Was ist Wachstum – und wenn ja, wie viel?

Wie wirkt Wachstum auf den Endorphinspiegel und wie hoch ist das Fieber der Gesellschaft? Darüber rätselte ein Podium der BMW Stiftung zum Thema „Was ist Wachstum?“ in München. Ein Veranstaltungsbericht von Torsten Müller

Es war ein goldener Tag für BMW. 3,2 Milliarden Euro Gewinn, einen fast 1,6-fachen Bonus-Monatslohn für jeden Mitarbeiter sowie eine Rekord-Dividende für das Jahr 2010 konnte der Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer auf der Aktionärsversammlung verkünden. Es war das beste Umsatzjahr in der Unternehmensgeschichte. Ein willkommener Rahmen, um selbentags über das Thema „Was ist Wachstum?“ zu debattieren.

Dazu hatte die BMW Stiftung Herbert Quandt am 12. Mai 2011 in die BMW Welt geladen. Auf dem Podium saßen der ehemalige Deutschland-Chef von McKinsey, Jürgen Kluge; Stephanie Czerny, Chefin der Digital Life Design-Konferenzen des Hubert Burda Verlages; der Philosoph Peter Sloterdijk und Johannes Weber vom Social Venture Fund München. Einen gemeinsamen Nenner zwischen den Gästen suchte die Moderatorin Julitta Münch zu finden.

Deutschland im Fieber

Ziel der Veranstaltung war es, „Wachstum“ zu definieren und zu erörtern, wie man es messen kann. Auch sollte danach gefragt werden, ob Wachstum nachhaltig und sozial sein kann. Die Schlagworte „Bruttonationalglück“, „Postwachstumsökonomie“ und „Öko-Kapitalismus“ fielen zwar nicht, aber sie waren der Nährboden für die Debatte. Die französischen Streitschriften Der kommende Aufstand eines anonymen Autors sowie der Essay Empört euch! von Stéphane Hessel dürften den Anstoß zu dieser Veranstaltung gegeben haben.

Es überraschte daher nicht, dass die Diskussion von Beginn an moralisch aufgeladen war. Wachstum wurde mit „Wohlstand“ und „Wohlergehen“ gleichgesetzt. Von dieser Normativität und Strukturlosigkeit kam die letztlich wirtschaftsethische Debatte nicht mehr los. Die Kategorien wurden wild durchmischt und Frau Münch führte zwar souverän durch den Abend, doch vermochte sie nicht, für klare Gesprächslinien zu sorgen. In diesem Moralisieren spiegelte sich die gegenwärtige deutsche Politkultur wider. Niklas Luhmann hätte dies als Anzeichen für eine Gesellschaft im Fieber gedeutet: Ethik soll vor Moral warnen, nicht predigen.

Digital ist besser?

Frau Czerny definierte Wachstum quantitativ als Vermehrung und qualitativ als Innovation. Wachstum könne man jeden Tag im Internet sehen. Nach Radio und Fernsehen sei dies das mit Abstand am schnellsten wachsende Medium der Geschichte. Man müsse nur alles vernetzen und dann entstünde Innovation und somit Wohlstand wie von allein. Diese oft kolportierte Legende von der explosionsartigen Verbreitung des Internets hält einer genaueren Betrachtung allerdings nicht stand. Stellt man das Bevölkerungswachstum in Rechnung und wählt einen repräsentativen Untersuchungszeitraum, so erreichten die Medien nach 10 Jahren jeweils 17 Millionen (Fernsehen), 16 Millionen (Radio) und 6,1 Millionen (Internet) Nutzer. Das entspricht einer relativen Verbreitung von 30 (Internet), 45 (Radio) und 50 Prozent (Fernsehen) in der Bevölkerung nach jeweils 10 Jahren.

Dass Social Media eine genuin neue Innovationsvielfalt und -qualität ermöglicht, ist trotzdem korrekt. Mit der Khan Academy brachte Frau Czerny letztlich auch noch ein treffendes Beispiel für gelungenes Wachstum. Einen besseren Einblick in die quantitative und vor allem qualitative Bedeutung des Internets für das Wachstum der Zukunft sowie zahlreiche Beispiele bekommt man jedoch im wohl intelligentesten Internet-Buch des letzten Jahres: Cognitive Surplus von Clay Shirky.

Oh, du heiliger Sankt Martin

Peter Sloterdijk trat an, um tiefer in die Thematik einzudringen. Wachstum habe eine positive biologische Konnotation, die aus über 5000 Jahren moderner Agromentalität resultiere. „Wachstum“ impliziere „werden“, was durch das griechische „energon“ zum deutschen „Energie“ wurde. Im späten 17. Jahrhundert sei mit dem physikalistischen Kohlezeitalter der heutige Energiebegriff, sowie das kapitalistisch-industrielle Wirtschaftssystem entstanden. Es sei also sinnlos, nach wie vor von „Wachstum“ zu sprechen, wenn man einen ökonomischen Mehrwert beschreiben möchte. Sloterdijk schlug stattdessen vor, von „Verbesserung“ zu sprechen. Was damit gewonnen wäre, wurde zwar nicht ganz deutlich, aber es war eine schöne Lehrstunde in Sachen Sprachphilosophie.

Dass ein biologistischer Wachstumsbegriff allerdings durchaus ein guter Indikator für eine qualitative Verbesserung sein kann, beweisen die anthropometrischen Forschungen von John Komlos. Demnach haben wohlhabende Nationen mit einer homogenen Einkommensverteilung die größten Bewohner – Rekordhalter sind mit 185 cm im Durchschnitt die männlichen Holländer, ebenso die Holländerinnen mit 173 cm.

Sloterdijk stilisierte schließlich den reichen Erben, der sein Geld verprasst, zum Ideal des Wirtschaftens. Es sei moralischer, stilvoll zu verarmen, als sein Kapital zu mehren. Man kann nur hoffen, dass dies als kabarettistische Spitze gemeint war, die zum Denken anregen und eigentlich das Gegenteil implizieren sollte. Wäre dieser Ratschlag aber ernst gemeint, würde sich wohl selbst der heilige Sankt Martin im Grabe umdrehen. Ist Verschwenden etwa solidarischer als Teilen?

Rationaler Optimismus

Ein positiveres Bild vom Wachstum zeichnete Jürgen Kluge. Er wollte neutral an das Thema herangehen, was er aber nicht immer durchhielt. Ist eine Aussage wie „Kein Wachstum bedeutet Wohlstandsverlust“ wirklich wertfrei? Für Kluge stellt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach wie vor die beste Messgröße für Wachstum und Wohlstand dar.

Zur Messung des quantitativen Wirtschaftswachstums ist es sicherlich das beste Instrument. Das BIP misst, wie viel produziert und verdient wird, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickelt und es hilft bei der Gestaltung der Zinspolitik. Es korreliert mit Wohlstand, doch nur bis zu einem gewissen Grad. Durch das Easterlin-Paradox wurde deutlich, dass finanzieller Wachstum nur bedingt das Wohlbefinden steigert. Heißt Nullwachstum also nicht zwingend Wohlstandsverlust?

Kluge bezeichnete sich in Anlehnung an ein Buch von Matt Ridley als rationalen Optimisten. Die Geschichte zeige, dass wirtschaftliches Wachstum stattfinde. Die Fähigkeit des Menschen, Wissen weiterzugeben und zu mehren, sowie die Marktwirtschaft, welche diesen Prozess beschleunige, seien die Gesetze des Wachstums. Somit könnten adaptive Lösungen für die offenen Fragen der Zukunft immer gefunden werden. Ob es für die anstehenden Probleme wie den Klimawandel eine technologische Lösung gibt, oder ob wir doch unseren Lebensstil ändern müssen, wird die Zukunft zeigen. Dieser können wir Herrn Kluge zufolge jedoch optimistisch entgegenblicken – zumindest, solange wir einen kühlen Kopf bewahren.

Der gute Mensch vom Kapitalmarkt

Johannes Weber vom Social Venture Fund brachte viel Schwung und Ideen in die Debatte. Als Startkapitalgeber versucht seine Firma, sozialverträgliche Innovationen zu fördern. Die positiven Seiten des Wettbewerbs – Effizienz, Feedback und Kreativität – sollen für soziale Projekte genutzt werden. Als Beispiel nannte Weber eine Initiative, die Autisten betreut und als Softwaretester beschäftigt. Autisten seien zehn mal effizienter in der Fehlersuche, dieses Kapital gelte es zum Wohle aller zu nutzen. Der Markt wird also als Mittel, nicht als Zweck verstanden.

Da konnte ihm natürlich jeder nur beipflichten. Inwiefern ist der Social Entrepreneur aber ethisch wertvoller als der Unternehmer? In den Worten des klassischen Essays von Milton Friedman: The social responsibility of business is to increase its profits. In Webers Beiträgen wirkte der freie Markt stets wie ein unsoziales Monster. Analog forderte er mehr Altruismus und neue Tugenden des Wirtschaftens, denn es brauche vor allem sinnvolles Wachstum. Nur wer entscheidet, was sinnvoll ist? – Letztlich doch der Markt.

Es scheint, als fehle vielen Ökonomen das philosophische Verständnis ihres Faches. Der Markt ist – nicht erst seit Adam Smith – der systematische Ort der Moral. Tugenden sind nötig, um seinen inhärenten Wert zu begründen und zu erläutern, nicht um ihn zu stabilisieren. Ethisch zu bewerten sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Wettbewerb und damit Wachstum stattfinden. Diese gilt es anzupassen – in sozialer und ökologischer Hinsicht. Dies kam den ganzen Abend nicht zur Sprache, weshalb viel gefiebert wurde, anstatt vor Moral zu warnen. Der gute Mensch vom Kapitalmarkt sollte dies jedoch berücksichtigen, um später nicht mit Brecht sagen zu müssen: „Gute Taten, das bedeutet Ruin!“

Eine Münchner Sommerabendgesellschaft

Die Veranstaltung der BMW Stiftung Herbert Quandt war gute Unterhaltung. Zum einen, weil der Veranstaltungsort, die von Coop Himmelb(l)au entworfene BMW Welt, ein spektakulärer Ort ist, der die Gestaltungskraft des Menschen versinnbildlicht. Zum anderen waren die Beiträge überwiegend anregend und die Diskussion eloquent moderiert. Über die „Münchner Sommerabendgesellschaft“, wie Peter Sloterdijk den Abend süffisant beschrieb, kam die Podiumsdiskussion allerdings nicht hinaus. Der angekündigte gesellschaftspolitisch visionäre Impuls war es nicht – dafür fand die Veranstaltung 20 Jahre zu spät statt.

Mittlerweile gibt es zu eben diesem Thema eine Enquete-Kommission des Bundestages, ebenso in Frankreich und Großbritannien. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat kürzlich sogar einen Wirtschaftsindex veröffentlicht, der individuellen Wohlstandskonzepten angepasst werden kann.

Mit einem Rekordgewinn im Rücken war es ein leichtes, über die Endorphine des Wachstums zu moralisieren. Über die politischen Rahmenbedingungen, die zu diesem Unternehmensergebnis führten, wurde nicht geredet – man konnte sie jedoch nebenan besichtigen. Es waren eine Menge PS. – Die Gesellschaft liegt im Fieber.

Die Podiumsdiskussion wurde von BR-alpha mitgeschnitten und wird in der Sendereihe Denkzeit voraussichtlich Anfang Juli ausgestrahlt (genauere Informationen folgen).



Weiterführende Links:

Amartya Sen – Quality of Life: India vs. China

Richard Easterlin – Does Economic Growth Improve The Human Lot? Some Empirical Evidence

Gisle Hannemyr – The Internet as Hyperbole. A Critical Examination of Adoption Rates


Die Bildrechte liegen bei der BMW Welt (Peter Sloterdijk, Johannes Weber, Gruppe) und dem Autor (Jürgen Kluge).


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Ein Kommentar auf “Was ist Wachstum – und wenn ja, wie viel?

  1. pardon, ich wollte den artikel bewerten und links beginnen ! ! der anfang war aber gleich das Ende, die technik lies es nicht WACHSEN bis 5 Hilfe

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