Volksaufstand im Frittenland

22. Feb 2011 | von Fabian Busch | Kategorie: Europa
Jetzt regt sich das Volk: In der belgischen Hauptstadt demonstrieren entnervte Bürger für ein Ende der regierungslosen Zeit.
Noch nie hat auf der Welt eine Regierungsbildung länger gedauert als gerade in Belgien. Die Politiker aber geben sich weiter unversöhnlich. Und die Bürger probieren es derweil mit Galgenhumor. Von Fabian Busch

Um 0 Uhr am 18. Februar 2011 bricht Jubel aus auf dem Vlasmarkt in Gent. Auf der Bühne übergibt eine irakische Delegation den Pokal. Bisher konnten die Belgier stolz sein auf den weltweit größten Weihnachtskuchen, den schnellsten Ironman-Teilnehmer oder das Tennis-Match mit den meisten Zuschauern. Jetzt sind sie auch Weltmeister in Regierungslosigkeit. 10.000 Menschen sind auf den Vlasmarkt gekommen, um das zu feiern. Zu feiern?

Wenn ihre Politiker jeden Tag ratloser erscheinen, so werden die Belgier langsam kreativer. In Gent hat man sich für Sarkasmus entschieden und dem fragwürdigen Weltrekord eine Party gewidmet. Zur gleichen Zeit haben Studenten im ganzen Land die „Frittenrevolution“ ausgerufen. Einen Tag lang gab es auf Veranstaltungen in Brüssel und Leuven den überall beliebten belgischen Nationalsnack umsonst – als Zeichen dafür, dass die Bürger es langsam leid sind, so lange ohne nationale Regierung zu sein. Das Nachbarland befindet sich in der größten Krise seiner Geschichte – vier Zahlen erklären, was die Belgier trennt und was sie eint.

250 Tage …

Enfant terrible der belgischen Politik: Bart de Wever will das Land in nicht allzu naher Zukunft aufteilen.
… sind der neue Weltrekord, den Belgien am 18. Februar aufgestellt hat: Die alte Bestmarke von 249 Tagen hatte einst der Irak geschafft. Am 13. Juni vergangenen Jahres haben die Belgier zum letzten Mal gewählt. Seitdem sind alle Versuche, eine Koalition zu bilden, gescheitert. Dass sich die Regierungsbildung als schwierig erweist, ist kein Wunder: Sieben Parteien – flämische Nationalisten sowie Christdemokraten, Sozialdemokraten und Grüne beider Sprachgruppen – sitzen am Verhandlungstisch. Ihre Vorstellungen von einer Reform des föderalen Staatsgefüges, das die meisten flämischen Parteien für unabdingbar halten, sind schwer vereinbar.

10 Milliarden Euro …

… sind vielleicht der eigentliche Grund für die Kluft zwischen den frankophonen Bewohner Brüssels und der teils deutschsprachigen Wallonie auf der einen und die niederländischsprachigen Flamen auf der anderen Seite. Diese Summe fließt jedes Jahr vom Norden in den Süden des Landes: Da die Arbeitslosenquote in der Wallonie und in Brüssel deutlich höher ist als im reichen Flandern, zahlen die einen über die Sozialversicherung für die anderen.

1 135 617 Stimmen …

Die Frittenrevolution: Studenten essen gemeinsam Pommes – denn die lieben Frankophone genau wie Flamen.
… hat die „Neue Flämische Allianz“ (N-VA) bei den letzten Parlamentswahlen bekommen. Die Partei des bulligen Historikers Bart de Wever will Belgien irgendwann abschaffen. Mehrere Staatsreformen sollen das Land langsam aber sicher aufteilen – so dass die Flamen nicht mehr für ihre französischsprachigen Mitbürger zahlen müssen. Sind sie Nationalisten? Separatisten? Ja, durchaus, erklärt der N-VA-Fraktionsvorsitzende Jan Jambon. Irgendwann möchte man der flämischen „Nation“ einen eigenen Staat geben. „Belgien ist gleichzeitig zu groß und zu klein“, sagt er: Zu klein sei es, weil es wichtige Aufgaben nicht mehr alleine lösen kann. Deshalb sind auch die Nationalisten der N-VA Freunde der Europäischen Union. Und zu groß sei es, weil die Regionen andere Probleme besser alleine angehen könnten. Belgien, dieses Konstrukt zwischen Supranationalität und Sprachgemeinschaften, braucht man da nach Ansicht der N-VA nicht mehr.

80 Prozent …

… aller Belgier sehen das anders. Laut der letzten Umfrage des Sozialforschungsinstituts ipsos will eine klare Mehrheit der Menschen am gemeinsamen Staat festhalten. Die Flamen entscheiden sich zwar gerne für auf Streit gepolte Parteien wie die N-VA. Das heißt aber offenbar nicht, dass auch jeder ihre separatistischen Ansichten teilt. Auch im Norden des Landes will nur eine Minderheit die Teilung. Da es aber keine belgischen Parteien gibt, sondern nur noch flämische beziehungsweise frankophone, fühlen sich die Politiker nur ihrer eigenen Sprachgruppe verantwortlich – und versuchen entsprechend Stimmen zu fangen, indem sie gegen die andere Seite austeilen. Früher habe man sich besser verstanden, hat der erfahrene Brüsseler Sozialdemokrat Philippe Moureaux in dieser Woche im Fernsehen gesagt. Vielleicht sollten die Politiker es den Studenten gleicht tun und einfach mal miteinander Fritten essen gehen.


Die Bildrechte liegen bei Daniel Basteiro/Creative Commons (Demonstration, Flugblatt) und David Cumps/Creative Commons (De Wever).


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