritische Punkte anprangert. Sie thematisiert die Mehrfachdiskriminierung von lesbischen Migrantinnen in der Gesellschaft und im Speziellen die Gleichgültigkeit diesbezüglich in der eigenen Community: „Neben Partystimmung und Suff ist es wichtig, den politischen Geist des Transgenialen CSD wachzurufen“.

Danach berichten Aktivistinnen von Women in Exile von den Lebensbedingungen von Asylbewerberinnen in Sammellagern. Deren Situation ist geprägt von der ständigen Angst vor der Abschiebung, der fehlenden Privatsphäre und der Ohnmacht gegenüber sexuellen Übergriffen des Dienstpersonals. Die Stimmung in der Traube vor der Bühne lässt sich davon wenig irritieren und ist ausgelassen, trotz dieser kritischen Aspekte. Ganz nach dem Motto: Gesellschaftspolitisches gerne, aber bitte mit einer angemessen Portion Spaß. Es scheint fast so, als ob die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Organisatoren des Transgenialen CSD nur noch wenig mit dem korrespondiert, was sich dessen Publikum wünscht.

Zwischen Aufklärungsarbeit und Partystimmung

Für die durchgehend gute Stimmung auf der Abschlussveranstaltung sorgen nicht zuletzt die vielen Partytouristen, die nicht nur in steigender Zahl die Trendbezirke Neukölln und Kreuzberg bevölkern, sondern auch dieser Veranstaltung ihren Stempel aufdrücken. Hedonistisch und vor allem unpolitisch präsentiert sich dieses feierlustige babylonische Potpourri verschiedenster Nationen und zähmt damit den transgenialen politischen Geist wieder. Das ist ärgerlich und schade zugleich, wird dadurch doch jede tiefergehende Diskussion über Gesagtes und Gehörtes im Keim erstickt und zudem durch die in den Startlöchern stehende Musikperformance übertüncht.

Am Ende des Tages bleibt ein fader Beigeschmack zurück. Bunt und laut war es auf jeden Fall, aber eine tiefergehende politische Grundierung hätte dem farbenfrohen Treiben sicher nicht geschadet. Noch ist er nicht in die Jahre gekommen, doch die üblichen Verschleißerscheinungen einer politischen Demonstration machen auch vor dem Transgenialen CSD nicht halt. Das Image Berlins als hippe Trend- und Partymetropole tut ihr Übriges dazu. Da bleibt nur zu hoffen, dass das transgeniale Treiben auf lange Sicht nicht dasselbe Schicksal ereilt wie die Loveparade in Berlin.


Die Bildrechte liegen bei Saskia Vinueza (Bild 1) und PM_Cheung (Bild 2, 3 und 4).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Wo das Maß versagt

Wider die Heuchelei

Schokolade und Rassismus

Ein Kommentar auf “Wider der transgenialen Zähmung

Schreibe einen Kommentar zu hannah illgner Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.